Banner
Alexander von Boxfish während des Sea-Eye Projektes. Foto: Boxfish.
Alexander von Boxfish während des Sea-Eye Projektes. Foto: Boxfish.

„Route 4“ – Würzburger dreht Kinofilm über Sea-Eye Rettungsaktionen

Wer sagt, dass man, um einen guten Film zu drehen, in Berlin, Hamburg oder einer anderen Großstadt leben muss? Der ehemalige Würzburger Student Alexander Draheim hat bewiesen, dass dies auch als Würzburger geht! Bereits vor zwei Jahren haben wir schon über ihn und sein Engagement in der Seenot-Rettung berichtet. 2014 hat der Medienmanagement-Absolvent seine eigene Agentur für audiovisuellen Content „Boxfish“ gegründet. Um etwas „Sinnvolles“ für die Welt und Gesellschaft zu tun, ist er daraufhin eine Kooperation mit der NGO Sea-Eye eingegangen. Dadurch ist der Film „Route 4“ entstanden.

Der Film behandelt den Aufbruch und die Reise geflohener Menschen aus Afrika durch Niger, Libyen und über das Mittelmeer nach Europa. Am 24. November startet er deutschlandweit in den Kinos. Der Film wurde insgesamt in 7 Ländern gedreht und bei zwei oskarqualifizierenden Filmfestivals nominiert. Außerdem konnte David Nathan (Synchronstimme von Johnny Depp und Christian Bale) als Sprecher gewonnen werden. Wie die Idee zu dem Film entstanden ist, inwiefern Alexander selbst involviert war und warum man sich den Film anschauen soll, haben wir ihn in einem Interview gefragt.

In Würzburg studiert

Würzburg erleben (WE): Erzähl doch mal etwas über Dich: Wer bist Du? Was machst Du? Was verbindet Dich mit Würzburg?

Alexander: Ich wohne seit 2016 in Würzburg und habe hier Medienmanagement (BA) und Marken- und Medienmanagement (MA) studiert. 2014 habe ich mich selbstständig gemacht und dann später „Boxfish“ gegründet. Wir sind eine Agentur für audiovisuellen Content, d.h. wir erstellen alles, was man anschauen und anhören kann. Allerdings ausschließlich Werbung/B2B vor allem im Tourismusbereich. Wir arbeiten viel im Allgäu, Füssen und in Österreich. Da wir aber auch etwas „Sinnvolles“ tun wollten, hat sich über die Kooperation mit der NGO Sea-Eye das Projekt „Route 4“ entwickelt.

Rectangle
topmobile2

WE: Um was geht es in dem Film „Route 4“?

Alexander: „Route 4″ behandelt den Aufbruch und die Reise geflohener Menschen aus Afrika durch Niger, Libyen und über das Mittelmeer nach Europa.

WE: Inwiefern bist Du an dem Film beteiligt?

Alexander: Ich durfte die erste Mission des Schiffs „Alan Kurdi“ und damit eine von insgesamt fünf Missionen, die für den Film notwendig waren, begleiten.

Aus Korrespondenz wurde ein Filmprojekt

WE: Wann und woher kam die Idee dazu, diesen Film zu drehen?

Alexander: Wir waren als Medienpartner ursprünglich für Film und Fotografie an Bord sowie die Korrespondenz mit der internationalen Presse während der Einsätze verantwortlich. Irgendwann hat sich dann alles in Richtung eines größeren, umfassenderen Projektes bewegt, da wir schließlich schon einiges an Material gesammelt hatten.

WE: Was genau ist „Sea-Eye“ überhaupt? Was konnte die Organisation bisher erreichen?

Alexander: Seit seiner Gründung im Jahr 2015 hat Sea-Eye mit insgesamt 4 Schiffen über 15.500 Menschen aus Seenot retten können. Die Schiffe und Crews wurden über die Jahre immer größer und professioneller, sodass Sea-Eye mittlerweile von einem kleinen Regensburger Verein zu einer mittelgroßen NGO angewachsen ist, die sowohl an Land als auch auf dem Schiff ca. 20 Menschen beschäftigt.

Rectangle2
topmobile3

Viel Arbeit wird dabei bei Sea-Eye immer noch ehrenamtlich gestemmt: In den letzten Jahren haben sich über 1500 Menschen freiwillig bei Sea-Eye engagiert und mittlerweile hat der Verein 30 Lokalgruppen in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, die das Thema Seenotrettung auch in die Bevölkerung bringen und mit Sea-Eye und anderen Organisationen dafür kämpfen, dass die EU endlich ihrer Verantwortung im Mittelmeer gerecht wird.

Sea-Eye bei einer Rettungsaktion. Foto: Boxfish.

Sea-Eye bei einer Rettungsaktion. Foto: Boxfish.

„Wir wollten etwas bewirken“

WE: Inwiefern bist Du sonst noch bei „Sea-Eye“ involviert?

Alexander: Ich selbst war nur bei einer Mission dabei, unsere Firma hat aber bisher fünf begleitet und wird in Zukunft auch weiter unterstützen. Wir springen auch häufig ein, wenn Fundraising-Videos o.ä. benötigt werden.

WE: Was war der Grund für Deine Beteiligung an der Seerettung als Medienbegleitung?

