Das Gründerteam von Eye-Able. Foto: Eye-Able.
Das Gründerteam von Eye-Able. Foto: Eye-Able.

Barrierefreiheit im Internet – Interview mit Eye-Able

Dass Barrierefreiheit ein sehr gefragtes Thema ist, ist nichts Neues. Immer mehr Städte und Unternehmen setzen sich dafür ein, einen barrierefreien Zugang für alle zu ermöglichen. Doch wie sieht es mit dem Internet aus? Besonders für Menschen mit einer Sehbehinderung gestaltet sich der Aufenthalt im World Wide Web als Herausforderung – die Texte und Bilder sind klein – das Lesen schwer möglich. Darum haben es sich Geschäftsführer Oliver Greiner und drei weitere Würzburger zur Aufgabe gemacht, visuelle Barrierefreiheit im Internet zu fördern.

Barrierefrei im WWW

Sie gründeten das Unternehmen Eye-Able. Durch die Installation ihrer Software können Webseitenbetreiber ihren Usern einen barrierefreien Zugang zu ihrer Website verschaffen – die Nutzer können die Seite dann an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen. Doch die Finanzierung eines derartigen Projektes erweist sich als schwierig, weswegen Eye-Able ein Crowdfunding gestartet hat. Was hinter ihrem Projekt sonst noch steckt und wie sie dazu kamen, haben sie uns in einem Interview verraten.

Würzburg erleben (WE): Erzählt doch mal etwas über Euch: Wer seid Ihr? Was macht Ihr? Was verbindet Euch mit Würzburg?

Eye-Able: Das Gründerteam besteht aus vier Personen. Oliver Greiner ist Geschäftsführer und verfolgt die Idee einer Software für visuelle Barrierefreiheit schon seit drei Jahren. In seinem E-Commerce-Studium erwarb er die nötigen Kenntnisse zur Vermarktung von Software im Internet. Sein Bruder Tobias Greiner ist Programmierer. Mit einem Doppel-Bachelor-Studium der Informatik und Luft- und Raumfahrttechnik und dem nachfolgenden Masterstudium der Informatik bringt er alle nötige Expertise mit und hat Erfahrung mit neuronalen Netzen. Christian Schmidt übernimmt den Bereich Marketing und Design. Wie Oliver Greiner absolvierte er ein E-Commerce Studium, davor eine Ausbildung als Grafikdesigner. Beide sind bereits mehrere Jahre im Bereich Web-Development tätig. Eric Braun ist für finanzielle und betriebliche Angelegenheiten zuständig. Er studiert aktuell Wirtschaftswissenschaft und konnte erste unternehmerische Erfahrungen im Immobilien- und Hausverwaltungsbereich sammeln.

Was uns mit Würzburg verbindet ist, dass wir hier alle aufgewachsen sind, hier studiert haben und auch unser Unternehmenssitz gezielt in Würzburg gewählt wurde. Auch alle Personen, die mit dem Entstehen der Idee zutun hatten und an dem Anfang des Prozesses beteiligt waren, kommen aus Würzburg und Umgebung.

Nur noch 15% Restsehfähigkeit

WE: Wie kamt Ihr zu der Idee? Kennt Ihr selbst jemanden, der aufgrund von Internetbarrieren Probleme hat?

Eye-Able: An dem Thema Barrierefreiheit arbeite ich (Oliver Greiner) mittlerweile schon seit über drei Jahren. Persönlich hatte ich aber mit Barrierefreiheit schon viel früher Erfahrungen sammeln können, da einer meiner besten Freunde Lennart aufgrund einer genetischen Erkrankung nur noch ungefähr 15% Restsehfähigkeit besitzt. Schon in der Schule musste ich ihm als sein Banknachbar die Tafel vorlesen, da er nicht selbst lesen konnte und habe hautnah erlebt, welche Probleme er bei der Nutzung von Webseiten hat aufgrund schlechter Lesbarkeit und daraus resultierender Bedienbarkeit. Es ging soweit, dass er seinen Computer fast nicht mehr benutzen wollte. In meinem Studium E-Commerce wollte ich dann eine Lösung schaffen für diese Probleme, die Lennart und viele weitere Personen täglich bei der Nutzung von Webseiten aufweisen. So ist die Software Eye-Able entstanden.

