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Eine Mitarbeiterin der Krisenleitstelle am Telefon im Einsatz. Foto: Daniel Kilian
Eine Mitarbeiterin der Krisenleitstelle am Telefon im Einsatz. Foto: Krisennetzwerk Unterfranken/ Daniel Kilian

Soforthilfe für alle: das Krisennetzwerk Unterfranken

„Gerade auch die letzten beiden Jahre mit der Corona-Pandemie waren und sind für viele Menschen eine Herausforderung.“ Das Krisennetzwerk Unterfranken unterstützt vor allem Menschen, die akut in einer Krise stecken und Hilfe benötigen. Im Interview sprechen sie über die Hilfsangebote und warum es für sie ein großes Anliegen ist, diese Unterstützung anzubieten.

Schnell und unbürokratisch

Würzburg erleben (WE): Stellt Euch doch mal kurz vor?

Krisennetzwerk Unterfranken (KU): Das Krisennetzwerk Unterfranken ist ein kostenloses Hilfsangebot für Menschen, die in eine emotionale, soziale oder psychische Krise geraten. Wir sind rund um die Uhr 365 Tage im Jahr erreichbar und helfen diskret, kostenlos und professionell.

Das Krisennetzwerk besteht aus einer telefonischen Leitstelle und mehreren mobilen Einsatzteams. Die Leitstelle hört zu, berät und sucht mit den Anrufenden gemeinsam nach Lösungen. Die mobilen Einsatzteams können in dringenden Fällen zu den anrufenden Personen kommen und direkt vor Ort helfen und unterstützen.

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WE: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, das Krisennetzwerk zu gründen?

KU: Das Krisennetzwerk Unterfranken ist durch eine gesetzliche Änderung entstanden. 2018 ist ein neues Gesetz, das sogenannte „bay.psych KHG“ entstanden, das vorsieht, dass überall in Bayern solche Krisendienste aufgebaut werden sollen. Das Ziel ist, Menschen schnell und unbürokratisch zu helfen und Unterbringungen in Kliniken gegen den Willen der Menschen zu verhindern.

3-Stufen-System

WE: Wann wurde das Krisennetzwerk ins Leben gerufen und was wird alles geboten?

KU: Das Krisennetzwerk Unterfranken gibt es seit November 2020. So richtig offiziell unter unserer aktuellen 0800-Nummer sind wir seit 01.03.2021 zu erreichen. Bei uns bekommen die Menschen vor allem Hilfe in 3 Stufen:

1. Stufe: Wir beraten die Menschen am Telefon durch unsere Leitstelle. Dort arbeiten professionelle und erfahrene Psychologen und Psychologinnen und Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, die sich für die Probleme Zeit nehmen.

2. Stufe: Wenn die Beratung am Telefon nicht ausreicht, versuchen wir die Menschen zeitnah in für sie passende und wohnortnahe Hilfen zu vermitteln. Welche Hilfen das sind, hängt von der Art der Krise ab. Häufig ist das ein Termin bei einem Facharzt in einer Ambulanz, einem Psychotherapeuten oder einer Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle. Es kann aber auch sein, dass wir Menschen an die Schuldnerberatung, an eine Erziehungs- oder Schwangerschaftsberatungsstelle, an Suchthilfeangebote, die Telefonseelsorge, Selbsthilfegruppen und vieles mehr vermitteln. Wenn wir den Personen ambulant gar nicht helfen können und sie einverstanden sind, helfen wir auch bei der Vermittlung und Aufnahme in eine stationäre Behandlung in einer Klinik.

3. Stufe: Wenn ganz akut und sofort Hilfe vor Ort notwendig ist, haben wir die Möglichkeit, mobile Einsatzteams, sogenannte METs, zu den Leuten nach Hause zu schicken. Diese sprechen mit den Menschen und bieten Hilfe an. In unseren METs arbeiten ebenfalls ausschließlich erfahrene und professionelle Fachkräfte aus den Bereichen Psychologie, Sozialpädagogik und Fachkrankenpflege für Psychiatrie. Die mobilen Fachkräfte sind genauso wie unsere Leitstelle rund um die Uhr einsatzbereit und können in ganz Unterfranken helfen.

