Juli und Vivi kreiden die Catcalls von Betroffenen wortwörtlich an und möchten dem Thema so mehr Aufmerksamkeit schenken. Foto: Privat
Juli und Vivi kreiden die Catcalls von Betroffenen wortwörtlich an und möchten dem Thema so mehr Aufmerksamkeit schenken. Foto: Privat

catcallsofwue: Auf Instagram gegen verbale sexuelle Belästigung

„Catcalling“ bezeichnet verbale sexuelle Belästigung. Häufig kommen anzügliche Nachrufe noch vor, Betroffene fühlen sich danach häufig unwohl und unsicher. Julia und Vivien aus Würzburg möchten sich für das Thema einsetzen und machen mit ihrem Account „catcallsofwue“ auf das Problem aufmerksam, indem sie Opfern von Catcalling ein Gehör verschaffen und ihre Erfahrungen auf den Straßen Würzburgs „ankreiden“. Was steckt dahinter?

Aktiv gegen verbale sexuelle Belästigung

Würzburg erleben: Wer steckt hinter dem Account „catcallsofwue“? Was bekommen Follower hier zu sehen?

Julia: Vivi und ich sind beide 17 Jahre und alt und besuchen derzeit die 11. Klasse der St. Ursula-Schule in Würzburg. Wir sind sehr gut befreundet und kennen uns schon seit der 5. Klasse.

Auf unserer Seite bekommt man sogenannte „catcalls“ zu sehen, also verbale sexuelle Belästigung. Personen erzählen uns, was ihnen zugestoßen ist und wir schreiben das wiederum mit Kreide am Ort des Geschehens nieder. Die Fotos und Story dahinter posten wir dann auf Instagram.

WE: Was sind „Catcalls“ und worin besteht das Problem?

Julia: Catcalls bezeichnen verbale sexuelle Belästigung, die meist in der Öffentlichkeit vorkommt. Der Name leitet sich von den Geräuschen ab, die während der Belästigung von sich gegeben werden, wie z.B. „roar“ oder andere katzenartigen Geräusche. Das Problem dahinter ist, dass es meist als Kompliment abgestempelt wird, wenn sowas wie „Ey, geiler Arsch“ hinterhergerufen wird. Das ist es aber auf keinen Fall! Ein weiteres Problem sind Menschen, die das mitbekommen und nichts dazu sagen. Besonders junge Betroffene sind in solchen Momenten schutzlos und suchen Hilfe bei Passanten, welche häufig einfach weitergehen.

WE: Wie seid ihr darauf gekommen, eine Aktion auf Instagram zu starten und was möchtet ihr damit erreichen?

Julia: Die Idee ist tatsächlich relativ spontan entstanden und wir hätten niemals gedacht, dass es wirklich so gut ankommen würde. Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass es für Würzburg noch keinen Account gibt und fünf Minuten später wurde @catcallsofwue eröffnet. Zudem sind wir beide in Bereichen wie Umweltschutz oder Gleichberechtigung aller Menschen aktiv und haben daher oft mit Problemen wie sexuelle Belästigung zu kämpfen. Demos haben uns nicht mehr gereicht – wir wollten noch aktiver sein.

Uns ist durchaus bewusst, dass die Einstellung vieler Passanten und Täter durch uns nicht geändert wird. Aber uns geht es viel mehr darum, dass man einschreitet, wenn man so etwas mitbekommt und dass man sieht, wie präsent dieses Problem heute noch ist.

 

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Problem wird noch belächelt

WE: Anzügliche Nachrufe kommen heutzutage immer noch oft vor – woran liegt das?

Julia: Es war schon immer ein Problem und das wird es leider auch immer bleiben. Solange so viele Leute dieses Thema belächeln und ignorieren, wird sich das Verhalten der Menschheit nicht ändern.

Und besonders in Zeiten von Deutschrap ist keine Besserung in Sicht. Wenn Jugendliche durchgehend Texte wie „Es ist Kampfgeschrei, was nachts aus unserem Schlafzimmer dringt, weil dank mir in deinem Gleitgel ein paar Glassplitter sind“ oder „Schlag dir die Zähne raus, man hört nur noch dein Fotzengeschrei, logge mich ein bei Instagram, es wird auf Story geteilt“ von ihren Idolen geboten bekommen, kann man ja auch keinen respektvollen Umgang mit Frauen von ihnen erwarten. Es werden so viele Plattformen geboten, die Kindern und Jugendlichen jegliche Form von Respekt und Toleranz entziehen.

WE: Welche Auswirkungen kann Catcalling auf Betroffene haben?

Julia: Viele Betroffene fühlen sich seit dem Vorfall sehr unwohl. Auch wir bekommen immer wieder Nachrichten, in denen Opfer berichten, dass sie nie wieder einen Rock oder eine Choker-Kette tragen wollen. Andere meiden Orte oder gehen ungern alleine irgendwo hin.

WE: Sind auch Männer betroffen?

Julia: Ja, allerdings nicht sonderlich viele (zumindest bei uns). Wir haben bisher nur einen Fall von einem Mann gemeldet bekommen.

Passanten können helfen

WE: Wie reagiert man richtig auf diese Art von sexueller Belästigung?

Julia: Oftmals wird empfohlen, den Täter anzubellen oder ganz laut und hysterisch zu schreien. Natürlich hört sich das erstmal sehr kurios und witzig an, es ist aber nützlich. Denn durch diese Geräusche irritiert man nicht nur den Täter, man lenkt die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich und hat somit mehr Sicherheit. Falls man dazu keinen Mut hat, sollte man Passanten direkt ansprechen – zum Beispiel „Ey, Sie da mit der braunen Jacke!“.