Alexander: Wir wollten einfach etwas bewirken, anpacken, helfen. Niemand von uns ist Arzt, Kapitän oder Maschinist aber wir können dokumentieren und mit (Bewegt-)Bildmaterial Spenden generieren, welche Missionen erst ermöglichen. Das traurige ist, dass es zivile Organisationen braucht, da sonst tausende Menschen mehr ertrinken würden. Hier ist dringend eine europäische Lösung notwendig, die nicht involviert, Menschen in unsichere Heimatländer zurückzuschicken oder in die KZ-ähnlicher Lager in Libyen, in denen Folter, Vergewaltigung, Versklavung und Tod an der Tagesordnung stehen.

Mindestens 25 Kinos

WE: Wann und wo kann man den Film sehen?

Alexander: Der Film startet am 24.11. Aktuell zeigen 25 Kinos den Film, weitere werden dazu kommen. Für Würzburg haben wir noch keinen festen Termin, es wird allerdings Vorführungen geben. Das Cairo hat bereits zugesagt, Central und Casablanca (in Ochsenfurt) befinden sich noch in Gesprächen mit der Sea-Eye Lokalgruppe Würzburg, die hier die Organisation übernimmt.

WE: In welchen Sprachen kann man sich den Film anschauen?

Alexander: Der Film wird im Kino in deutscher Fassung laufen. Im Streaming (ab 1.4.22) wird es dann auch eine englische Version geben. Was uns besonders freut ist, dass wir für die deutsche Version den bekannten Synchron- und Hörbuchsprecher David Nathan gewinnen konnten und der Rapper Tua den Titeltrack liefert.

WE: Welches Ziel verfolgt Ihr mit dem Film?

Alexander: Aufmerksamkeit. Wir möchten es möglichst vielen Menschen ermöglichen, sich mit der unmenschlichen Flucht und den Ursachen auseinander zu setzen. Route 4 ist kein Werbefilm für eine NGO und deren häufig glorifizierten Taten in anderen Filmen. Hier geht es um Einzelschicksale. Viel zu wenige Leute setzen sich ernsthaft hin und hinterfragen, was eine junge Frau, einen alten Mann, einen Teenager bewegt, seine Familie, seine Heimat, seine Kultur, seine Sprache hinter sich zu lassen und auf dem Weg ggf. zu sterben. Das hat nichts mit Wirtschaftsflucht zu tun.

Warum „Route 4“?

WE: Wieso der Name „Route 4“?

Alexander: Es gibt mehrere Fluchtrouten über das Mittelmeer. Wenn man diese von Westen nach Osten durchzählt, ist die zentrale Mittelmeerroute die Route 4. Die tödlichste und am meisten frequentierte von allen.

WE: Wieso sollte man sich den Film anschauen?

Alexander: Wir versuchen mit Route 4 einen ganzheitlichen Blick auf die Thematik zu ermöglichen, das fängt bei individuellen Schicksalen und Fluchtursachen an, geht über die Belastung der Crew an Bord bis zu den politischen Auseinandersetzungen beim Anlagen an europäischen Häfen. Das Thema ist kein einfaches, zu pauschalisierendes. Aber es ist ein wichtiges, europäisches, das in den letzten Jahren etwas an medialer Relevanz verloren hat. Das ändert aber nichts dran, dass bis zum 22.09.2021 schon 1.385 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, die nicht gerettet werden konnten, darunter viele Kinder. Wie hoch die Dunkelziffer ist, will ich gar nicht wissen.

Letztendlich geht es darum, Bewusstsein zu schaffen und Menschen zum Engagement bei Sea-Eye oder einer anderen NGO und zum Spenden zu bewegen. An dieser Stelle möchte ich auch noch darauf hinweisen, da dieses „Argument“ gerne vorgebracht wird, dass das Vorhandensein von Seenotrettungs-NGOs kein Pullfaktor ist, der mehr Menschen ermutigt, das Mittelmeer zu überqueren. Die Forschung zeigt ganz klar, dass Menschen den Weg so oder so wagen. Nur die Mortalität steigt, wenn keine Schiffe vor Ort sind.

Das Filmplakat von Route 4. Foto: Boxfish.

Das Filmplakat von Route 4. Foto: Boxfish.

Passion Project

WE: Ist das Dein Hauptberuf oder machst Du sonst noch etwas nebenbei?

Alexander: Route 4 hat sich zwar manchmal angefühlt als wäre es eine Vollzeitbeschäftigung, ist aber tatsächlich nur ein Passion Project. Hauptberuflich bin ich Geschäftsführender Gesellschafter und Produzent bei Boxfish.

WE: Welche Ziele verfolgst Du und was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Alexander: Zum einen hoffen wir natürlich auf einen größtmöglichen Erfolg unseres Herzensprojekts, das uns die letzten Jahre begleitet hat. Auch für alle Freelancer, die bei dem Projekt beteiligt waren (insgesamt haben mehr als 30 Personen mitgewirkt), würde es mich freuen, wenn der Film eine Referenz wird.

Die internationalen Festivalsiege sind hier schon ein guter Startpunkt. Bestenfalls wird es in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr nötig sein, über solche Themen zu sprechen, da Fluchtursachen reduziert und eine europäische Lösung gefunden wird. Als Firma tun wir eigentlich das schon, was unser Ziel von Beginn war: Für Kunden auf Augenhöhe Filme und Fotos zu produzieren, die durchdacht und ästhetisch sind und dabei den Luxus zu haben, sich die Projekte auszusuchen, die am besten zu uns und unserer Mission passen.

Banner 2 Topmobile