Design und mobile Version der Software von Eye-Able. Foto: Eye-Able.

Design und mobile Version der Software von Eye-Able. Foto: Eye-Able.

WE: Wann habt Ihr mit dem Ganzen angefangen?

Eye-Able: Wie angesprochen, wurde im Studium E-Commerce an dem Projekt gearbeitet und versucht, in allen Fächern das Thema einbringen zu können. Hier war Professor Michael Müßig eine große Hilfe, da er Gründer an der FHWS fördert und ihnen hilft, motiviert und auf dem Weg zum StartUp unterstützt. Im April 2019 wurden erstmalig Interviews beim Blindeninstitut in Veitshöchheim durchgeführt, welche konkrete Probleme und Lösungsansätze erbracht haben. Unser Team hat sich dann nach und nach immer intensiver zusammengeschlossen und die Software stetig mit Betroffenen getestet und verbessert.

Die Möglichkeit zu sehen

WE: Wie kamt Ihr zu dem Namen „Eye-Able“?

Eye-Able: Das Ganze ist in intensiven Brainstorming Workshops entstanden, die während eines Praxisprojekts an der FHWS im Team durchgeführt wurden. Wir haben versucht einen Namen zu finden, der international verstanden werden kann und gleichzeitig den Nutzen der Software, eine individuelle Einstellbarkeit der Ansicht auf Webseiten mit einzubringen. Eye-Able soll jedem Menschen die Möglichkeit geben (able) die Website mit seinem Auge (eye) so sehen zu können, wie es für ihn persönlich optimal ist.

WE: Was ist an Eurer Software so besonders? Habt Ihr ein Alleinstellungsmerkmal?

Eye-Able: Die Verbindung aus optimaler Nutzerfreundlichkeit, Entwicklung Hand in Hand mit der Zielgruppe sowie das damit verbundene Auftreten als Problemlöser im Bereich Barrierefreiheit im Internet stellt unser Alleinstellungsmerkmal dar. Wir agieren als Problemlöser und Vermittler einer Software, die real bestehende Schwierigkeiten aufgreift und löst.

WE: Was ist Eure Zielgruppe?

Eye-Able: Unsere Zielgruppe teilt sich in zwei Bereiche auf. Zum einen adressieren wir Webseitenbetreiber, die durch die Installation der Software auf ihrer Website einen barrierefreien Zugang ermöglichen und damit jedem Nutzer die Möglichkeit geben, die Website auf individuelle Bedürfnisse anzupassen. Damit garantieren sie vor allem eingeschränkten Personen aber auch jedem Nutzer optimale Lesbarkeit sowie Bedienbarkeit .

Der zweite Bereich sind Privatpersonen, die die Funktionalitäten gerne auf jeder Website nutzen möchten und in ihrer individuellen Ansicht surfen möchten. Sie können das Programm einfach in ihrem Browser installieren und auf jeder Website automatisch anwenden.

Veränderung der Ansicht der Website

WE: Wie funktioniert Eure Software?

Eye-Able: Unsere Software verändert die Ansicht der Website direkt im Coder der Seite, indem es auf die Elemente der Darstellung zugreift und sie entsprechend den Einstellungen des jeweiligen Nutzers anpasst. Daneben kann man sich per Screenreader die komplette Seite oder einzelne Texte vorlesen lassen sowie ohne Maus nur mit der Tastatur navigieren.