WE: Bekommt ihr häufig Nachrichten von Betroffenen? Wie sind die Reaktionen der Leute auf das Profil und die Aktionen?

Julia: Vor Corona haben uns circa 2 bis 5 Nachrichten pro Woche erreicht, momentan sind es eher 1 bis 2. Im Sommer sind Nachrichten allerdings auch häufiger, da man dann eher draußen ist und man sich auch „freizügiger“ kleidet.

Die Reaktionen im Netz sind hauptsächlich sehr positiv – wir hatten bisher nur eine Gruppe von Männern, die meinten, sie müssten witzig sein. Zu dritt haben sie sich getraut, sich unter unsere Beiträge kontrovers zu äußern und eher unpassende Kommentare zu hinterlassen. Ansonsten bekommen wir sehr viel Zuspruch und Unterstützung. Das Problem liegt eher in der Öffentlichkeit, wenn wir ankreiden. Neben vielsagenden Blicken und Gelächter bekommen wir auch ab und zu mal einen blöden Spruch gedrückt oder es wird uns mit der Polizei gedroht.

uli und Vivi kreiden die Catcalls von Betroffenen wortwörtlich an und möchten dem Thema so mehr Aufmerksamkeit schenken. Foto: Privat

Juli und Vivi kreiden die Catcalls von Betroffenen wortwörtlich an und möchten dem Thema so mehr Aufmerksamkeit schenken. Foto: Privat

WE: Eine FHWS Studentin fordert Catcalling als Strafbestand im Gesetz aufzuführen. Seid ihr derselben Meinung?

Julia: Wir sind der Meinung, dass Catcalling auf jeden Fall strafbar sein sollte! Zum einen würden viel mehr Menschen davor zurückschrecken und zum anderen hätte man eine Anlaufstelle bei der Polizei. Dadurch fühlt man sich dem Ganzen nicht komplett wehrlos ausgesetzt und man könnte Tätern mit der Polizei drohen.

Viele haben hierbei Bedenken, dass es nicht nachvollziehbar wäre und man auch einfach so jemanden beschuldigen könnte. Das mag zwar manchmal vorkommen, aber auch Beleidigungen sind strafbar und die kann man ebenfalls nicht nachweisen. Wenn ich jemanden wegen „Blöde Kuh“ anzeigen kann, weil ich dadurch meine Würde verletzt sehe, warum dann nicht bei Sprüchen wie „Dich knall ich heute!“, was einen noch viel härter treffen und verunsichern könnte?

WE: In den Kommentaren zum dazu gehörigen Facebookposting kamen auch Äußerungen vor wie „Was soll daran sexuelle Belästigung sein?“, „Die Frauen freuen sich doch darüber“ und „So wie die aussieht, kann sie doch froh sein, dass ihr nachgepfiffen wird“. Teilweise wird auch die Kleidung der Frauen dafür verantwortlich gemacht. Diese Äußerungen stammen nicht nur von Männern – was sagt ihr zu solchen Aussagen?

Julia: Solche Kommentare finden wir einfach lächerlich! Komplimente können ganz klar von sexueller Belästigung unterschieden werden. „Du hast schöne Augen“ oder „Du hast eine schöne Ausstrahlung“ würde keiner jemals als negativ empfinden. Aber solange mir jemand etwas entgegenwirft, was eindeutig sexuell ist und sich auf die Figur, insbesondere Brüste, Po, etc. bezieht, ist es einfach nur unangenehm! Die Täter meinen es in dem Moment auch nicht als Kompliment, sondern als eine Art sexuelle Aufforderung. Zudem haben wir eine Art Leitfaden für uns und solche Fälle gefunden: Sachen, die du nicht wollen würdest, dass man sie zu deiner Mutter oder deinem Partner sagt, sind Catcalls. Denn wer will schon, dass jemand der eigenen Mutter „Geiler Arsch!“ hinterherruft?

Wenn Leute meinen, dass Klamotten der Grund sind, zeigt das erneut, wie Frauen objektiviert werden. Ich ziehe Klamotten an, weil ich mich darin hübsch und wohl fühle und nicht, um von einem Fremden anzügliche Sprüche zu kassieren. Wir sollten Mädchen nicht beibringen, wie man sich anzieht, sondern Jungs, wie man sich benimmt. Es kommt so gut wie nie vor, dass man im Schwimmbad, wo man nur einen Bikini oder eine Badehose anhat, belästigt wird. Aber wenn ich eine kurze Hose und ein Spaghettiträger-Top trage, ist das anzüglich? Zudem erhalten wir oft in unseren Nachrichten die Info, dass die Opfer eine Jogginghose trugen und ungeschminkt waren.

Demos geplant

WE: Wie setzt ihr Euch außerhalb von Instagram gegen Catcalling ein?

Julia: Wir sind fast auf allen Demonstrationen in der Stadt anzutreffen, die sich mit Umwelt, Feminismus, Pride und Vorgehen gegen die AfD beschäftigen. Da Catcalling ein Thema ist, welches hauptsächlich Frauen betrifft, sind feministische Demonstrationen für unsere Seite natürlich am bedeutendsten. In der Zukunft planen wir auch Demos, bei denen wir gezielt das Thema sexuelle Belästigung ansprechen.

WE: Was kann jeder Einzelne gegen diese Form von verbaler sexueller Belästigung tun?

Julia: Einfach eingreifen! Wenn man so etwas miterlebt, sofort gegen den Täter gehen und der betroffenen Person helfen und auch im Nachhinein Hilfe anbieten. Sie eventuell ein Stück begleiten oder sie in ein belebteres Umfeld bringen (raus aus dunklen Gassen, rein in die Stadt). Falls es zu körperlichen Übergriffen kommt, sofort die Polizei rufen! Auf keinen Fall sollte man einfach weiterlaufen und wegsehen.

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