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Anwalt Roj Khalaf auf dem Balkon seiner Kanzlei auf der Alten Mainbrücke. Foto: Roj Khalaf
Anwalt Roj Khalaf auf dem Balkon seiner Kanzlei auf der Alten Mainbrücke. Foto: Roj Khalaf

Wir fragen Roj: Wie ist es als Anwalt mit Migrationshintergrund in Würzburg?

Roj kam 1996 nach Deutschland und hat nach eigenen Aussagen als erster Syrer mit kurdischen Wurzeln beide juristische Staatsexamina in Würzburg abgeschlossen. Nun betreibt er seit dem letzten Jahr eine eigene Kanzlei an der Alten Mainbrücke. Wie er dazu kommt, ob Anwalt schon immer sein Traumberuf war und ob Rassismus ein Thema im Studium war, verrät Roj im Interview.

Mit 8 Jahren nach Deutschland gekommen

Würzburg erleben (WE): Hallo Roj, erzählt doch einmal von Dir: Wer bist Du, was machst Du, was gefällt Dir an Würzburg so sehr?

Roj: Ich bin Roj, 32 Jahre alt. Ich bin in Syrien geboren und bin kurdischer Volkszugehörigkeit. Aufgewachsen bin ich in Ostwestfalen (NRW). Dort habe ich das Abitur und eine Ausbildung zum Freizeitsportleiter gemacht, bevor ich für das Studium der Rechtswissenschaften und ein Studium in Europarecht nach Würzburg gezogen bin. Ich beherrsche meine eigentliche Muttersprache Kurdisch nahezu auf demselben Niveau wie Deutsch. Im Übrigen verstände ich mich auf Englisch, Spanisch und Arabisch.

Bis zum Abitur habe ich meine Freizeit in erster Linie mit Fußball verbracht. Als Vereinsspieler war ich beim SC Herford in der Landesliga/Bezirksliga aktiv.

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Würzburg begeistert mich immer wieder als Stadt, mit seiner Natur, Lage, Wetter und dem Volk. Ich empfinde Würzburg als eine sehr offene und dynamische Stadt. Ich habe hier alles, was ich brauche. Obwohl die Entfernung zu meiner Familie in Ostwestfalen recht groß ist, habe ich Würzburg endgültig zu meiner Heimat erklärt.

WE: Seit 1996 lebst Du in Deutschland, Deine Wurzeln hast Du aber in Syrien. Möchtest Du erzählen, wie Du dazu kamst, in ein neues Land zu immigrieren?

Roj: Mein Vater wollte nicht für den diktatorischen Staat Syrien, der zudem die kurdische Identität, das kurdische Volk leugnet, als Soldat dienen und hat daher den 3-jährigen Wehrdienst verweigert. Schließlich gab er sein Jura Studium kurz vor den Abschlussprüfungen auf und wanderte schließlich 1992 nach Russland aus, bevor er dann 1996 nach Deutschland einwanderte. Im selben Jahr 1996, als ich knapp 8 Jahre alt war, kam ich zusammen mit meinem jüngeren Bruder und meiner Mutter im Wege des Familiennachzugs zu ihm nach Deutschland.

Strafverteidiger als Traumberuf

WE: Mittlerweile hast Du Jura in Würzburg studiert und führst seit letztem Jahr eine eigene Kanzlei. Hast Du schon immer davon geträumt, Anwalt zu werden?

Roj: Ja. Ich wollte vor allem Strafverteidiger werden und irgendwann meine eigene Kanzlei haben. Das war der Grund, weshalb ich Jura studiert habe. Dass ich bereits nach so kurzer Zeit meine eigene Kanzlei führe, hatte ich damals natürlich so nicht geplant. Dennoch bin ich sehr glücklich darüber.

WE: Auf welchen Schwerpunkt hast Du Dich spezialisiert?

Roj: Mein absoluter Schwerpunkt ist das Strafrecht. Den Fachanwaltslehrgang Strafrecht habe ich bereits letztes Jahr erfolgreich absolviert. Die erforderliche Anzahl an Fällen und Hauptverhandlungstagen habe ich ebenfalls schon erreicht. Die letzte Voraussetzung – 3 Jahre Zulassung als Rechtsanwalt – fehlt noch. Danach darf ich offiziell den Titel „Fachanwalt für Strafrecht“ führen.

Da ich zusammen mit den MainAnwälten in Bürogemeinschaft zusammenarbeite, decken wir zusammen auch weitere Rechtsgebiete, wie Erbrecht, Arbeitsrecht und allgemeines Zivilrecht ab. Meine Kollegin RAin Andrea Riedi ist zudem Fachanwältin für Familienrecht.

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„Jeder sollte die Privilegien genießen“

WE: War es für Dich schwierig, Dich im Studium zurechtzufinden?

Roj: Nein. Ich hatte großes Glück, großartige Menschen um mich herum und hatte insgesamt nicht mehr Schwierigkeiten als der durchschnittliche Jura-Student.

WE: Wenn Du auf Dein Studium zurückblickst: An welche schönen und welche nicht so schönen Momente denkst Du als Erstes?

Roj: Das Studium war ein neuer Lebensabschnitt. Neue Stadt, neues Umfeld und die erste eigene Wohnung. Das war alles sehr aufregend. Die unschönen Momente habe ich verdrängt – ein kurdisches Sprichwort (reimt sich): „Tiştê çu , nede du“ („Hänge dem nicht hinterher, was vorbei ist“).

WE: Musstest Du auch Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung oder gar Benachteiligung machen?

Nein.

WE: Musstest Du in dieser Hinsicht auch negative Erfahrungen im Berufsalltag machen? Ist die Toleranz hier in Bayern hoch?

Roj: Im Berufsalltag selbst erlebe ich keine nennenswerten negativen Erfahrungen. Insbesondere weil ich bereits im ersten Jahr große Prozesse in Gießen, Kassel, Trier usw. geführt habe, beschränkt sich meine Tätigkeit nicht auf Bayern. Im Übrigen empfinde ich Würzburg bzw. Bayern selbst als sehr weltoffen und tolerant!

WE: Was rätst Du Leuten mit Migrationshintergrund, die ebenfalls Interesse an einem Jura Studium haben?

Roj: Jeder sollte die Privilegien in diesem wundervollen Land genießen und die Chance nutzen, um seinen Träumen und Zielen nachzugehen. Das Jura-Studium bringt sicherlich extreme Herausforderungen in vielerlei Hinsicht mit sich. Aber es ist machbar.
Man sollte sich nicht allzu sehr von den hohen Durchfall-Quoten abschrecken lassen. Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig und nicht transparent.

Entscheidend ist, dass man für das Studium und den Beruf brennt. Ich empfehle dringend mindestens ein oder besser zwei Praktika von jeweils mindestens 4 Wochen in kleineren, mittelgroßen Kanzleien, um die jeweiligen Tätigkeiten kennenzulernen. Auch wenn das Studium kaum etwas mit der Praxis gemein hat, so können Praktika wertvolle Erkenntnisse bringen.

WE: Was wünschst Du Dir für Deine Zukunft?

Roj: Gesundheit.

Unsere Rubrik „Wir fragen…“

In unserer Rubrik „Wir fragen…“ stellen wir Persönlichkeiten aus Würzburg und der Umgebung aus den verschiedensten Lebensbereichen vor und fragen sie nach ihren Erfahrungen. Wen wolltest Du schon immer mal etwas Bestimmtes fragen? Schreib uns per Mail an redaktion@wuerzburgerleben.de oder kommentiert unter unserem Facebook-Posting!

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