Die Würzburger Volkswirtschaftsprofessorin Andrea Christina Felfe erhält einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats. Foto: Wiwi-Fakultät / Universität Würzburg
Die Würzburger Volkswirtschaftsprofessorin Andrea Christina Felfe erhält einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats. Foto: Wiwi-Fakultät / Universität Würzburg

Zwei Millionen Euro für Würzburger VWL-Professorin

Zwei Millionen Euro hat die Würzburger Volkswirtschafts-Professorin Andrea Christina Felfe de Ormeño für ihr neues Projekt eingeworben. Das Thema ist gesellschaftlich relevant: der schwindende soziale Zusammenhalt.

Gruppenzugehörigkeit früh festgelegt

Ein Samstag auf dem Spielplatz. „Schau mal, da hinten wird Ball gespielt. Wollen wir da hingehen?“ Die vierjährige Tochter schüttelt den Kopf: „Mit denen will ich nicht spielen. Weil die dick sind.“ Menschen legen sehr früh in ihrem Leben fest, welchen Gruppen sie sich zugehörig fühlen und welchen nicht. Die Antwort der Vierjährigen hätte genauso gut lauten können: Weil die komisch angezogen sind. Weil die Kopftücher aufhaben. Weil die schwarz sind.

Phänomen durchdringt Gesellschaften

Die eigenen Gruppen bevorzugen und andere Gruppen diskriminieren: „Dieses Phänomen durchdringt alle Gesellschaften. Gerade in zunehmend diversen Gesellschaften führt es dazu, dass der soziale Zusammenhalt schwindet“, sagt Christina Felfe, Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Arbeitsmarktökonomik, an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.

Renommierten Förderpreis eingeworben

Wie entsteht Gruppendenken in der Kindheit, welche Konsequenzen hat es für die Volkswirtschaft und für die Gesellschaft? Darüber weiß die Wissenschaft nicht sehr viel. Die JMU-Professorin möchte das mit einer deutschlandweiten Studie ändern. Für ihr Projekt „Early Origins of Social Cohesion in Increasingly Diverse Societies“, kurz KIDSNGROUPS, hat sie einen renommierten Förderpreis eingeworben: einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) in Höhe von zwei Millionen Euro. Mit solchen Grants fördert der ERC herausragende Forschende, deren bisherige Arbeit weitere Spitzenleistungen erwarten lässt. Für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der JMU ist das der erste ERC Grant überhaupt.

Deutschlandweite Studie ab Herbst 2021

Christina Felfe will in ihrem auf fünf Jahre angelegten Projekt ab Herbst 2021 untersuchen, welche Rolle Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrkräfte und allgemeine Sozialisationsprozesse beim Entstehen von Gruppenpräferenzen spielen. Dabei kann sie auf eine gute Datenbasis zugreifen: Durch ihre etablierte Kooperation mit verschiedenen deutschen Schul- und Gesundheitsbehörden erhält sie Zugang zu Daten aus den obligatorischen Schuleingangsuntersuchungen, die in Deutschland vor der Einschulung gemacht werden.

Erhebungen in Kindergärten und Schulen

Geplant sind ab 2022 auch umfassende eigene Erhebungen in Kindergärten und Schulen in ganz Deutschland. Mehrere tausend Kinder sollen darin einbezogen werden. Vorrangige Erhebungsmethode sind computergestützte Verhaltensexperimente, wie sie in der Experimentalökonomik oder der Psychologie eingesetzt werden. Auf diese Weise können die Gruppenzugehörigkeit und das Verhalten gegenüber den eigenen und anderen Gruppen gemessen werden.

Einsatz der zwei Millionen Euro

Klassische Umfragen unter Eltern runden das Bild ab. Was arbeiten die Eltern? Wie viel Zeit und Geld investieren sie in ihre Kinder? Diese Informationen erlauben es den Einfluss zu analysieren, den Eltern auf das exklusive oder inklusive Verhalten ihrer Kinder haben. Diese Datenerhebung hat ihren Preis. Ein großer Anteil der zwei Millionen Euro vom ERC wird jedoch in die Finanzierung von zwei Promotionsstellen und zahlreichen studentischen Hilfskräften investiert. Auf diese Weise wird die nächste Generation an exzellenten Forschenden ausgebildet.

Schnittstellen zur Psychologie

Christina Felfe leitet seit 2018 den JMU-Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Arbeitsmarktökonomik. Ihr Projekt KIDSNGROUPS hört sich zunächst nach psychologischer Forschung an. Wie das kommt?  „Ökonominnen und Ökonomen, die den Horizont der eigenen Disziplin erweitern möchten, müssen offen sein für interdisziplinäre Arbeit“, sagt die Würzburger Professorin. Sie selber pflegt an der JMU eine enge Zusammenarbeit mit der Sozialpsychologie. „Anders als in der Psychologie arbeiten wir aber mit sehr großen, diversen und bevölkerungsstatistisch repräsentativen Probandengruppen. Auch möchten wir aus unseren Studien am Ende Handlungsempfehlungen für die Politik ableiten.“

Werdegang der ERC-Preisträgerin

Andrea Christina Felfe de Ormeño, Jahrgang 1978, ist in Würzburg geboren und aufgewachsen. Nach ihrem Abitur am Riemenschneider-Gymnasium hat sie Kulturwirtschaft und Volkswirtschaft an der Universität Passau und an der Humboldt-Universität Berlin studiert. Ihre Promotion in Volkswirtschaft schloss sie 2008 an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona ab; danach forschte und lehrte sie zehn Jahre lang als Assistenzprofessorin an der Universität St. Gallen. In dieser Zeit absolvierte sie unter anderem Gastaufenthalte an Hochschulen in London, Amsterdam und München. 2018 folgte sie dem Ruf auf den VWL-Lehrstuhl an der JMU.

Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Julius-Maximilian-Universität Würzburg.

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