Die Übergabe des Integrationspreises. Foto: Sant'Egidio Würzburg.
Die Übergabe des Integrationspreises. Foto: Sant'Egidio Würzburg.

Samstags-Akademie: Erster Platz beim Unterfränkischen Integrationspreis

Für Claudia sprang der Funke schon im ersten Studiensemester 1984 über, als ihr eine damals Bekannte von der Sant’Egidio Gemeinschaft erzählte. Seitdem hat sich vieles geändert: Nach dem Mauerfall 1989 ist sie dabei, als Sant’Egidio die Sprachschule für Deutsche Sprache und Kultur gründet, um ein Zeichen zu setzen – für Menschlichkeit und ein gemeinsames Miteinander.
2017 entwickelt sie schließlich gemeinsam mit Hans Ulrich ein Programm, das junge Migranten und Flüchtige noch individueller in ihrer Berufsausbildung unterstützen soll: die Samstags-Akademie. 2020 gewinnen sie damit den ersten Preis beim Unterfränkischen Integrationspreis.

Alles zu den Hintergründen der Akademie, die aktuelle Zeit während Corona und wie man helfen kann, erzählt uns Claudia im Interview.

„Eine schöne Schule des Zusammenlebens“

Würzburg Erleben (WE): Hallo Claudia, stell dich doch einmal kurz vor.

Claudia: Nach dem Studium in Würzburg war ich erst einige Jahre als Rechtsanwältin und danach 16 Jahre im Marketing eines großen Industrieunternehmens in Schweinfurt tätig. Seit zwei Jahren arbeite ich bei der Diakonie Würzburg. Bei Sant‘ Egidio bin ich seit 1984.

WE: Wie kamst du zur Gemeinschaft Sant’Egidio?

Claudia: Ich hatte das Glück, dass mir schon im ersten Studiensemester in der Mensa beim Essen jemand aus der damals noch sehr kleinen Sant’Egidio Gemeinschaft begegnet ist. Eine Studentin der Theologie, die heute noch eine meiner besten Freundinnen ist, erzählte mir von einer Nachmittagseinrichtung für Kinder mit schwierigen Lebensumständen in der Zellerau. Mich interessierte das Engagement, aber ich war auch recht beeindruckt von der persönlichen Betroffenheit, die mitschwang. Der Einladung, mir die Sache doch einmal anzuschauen, bin ich gerne nachgekommen. Damals ist der Funke übergesprungen.

Schule für deutsche Sprache & Kultur

Claudia: Fünf Jahre später, im Jahr 1989 mit dem Mauerfall, stellten sich auch in Würzburg gesamtgesellschaftliche Fragen: Wie gehen wir um mit den Menschen, deren Hoffnung auf ein besseres Leben sie in unsere Stadt brachte? Damals brannten vielerorts Asylbewerberunterkünfte, der spaltende Slogan „Das Boot ist voll“ machte die Runde. In der öffentlichen Debatte stand vieles auf der Kippe, in der Verwaltung waren die Abläufe deutlich auf „Abschreckung“ gebürstet, für ein gutes Klima im Zusammenleben brauchte es positive, mitmenschliche Impulse. Wir wollten ein Zeichen setzen, und die Sprache ist ja ein wesentlicher Schlüssel für Teilhabe und Dialog.

Damals gab es so gut wie keine kostenlosen Deutschkurse, auch kaum angemessenes Unterrichtsmaterial, so haben wir uns von Sant’Egidio in Italien die Idee abgeschaut: Wir gründen eine Schule für die deutsche Sprache und Kultur. Diese Einrichtung ist nun seit 31 Jahren für uns ein weit geöffnetes Fenster in die Welt, und eine schöne Schule des Zusammenlebens auch für mein eigenes Leben.

Intensivierung der Hilfe

WE: Du hast die „Samstags-Akademie“ mit aufgebaut und leitest sie auch nach wie vor mit. Wie ist die Idee dafür entstanden?