Zusammenwirken der Mitglieder

WE: Welche Mitglieder gehören zum Krisennetzwerk?

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KU: Betrieben und finanziert wird das Krisennetzwerk vom Bezirk Unterfranken. Zum Bezirk gehört auch unsere Leitstelle und alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die dort arbeiten. Für die mobilen Einsatzteam, die bei Bedarf zu den Menschen nach Hause kommen, werden wir tatkräftig von der AWO, der Caritas und der Diakonie unterstützt, die für das Krisennetzwerk die mobilen Einsatzteams in Unterfranken stellen und betreiben.

Krisendienste Bayern

Das mobile Einsatzteam in Würzburg zum Beispiel gehört zur „Fachstelle Suizidberatung“, dem ehemaligen Krisendienst Würzburg, und wird von dem Caritasverband Stadt und Landkreis Würzburg und dem Diakonischen Werk Würzburg betrieben. Unser Team dort hat jahrelange Erfahrung und ein großes Know-How im Umgang mit Menschen in Notsituationen.

Die Corona-Krise

WE: Warum ist das Netzwerk gerade jetzt für Euch von Bedeutung?

KU: Der Bedarf an Unterstützung ist sehr groß. Das merken wir allein an über 20 Anrufen, die jeden Tag bei uns eingehen. Gerade auch die letzten beiden Jahre mit der Corona-Pandemie waren und sind für viele Menschen eine Herausforderung. Viele haben geliebte Menschen verloren, mussten sich in ihrem Alltag einschränken oder neu orientieren und organisieren. Viele sind selbst erkrankt oder haben aufgrund von Corona finanzielle Einschränkungen erfahren und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Auch wenn wir ursprünglich nicht wegen Corona ins Leben gerufen wurden, so war es doch genau der richtige Zeitpunkt für dieses Angebot.

Auch waren wir froh, bei den tragischen Ereignissen rund um die Messerattacke am Barbarossaplatz in diesem Jahr helfen zu können. Das Krisennetzwerk hat die Funktion der „Hotline“ oder Anlaufstelle für die Betroffenen und Zeugen dieser schlimmen Ereignisse übernommen und war für die Würzburger Bürgerinnen und Bürger in dieser Ausnahmesituation da.

Für alle Volljährigen

WE: Für wen ist das Krisennetzwerk gedacht?

KU: Das Angebot richtet sich an alle volljährigen Menschen in Unterfranken, die in eine persönliche Krise geraten sind. Krisen können jeden Menschen treffen und jede Krise ist anders: Es kann dabei um psychische oder körperliche Krankheit gehen, um den Verlust eines geliebten Menschen, um Geldsorgen, den Verlust der Arbeitsstelle, um Einsamkeit, um Partnerschafts- oder Eheprobleme, Suchtprobleme, Sorgen um einen nahen Angehörigen oder einfach um eine große Überforderung. Viele Menschen die bei uns anrufen, wissen einfach nicht mehr, wie es weitergehen soll und ob sie noch weiterleben möchten. Diesen Menschen versuchen wir schnell und unkompliziert zu helfen.

Ganz wichtig ist uns, dass sich bei uns nicht nur Menschen melden können, die sich selbst in einer Krise befinden. Wir beraten und helfen auch Angehörigen, Bekannten und Kollegen und Kolleginnen, sowie anderen Fachstellen und Behörden, wenn es um die Hilfe und Versorgung von Menschen in Notlagen geht.

Hotline immer erreichbar

WE: Welche Art(en) von Unterstützung und Hilfe wird angeboten?

KU: Uns geht es vor allem darum, die Menschen zu entlasten und zu stabilisieren. Viele Menschen, die bei uns anrufen, sind schwerbelastet und haben keine Hoffnung mehr. Wir nehmen uns Zeit, nehmen ihre Anliegen ernst und versuchen zu stabilisieren und zu deeskalieren. Dafür sind unsere Psychologen und Psychologinnen und Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen besonders geschult. Außerdem versuchen wir dann mit den Anrufern eine Perspektive zu finden und ihnen weitere und möglichst zeitnahe Hilfe zu vermitteln.