Der volle Funktionsumfang ist:

  • Adaptiver Zoom: Vergrößerung der Website, ohne das Layout aus dem Rahmen zu bringen
  • Blaufilter: Individuell einstellbar, schont die Augen und sorgt dafür, dass Endgeräte den Nutzer nicht künstlich wachhalten
  • Nachtmodus: Stellt den Kontrast auf ein augenschonendes Niveau ein
  • Kontrastmodus: Schrift- und Hintergrund kann im gesamten Farbspektrum eingestellt werden. Garantiert gute Lesbarkeit und Bedienbarkeit
  • Schriftarten: Barrierefreie Schriftarten können ausgewählt werden
  • Farbkorrektur: Anpassung aller Farben durch einen Algorithmus zur Kompensation von Farbschwächen (z.B. Rot/Grün Schwäche)
  • Screenreader: Vorlesen der Website oder einzelner Inhalte. Ermöglicht Zugang zu Informationen für stark Seheingeschränkte und Blinde Personen
  • Tab-Navigation: Bedienbarkeit der gesamten Website per Tastatur, um zu navigieren oder einzelne Inhalte gezielt anzusteuern
  • Größerer Mauszeiger: Ermöglicht bessere Bedienbarkeit und Reduktion von Fehlklicks vor allem für Seheingeschränkte und ältere Personen
  • Bilder/Animationen/Ton ausblenden: Signifikante Reduzierung von Inhalten für eine barrierefreie Ansicht
  • Schnellmodus: One-Klick-Lösung aus Mittelwert der Einstellungen Betroffener, individuell konfigurierbar. Besteht aus einem Zusammenschluss aller Funktionen. Hilft schneller und einfacher zur Individuellen Ansicht überzugehen
Die Software von Eye-Able am Beispiel "Würzburg erleben". Foto: Eye-Able.

Die Software von Eye-Able am Beispiel „Würzburg erleben“. Foto: Eye-Able.

WE: Inwiefern kann Eure Software Internetbarrieren beseitigen?

Eye-Able: Um diese Frage zu anschaulich zu beantworten würde ich mit einem Beispiel beginnen. Eine stark seheingeschränkte Person benötigt auf Webseiten eigentlich immer ein gutes Kontrastverhältnis von Inhalten wie Text zum Hintergrund sowie eine große gut lesbare Schrift. Da dies aktuell nicht einfach veränderbar ist lösen wir diese Barriere, indem wir es ermöglichen die Kontraste als auch die Schriftgröße ganz genau an die Bedürfnisse des Nutzers anzupassen, indem er sie sich einfach einstellt.

Hierbei kann der Nutzer aus jeder möglichen Farbe auswählen, um seine optimale Ansicht zu erreichen. Jede unserer Funktionen wurde nach diesem Prinzip erstellt. Aus den Interview-Ergebnissen mit Betroffenen (älteren Personen, Stark seheingeschränkte Personen, leicht seheingeschränkte Personen, motorisch beeinträchtigte, Blinde Personen, Farbschwache Personen) wurden eine Vielzahl von Problemen abgeleitet, die bei der Nutzung von Webseiten auftreten. Diese Probleme wurden dann einzeln aufgegriffen und in Funktionalitäten umgewandelt, die jetzt alle in dem Tool abrufbar sind. Damit soll eine möglichst große Abdeckung von Einschränkungen gewährleistet sein.

Private Finanzierung und Crowdfunding

WE: Wie konntet Ihr das bisher alles finanzieren?

Eye-Able: Das Projekt Barrierefreiheit im Internet ist für alle Teammitglieder ein sehr persönliches Anliegen. Bisher wurde demnach alles privat finanziert durch private Gelder. Um laufende Kosten und Lizenzkosten für angebotene barrierefreie Schriften im Programm decken zu können haben wir eine Crowdfunding Kampagne gestartet, bei der private Personen uns unterstützen konnten und dafür direkt eine Lizenz oder Merchandise Artikel sichern konnten. Die Kampagne wurde am 11. Januar erfolgreich beendet, das Ziel wurde erreicht.