Claudia: Hans Ulrich und ich, wir haben uns im September 2017 in unserer Sprachschule einfach zusammengesetzt und überlegt, wie wir besonders den jungen Migrantinnen und Migranten noch einmal spezieller helfen konnten, deren Familien wir mit den Jahren kennengelernt hatten.

Erfolgreiche Berufsausbildung = Bleiberecht

Claudia: Viele Jugendliche hatten sich tapfer durch die Schule gekämpft und standen nun vor ihren Abschlüssen oder hatten gerade eine Ausbildung begonnen. Bei einigen hing das Bleiberecht in Deutschland von einer erfolgreichen Berufsausbildung ab, was eine drückende Hypothek für einen jungen Menschen ist. Wenn aber die Eltern als Ansprechpartner bei schulischen Fragen ausscheiden, da sie selten besser als ihre Kinder Deutsch sprechen, oder wenn die Jugendlichen minderjährig und allein eingereist sind und nicht einmal einen Computer haben, wenn kein Geld für Nachhilfe da ist, dann ist es mit der Chancengleichheit nicht weit her und selbst bei bestem Willen kaum machbar, die (berufs-)schulischen Anforderungen zu bestehen.

Zudem suchten „unsere“ jungen Menschen auch persönlich stark nach Orientierung und waren sehr motiviert, sich ein Leben aufzubauen. Hier wollten wir ein Scheitern verhindern. Außerdem spürten wir selbst noch einmal deutlich, dass wir im eigenen Leben Glück gehabt hatten, wir wollten etwas zurückgeben.

Ehemalige geben selbst Unterricht

Claudia: Übrigens wollten genau das auch einige unserer früheren Sprachschüler, zum Beispiel ein iranischer angehender Physiklaborant, der ein ausgezeichneter Mathematiker ist, Toomadj Avazzadeh. Er hilft seit Jahren mit, genauso wie eine kanadische Teilnehmerin unserer Sprachschule, Kathleen Michaud, bis zur Rückkehr ihrer Familie nach Kanada über zwei Jahre hinweg Englischunterricht erteilte. Einige weitere wie Cindy Emerencia, die nun mit Englisch hilft, sind nachgerückt. Ich glaube, die schöne Idee weiterzugeben, was man selbst kostenlos erhalten hat und zusammenzurücken, wo es nottut, ist eine große Freiheit. Sie lässt Wissen, Wertschätzung und Dankbarkeit für alle wachsen. Außerdem: Warum denn nicht?

Unterricht in der Samstags-Akademie. Foto: Sant'Egidio Würzburg.

Unterricht in der Samstags-Akademie. Foto: Sant’Egidio Würzburg.

Verschiedene Formen von Hilfe

WE: Was sind eure (aktuellen) Hilfestellungen zur Integration von jungen Flüchtigen und Migranten ins Berufsleben?

Claudia: Zum einen ist da die substanzielle Hilfe im schulischen Bereich, sprich: die 1:1 Vorbereitung auf Tests, Erstellung von Berichtsheften, Aufarbeitung von Unterrichtsstoff, Hilfe bei den Hausaufgaben. Zum anderen ist es eine seelische Entlastung zu wissen, wo man hingehen kann, wenn man im Unterricht nicht alles versteht.

Eine weitere Komponente liegt in der Freundschaft unter den Teilnehmern der „Samstags-Akademie“, die sich vielfach einstellt. Manche treffen sich inzwischen zu Hause, kochen und essen zusammen. Zudem gibt es in der Mensa der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, in vielen kulturellen Veranstaltungen, in einer Gruppe von Freunden, die regelmäßig alte Menschen in Heimen besucht, in gemeinsamen Gebetsanliegen, etwa am Tag des Flüchtlings, viele schöne Gelegenheiten, wo wir uns begegnen und die Kreise sich weiten.

So wächst doch vieles in unserer Stadt zusammen. Mitmenschlichkeit und Freundschaft tun jedem gut, und es ist schön zu bemerken, dass Gebende und Nehmende immer weniger unterscheidbar werden.