Das wäre zum Beispiel eine Beratungsstelle oder eine Therapie. Die Aufarbeitung der Krise muss dann dort passieren. Wir sind für den akuten Notfall und die erste Hilfe da. Den ganzen Prozess begleiten können wir leider nicht. Wenn man sich eine Krise wie ein brennendes Haus vorstellt, dann ist unser Anliegen, den Brand zu sichern, alle Menschen in Sicherheit zu bringen. Dann muss der Brand gelöscht und das Haus repariert werden, das müssen dann andere Stellen machen. Hier unterstützen wir aber bei der Vermittlung.

WE: Ist das Angebot kostenlos? Wie kann man Euch kontaktieren?

KU: Das Angebot ist komplett kostenfrei. Weder unsere Beratung, noch die mobilen Einsätze werden in Rechnung gestellt. Die Rufnummer, unter der wir zu erreichen sind, ist die 0800/655 300. Sie ist kostenfrei, Tag und Nacht erreichbar und auf Wunsch auch anonym.

Aktiv Hilfe holen

WE: Was würdet Ihr Menschen in schweren Zeiten raten?

KU: Krisen gehören zum Leben dazu. Jeder Mensch kann in eine Krise geraten und wird mehr oder weniger schwierige und belastende Zeiten in seinem Leben erleben. Wichtig ist vor allem, dass die Menschen gut auf sich selbst Acht geben und offen und ehrlich auf sich selbst schauen und darauf, wie es ihnen aktuell geht.

Die Telefon-Seelsorge

Und wenn man feststellt, dass die Belastungen zu groß werden, ist es ganz wichtig zu wissen, dass man diese nicht alleine tragen muss, sondern dass man sich aktiv Hilfe und Unterstützung holen kann, aber auch selbst einfordern muss. Das können Freunde und Familie sein, denen man sich anvertraut aber eben auch professionelle Hilfsangebote wie unser Krisennetzwerk. Man muss mit seinen Sorgen nicht alleine bleiben.

WE: Was sind Eure Pläne für die Zukunft?

KU: Wir möchten unser Angebot zunächst vor allem bei allen Menschen in der Region bekannt machen, damit möglichst viele Menschen, die Hilfe benötigen, auch wissen, wie sie uns erreichen. Ansonsten hoffen wir, dass wir weiter wachsen werden, um noch mehr Personen helfen zu können. Gerade für unsere mobilen Einsatzteams in Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg suchen wir immer nach weiteren erfahrenen und engagierten Fachkräften, die sich gerne stundenweise im Krisennetzwerk engagieren möchten.

Stationäre Aufenthalte vermeiden

WE: Warum ist es für Euch wichtig, hier vor Ort Hilfe anzubieten?

KU: Viele Probleme können wir am Telefon besprechen. Aber es gibt auch Menschen, die so belastet sind, dass wir diese am Telefon im Gespräch nur schwer erreichen oder die die Situation allein Zuhause kaum aushalten können, die in Panik geraten oder sich überlegen, sich selbst etwas anzutun. Hierfür ist es wichtig das man zuhört, nachfragt und unterstützt. Am Telefon stößt man da manchmal an Grenzen. Es fehlt die Rückmeldung der Betroffenen durch Mimik und Gestik und es ist leichter zu entlasten und Sicherheit zu geben, wenn man vor Ort ist und direkt zu den Menschen sprechen kann.

Manchmal reicht es auch nicht aus, nur einen weiteren Termin bei einem Arzt oder einer Ärztin oder einer Beratungsstelle anbieten zu können, selbst wenn dieser innerhalb weniger Tage stattfinden kann. Es muss sich jetzt gleich jemand Zeit nehmen. Gerade für diese Fälle ist es extrem wichtig, das aufsuchende Angebot zu haben. Es macht einen großen Unterschied, ob ich mit jemandem am Telefon spreche oder ob tatsächlich jemand zu mir kommt und für mich da ist, egal wo ich mich gerade aufhalte.

Unser Anliegen ist es, soweit es geht stationäre Behandlungen in Kliniken zu vermeiden und das geht oft nur, wenn wir als Alternative die Möglichkeit haben, eine Hilfe durch eine reale Person vor Ort anbieten zu können. Auch wenn das nicht bedeutet, dass wir bei jedem Anruf immer ein Team schicken müssen.

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