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Wie kann die Sanderstraße friedlich für alle genutzt werden? (Foto: Daniel Peter)
Wie kann die Sanderstraße friedlich für alle genutzt werden? (Foto: Daniel Peter)

Politikum Sanderstraße: Alles wird gut

Mal wieder Wochenende. Vor der Bison Bar, Tscharlies Musikkneipe, der Loma Bar und dem Club Kurt & Komisch in der Sanderstraße haben sich kleine Menschentrauben gebildet. Sie alle wollen rein. Oder eben raus. Schließlich ist der Pandemie-Shutdown vorbei. Alles könnte so schön sein: urbanes Feeling, viele junge Menschen, die ihren Spaß haben. Doch der Schein trügt.

Missstand Müll

Nicht nur der Lärm auf der Sanderstraße von umherziehenden Menschen, auch der Müll wird jede Woche seit Rückkehr des Nachtlebens zum Missstand in Würzburg. Das war vor Corona so, das ist heute nicht anders. Darüber beschweren sich nicht nur die Anwohner und Anwohnerinnen, die fehlende Nachtruhe und dreckige Hinterlassenschaften beklagen. Auch Gastronomen und Gastronominnen in der Sanderstraße sind mit der Situation nicht ganz glücklich.

„Die größte Problematik sehe ich darin, dass wir uns alle einig sind, dass es in der Nacht Auswüchse annimmt, die weder für Anwohner und Anwohnerinnen noch für Gastronomen und Gastronominnen gewünscht und gewollt sind“, sagt Tilmann Horsinka, der das Booking und die Kommunikation im Kurt & Komisch verantwortet. Damit gemeint sind Menschenmassen, die sich auf der Straße sammeln, zerbrochene Flaschen, Müll und eine Menge Urin in den Hauseingängen. Auch das Kurt & Komisch sei direkt betroffen, schließlich werde auch an deren Gebäude gepinkelt und gekotzt.

Tilmann Horsinka weiß, dass der Unfrieden in der Straße vor allem daher rühre, dass sich die Menschen direkt auf öffentlichem Grund aufhalten. „Menschen auf der Straße sind Begleiterscheinungen eines kulturellen Hotspots, die man managen muss. Wir aber müssen als Kulturstätte ohne Förderung der Stadt Würzburg unseren Erhalt über Getränke erlösen. Deshalb ist es nicht in unserem Sinne, wenn die Leute ihre eigenen Getränke in die Sanderstraße mitbringen und sich dabei auf der Straße aufhalten.“ Das stifte Unruhe und führe nur zu Betrunkenen, die dann letztendlich in seinen Club wollen – vermutlich aber nicht mehr reinkommen. Und dann alternativ eben Ärger machen.

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Über die Fürsorgepflicht eines Clubs

Dort, wo das Problem nicht nur auf der Hand, sondern direkt auf der Straße zu liegen scheint, gibt es einen Lösungsansatz für Tilmann Horsinka nur wenige Meter weiter. „Wenn die Leute bei uns sind, können sie trinken und sie obliegen, gerade hinsichtlich Corona, unserer Obhut. Wir passen auf die Leute auf und schulen unser Personal, wer bei uns rein darf. Wenn es bei uns jemandem schlecht geht, bekommt er ein Wasser und im schlimmsten Fall medizinische Versorgung. Wer sich auf der Straße aufhält, bekommt das nicht. Wir haben eine Fürsorgepflicht für unsere Gäste.“

Das Kurt & Komisch beschäftigt darüber hinaus für den Innenhof und umliegenden Bereich eigens sogenannte „Ruhestifter“, die Vandalismus und Ruhestörung im Bereich des Lomas, der Bar „Hoffnung“ und des Clubs verhindern. Man habe der Polizei sogar angeboten, die „Ruhestifter“ in der gesamten Sanderstraße arbeiten zu lassen, so Tilmann Horsinka. Doch diesen Job behalte sich die Polizei für ihr Hoheitsgebiet vor.

Die Sanderstraße in Würzburg. Foto: Pascal Höfig

Die Sanderstraße in Würzburg. Foto: Pascal Höfig

Stadt Würzburg beschreibt online die „Kneipenmeile“

Dass die Sanderstraße ein beliebter Treffpunkt ist, weiß auch die Stadt, die auf ihrer Website die Straße als „Kneipenmeile“ bezeichnet. Deshalb sei man an einem „fairen Ausgleich“ der unterschiedlichen Interessen interessiert. Dafür stehe man im regelmäßigen Austausch mit den Gastronomen und Gastronominnen vor Ort. Zudem werde die Straße täglich morgens gereinigt. „Derzeit wird ein innerstädtisches Konzept erarbeitet, mit dem Ziel, einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Nutzungsarten herbeizuführen. Bei der Erstellung von diesem wird man sich auch mit den Stadtreinigern abstimmen. Das Konzept wird demnächst dem Stadtrat zur Beratung vorgelegt“, so der städtische Pressesprecher Georg Wagenbrenner.

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Beschwerden in Relation setzen

Da es rund um die Kneipenmeile in der Vergangenheit immer wieder Unmut gegeben hat, gab es bereits vor der Pandemie einen runden Tisch. Mit dabei war unter anderem auch Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Doch vonseiten der Anwohner und Anwohnerinnen kam zum Termin damals niemand.

Dazu sagt Horsinka: „Die Kompromisse müssen erarbeitet werden. Wir sprechen nämlich niemandem das Recht auf Nachtruhe ab. Wir müssen das nur in Relation zur Wahrnehmung setzen. Wenn am Wochenende tausende Leute in der Sanderstraße das Leben genießen und das kulturelle Angebot und dann drei Leute sagen, sie können nicht schlafen, dann ist eine Stadtgesellschaft aufgefordert, Kompromisse zu finden.“ Die Beschwerdeführer und -führerinnen seien immer die gleichen, sprechen aber wohl für die „gesamte Nachbarschaft“. Einen Nachweis dafür zu finden, wer eigentlich für wen spricht, ist schwierig. Schließlich gäbe es keine Petition oder ähnliches.

Beratungen, aber ohne Schaum vor dem Mund

Um die Situation zu entschärfen, wünscht sich der Booker des Kurt & Komisch eines dringend: „Wir wollen Beratungen mit allen Beteiligten, aber bitte ohne Schaum vor dem Mund.“ Nur so könne das Thema dauerhaft geklärt werden und nicht alle zwei bis drei Jahre erneut aufflackern.

Denn: „Würzburg hat nach der Einwohnerzahl den Anspruch, eine Großstadt zu sein. Mit den entsprechenden Vorteilen, ein attraktiver Standort für Studierende und Azubis. Und auch mit dem Vorteil für diejenigen, die in der nachgelagerten Szene beruflich heimisch werden. Es reicht ein Blick in jede größere Stadt, um festzustellen, dass dieses Miteinander von Gesellschaftsschichten eine Aufgabe und essenzielle Voraussetzung für eine lebendige Stadt ist.“ Und dazu gehöre auch das Nachtleben wie in der Sanderstraße.

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Diese Recherche erschien zuerst auf main-ding.de.

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