Foto einer Geburtstagsfeier vor der Pandemie, in der Gemeinschaft Sant'Egidio. Mit dabei ist auch Mitbegründer Hans Ulrich mit Kuchen. Foto: Sant'Egidio Würzburg.

Foto einer Geburtstagsfeier, vor der Pandemie, in der Gemeinschaft Sant’Egidio. Mitbegründer Hans Ulrich mit Kuchen, Claudia Kaufhold links daneben. Foto: Sant’Egidio Würzburg.

Unterfränkischer Integrationspreis

WE: Ihr habt beim Unterfränkischen Integrationspreis 2020 den ersten Platz belegt. Was bedeutet das für dich/euch?

Claudia: Das ist ein schöner Ansporn für uns. Vielleicht ist der Preis auch eine gute Gelegenheit, die Samstags-Akademie bekannter zu machen?
Wir brauchen dringend mehr Mitstreiter, die sich vorstellen können, an bestimmten Samstagen von 10.30 – 13.00 Uhr bei uns mitzuwirken. Wer selber eine Ausbildung absolviert hat, kann in jedem Fall eine riesige Stütze sein. Vielleicht spornt der Preis auch andere an mitzumachen?

WE: Was wird sich durch den Preis für die Samstags-Akademie ändern? Gibt es schon Pläne, wie das Preisgeld investiert werden soll?

Claudia: Vielleicht feiern wir erst einmal ein wenig (eine dicke Torte werden wir uns aus dem Preisgeld sicher gönnen, sobald es möglich ist), dann überlegen wir, ob und wie wir das Geld in Bücher, Fahrgeldbeihilfen, Lernmittel, Eintrittsgelder, technisches Equipment oder ähnlich sinnvolle Mittel fließen lassen.

Unterstützung trotz Corona

WE: Aktuell ist die Akademie wegen der Pandemie geschlossen, wie ergeht es euch in der aktuellen Situation? Könnt ihr in irgendeiner Form die Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin unterstützen?

Claudia: Geschlossen ist nur die gemeinsame Anwesenheit. Eine maximal einstündige 1:1 Begegnung mit Maske, Abstand und schützender Glaswand von zwei Personen in einem Raum ist weiterhin machbar. Darüber hinaus nutzen wir – genau wie in den Klassen unserer Sprachschule – die Möglichkeiten des Online-Unterrichts.

Weihnachtsprojekte von Sant‘ Egidio

WE: Gibt es geplante Projekte für die kommende Weihnachtszeit? 

Claudia: Die Teilnehmer der Samstags-Akademie werden sich sicher auch in diesem Jahr an den Sant‘ Egidio Weihnachtsaktivitäten beteiligen. Besuche zu Hause, sehr kleine Feste in den Räumen verschiedener Pfarreien, die Fortsetzung der Mensa für Bedürftige, Sammeln und Einpacken der Geschenke, Einkäufe usw., da machen sicher wieder alle mit.

Samstags-Akademie unterstützen

WE: Wie kann man euch unterstützen, wenn man helfen will?

Claudia: Es kann sich gerne bei uns melden, wer sich vorstellen kann, samstags vormittags mit einem jungen Menschen eine Hausaufgabe zu machen oder ein Arbeitsblatt zu erklären. Hilfreich ist auch die Spende von Hilfsmitteln (z.B. B1-C2 Sprachbücher), die Übernahme von Prüfungskosten für einen zertifizierten Sprachabschluss oder von Fahrkosten für eine bestimmte Zeit für eine Person. Besonders freuen wir uns über Ausbildungsbetriebe, die sich für Geflüchtete engagieren, hier erleben wir viel Positives.

Einer unserer ersten „Samstags-Akademiker“, hat inzwischen seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Das motiviert natürlich alle. Letztlich zählt aber jede Form von Sympathie an den Schul- und Arbeitsorten, an denen junge Migrantinnen und Migranten durchstarten.

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