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Uni Würzburg. Symbolfoto: Pascal Höfig
Die JMU am Sanderring. Foto: Pascal Höfig

Gastbeitrag: Erfolgreich scheitern – auf Umwegen zum Ziel

Gastbeitrag von Jürgen Wagner.

Erfolgreich scheitern war mir als Student nicht vergönnt. Lebenserfahrung schon.

Nach dem Abitur, einer harten Zeit als Wehrdienstleistender, vor der uns eloquente Gymnasiasten niemand gewarnt hatte, stand ich orientierungsbefreit vor einer Vielzahl Fragen existentieller Art. Die Bundeswehr hatte mich böse überrascht und geprägt wieder ausgeworfen. Ich war frei und verloren.

Eine Ausbildung als Gärtner beginnen, erst einmal abwarten oder doch studieren? Das mit dem Studium schien am wenigsten geeignet, mich aus der schemenhaften Struktur der gerade gefundenen Bahn zu werfen, stattdessen quasi eine Fortsetzung der Schule, dachte ich und hoffte.

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Wer bin ich? Was will ich?

Mit der Wahlfreiheit eines konkreten Studiengangs an einem bestimmten Ort war ich überfordert. Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich?

Weit weg von zu Hause wollte ich nicht und es sollte etwas mit einem Bezug zu meinen Interessen sein, besser noch wäre eine Verbindung von mir zum Thema oder so.

Von einem Ausschlussverfahren hatte ich gehört. Man streicht so lange Möglichkeiten bis die, die übrig bleibt, zwangsläufig die Richtige ist. Selbst entscheiden muss man dabei nicht, man wird, wie durch eine unsichtbare Hand geführt – ideal und die Schuldfrage bei Misserfolg ist vorab relativiert. Kriterien, gar mit Gewichtungen als Matrix spielten eine untergeordnete Rolle, systematische Analytik und Abgleich mit Bauch und Herz schon.

Bei der Reduktion schieden meiner Logik folgend Städte außerhalb meines als gesichert angesehenen Umkreises, unabhängig von Studiengang und Erreichbarkeit eines Abschlusses, von vorneherein aus.

Naturverbundenheit – also Geografie

Leider blieben immer noch mehrere Angebote in Würzburg und Umgebung. Glücklicherweise hatte ich ein Abitur mit Note 3,1, was mich für eine Vielzahl von weiteren Varianten disqualifizierte.

Tatsächlich fand sich ganz unten im Trichter Germanistik als Magisterstudiengang und Geografie mit Ziel Diplom. Naturverbunden wie ich nun mal bin, ergab sich sozusagen die Geografie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

An einem Montag begann der Vorlesungsbetrieb und damit verbunden ein neuer Lebensabschnitt. Es konnte losgehen.

Einschreibung, Orientierung in Räumen und Zeiten. Das ist ja gar nicht schwer. Es läuft.

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Von der Begrüßungsvorlesung der Neuen durch den Professor im großen Hörsaal und angenehm anonym blieb hängen, dass „auch in der Geografie nur mit Wasser gekocht werde“. Aha!

Der Anfang war leicht – alles gut!

Der Anfang war leicht. Kein Druck. Weit von der Ordnung der Schule geschweige denn von Befehl und Gehorsam der Bundeswehr entfernt. So konnte es weiter gehen. Alles gut.

Es folgten andere Vorlesungen und zusätzlich Seminare. Seminare sind gefährlich. Sie finden in kleinen engen und vollbesetzten Räumen in Erdgeschossen statt. Das Interesse an Inhalt und Mitwirkung der Studierenden sinkt überproportional mit dem Abstand zur Seminarleitung.

Da auch im Kino die guten Plätze hinten sind, fand ich mich dort ein. Ein Zuschauer. Eher zufällig hier. Mit sicherem Abstand zum eigentlichen Geschehen und der Ausgangstüre als wesentlichem Teil eines Fluchtszenarios im Blick. Eine Ansprache, etwa durch die Seminarleitung kann so mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden.

„Studium ist (leider) nicht Schule“

Reif für ein Studium war ich zu dieser Zeit nicht. Ich konnte eine gesellschaftlich anerkannte Beschäftigung nachweisen und wollte im Übrigen in Ruhe gelassen werden. Eine Erkenntnis in dieser Zeit zudem: Studium ist (leider) nicht Schule.

Und so kam es wie es kommen musste. Naturgeografie, erste Klausur, Note 4.

Erste Hausarbeit: Anfertigen eines Profils oder war es ein Querschnitt einer Landschaft aus einem Atlas. Verstehen der Aufgabe, zeichnen, beschriften, wieder verwerfen, neu ansetzen. Dabei die Kollegen/innen in der Bibliothek immer fest im Blick. Das sah gut aus.

Dann war Abgabe. In der darauffolgenden Seminarstunde präsentierte der an sich nicht von vorneherein unsympathische Seminarleiter einige der eingereichten Arbeiten. U. a. eine, die er als „Muster ohne Wert“ zur allgemeinen teils äußeren Erheiterung der Studierenden vorführte und erläuterte. Viele, auch ich, im vollbesetzten Seminarraum waren froh, dass es nicht ihre bzw. meine ist.

Während der ausgiebigen Würdigung dieser Arbeit, die so war, „wie sie gerade nicht sein sollte“, musste ich mit Augenkneifen und ansteigendem Puls erkennen, dass da etwas nicht stimmt bzw. die Sache da vorne der Meinen nicht unähnlich schien.

Eine der peinlichsten Situationen

Das war hart. Wo war der Ausgang? Ich schämte mich, unerkannt von den anderen, mein Puls nahm weiter ordentlich Fahrt auf, die Röte schoss mir ins Gesicht. Für eine größere Panikattacke fehlte allein der Schwindel.

Der Seminarleiter fragte, wem dieses missratene Werk zuzurechnen sei, um diesen vermutlich unverzüglich zu exmatrikulieren oder Schlimmeres. Ich sah mich wahlweise an den Pranger gestellt oder ans Kreuz genagelt. Die Zeit verging sehr langsam, meine Hand blieb unten.

Gott sei Dank verzichtete der große Vorsitzende, meinen Namen zu nennen. Es war eine der peinlichsten Situationen in meinem Leben.

Am Ende der Veranstaltung durfte/musste man sich die Blätter mit Hinweisen der Lehrkraft abholen. Ich schlich mich als einer der Letzten nach vorne, ebenso aus dem Raum und der Geografie als solcher.

Das Kapitel war geschlossen.

Weiter studieren – oder doch nicht?

Noch immer zu jung für eine ernsthafte Lebensgestaltung geriet die Germanistik (Magister) zügig auf meine Liste des Studierbaren und mit der späten Erkenntnis, dass das „kleine Latinum“ Voraussetzung sei, schnell wieder von dieser.

Die persönliche Wende kam vor 1989 mit einer sehr erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zum Bürokaufmann, einem ebensolchen Studium der Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und dem Einstieg bei den Stadtwerken Schweinfurt, denen ich 18 Jahre erfolgreich treu blieb.

Seit 10 Jahren bin ich freiberuflicher Unternehmensberater für Versorger und Verwaltungen in Deutschland und schaue mit heiterer Gelassenheit auf meine Vergangenheit zurück.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de
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