WE: Wie läuft so ein Crowdfunding ab?

Eye-Able: Im Grunde ist es ganz einfach, man sucht sich eine Plattform, auf der man starten kann (beispielweise bei uns StartNext). Nun präsentiert man auf dieser Plattform in Form eines Projekts seine Idee und definiert ein Ziel, dass es zu erreichen gilt. Um das ganze etwas attraktiver zu gestalten kann man als „Dankeschöns“ diverse Artikel anbieten, die sich dann nach der Höhe der jeweiligen Spende richten. Hat man im angegebenen Zeitraum sein Ziel erreicht, so gilt die Kampagne als erfolgreich beendet und man erhält das Geld und kann damit arbeiten.

WE: Kann jeder einfach so ein Crowdfunding starten oder gibt es da bestimmte Voraussetzungen bzw. Regeln?

Eye-Able: Jeder kann ein Crowdfunding starten, es gibt nichts zu verlieren. Wenn man eine coole Idee hat dann ist es eine gute Möglichkeit sich zu finanzieren und gleichzeitig ehrliches Feedback von der Zielgruppe zu erhalten.

WE: Hat Euch das Studium an der FHWS Vorteile zur Gründung eines Startups gebracht? Konntet Ihr Gelerntes anwenden?

Eye-Able: Das Studium an der FHWS kann als Auslöser für den weiteren Verlauf der Idee angesehen werden. Durch die professionelle Unterstützung von Professor Michael Müßig ,der an der FHWS Gründer unterstützt und fördert wurde die Idee weiter vorangetrieben und Kontakte zu regionalen Gründernetzwerken hergestellt. Daneben haben die Inhalte des Studiums E-Commerce, vor allem die Vertiefung Innovationsmanagement und Gründen sehr präzise Inhalt für die Unternehmensgründung mit auf den Weg gegeben.

Computerversion von Eye-Able. Foto: Eye-Able.

Computerversion von Eye-Able. Foto: Eye-Able.

Corona-Einschränkungen

WE: Wie sieht es zurzeit aus? Gibt es Einschränkungen aufgrund von Corona?

Eye-Able: Natürlich ist es für uns eine große Herausforderung in Zeiten der Corona Pandemie Aufmerksamkeit für unser Programm zu erregen und Unternehmen sowie öffentliche Einrichtungen auf den Nutzen unserer Software für ihre Webseiten zu vermitteln. Wir lassen uns jedoch davon nicht unterkriegen und versuchen alles, um die aktuelle Situation bestmöglich zu meistern. An dieser Stelle auch nochmals Dankeschön dafür, dass sie uns die Möglichkeit geben unsere Arbeit im Bereich Barrierefreiheit im Internet und unsere Software vorzustellen

WE: Was sind Eure Pläne und Ziele für die Zukunft?

Eye-Able: Wir wollen, dass Barrierefreiheit im Internet zum Standard wird und die Sensibilität gerade bei Webseitenbetreibern für das Thema zunimmt oder gerade erstmal existiert. Unsere Software ist für sie eine einfache Möglichkeit, ohne Vorwissen oder Eigenarbeit jedem Nutzer den Zugang zu den Informationen auf der Seite zu ermöglichen um Menschen nicht auszuschließen, sondern gezielt einzuschließen.

Daneben wollten wir Privatpersonen, vor allem eingeschränkte und ältere Personen erreichen, dass sie sich die Software in ihrem Browser installieren können und ab dem Moment barrierefrei surfen können.

Um die Möglichkeit nicht von finanziellen Situationen abhängig zu machen haben wir die Kosten für die Software möglichst niedrig gehalten. Webseitenbetreiber als auch Privatpersonen können sich für einen einmaligen Preis pro Jahr die Lizenz sichern und erhalten alle Updaten und weitere Funktionen, die folgen koste

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