Autorin Sonja Weichand. Foto: Nico Manger
Autorin Sonja Weichand. Foto: Nico Manger

„schuld bewusstsein“: Autorin Sonja über ihren Würzburger Debütroman

„Ein großer Erfolg für mich wäre, wenn ich eine Debatte darüber anstoßen könnte, wie Frauen im Nationalsozialismus wahrgenommen wurden und werden.“ Autorin Sonja Weichand veröffentlicht mit „schuld bewusstsein“ ihren Debütroman, dessen Geschichte größtenteils in Würzburg spielt. Behandelt werden Themen wie rechte Gewalt, Rassismus oder die Rolle der Frau früher und heute. Sonja Weichand erzählt im Interview über die Idee, Ihre Ziele und warum diese Themen so wichtig sind.

WE: Kurz erklärt: Worum geht es in Ihrem Roman?

Sonja Weichand: „schuld bewusstsein“ handelt von der 30-jährigen Anna, die als Journalistin nach Würzburg kommt, um die Geschichte ihrer Großmutter Rose-Marie zu recherchieren. Diese war überzeugte Nationalsozialistin und Führerin im BDM Werk „Glaube und Schönheit“. Als 21-jährige hat sie die letzten Kriegsmonate in der Stadt erlebt. Schnell wird klar, dass auch Anna nicht ganz unbelastet bei ihrer Arbeit ist, sondern mit ihren eigenen psychischen Abgründen kämpft. Kurz gesagt: Es geht in meinem Buch um den Nationalsozialismus, den Bombenkrieg und Frauenrollen heute und damals.

Würzburg erleben (WE): Wie kam es zur Idee, ein Buch über diese Themen zu schreiben?

Sonja Weichand: Mich beschäftigt die Frage, was ich getan hätte, wäre ich im Nationalsozialismus aufgewachsen, schon seit meiner Kindheit. Manche erinnern sich vielleicht an die Führungen von Marianne Erben durch Würzburg, das war der Anfang. Später habe ich Geschichte studiert und mich intensiv mit diesen Themen befasst. In den letzten Jahren hat mich der zunehmende Rechtsruck entsetzt. Die Parallelen zu den 20er Jahren sind für mich erschreckend. Die Rolle der Frauen in der NS-Diktatur ist leider sehr unzureichend aufgearbeitet. Oft geht man davon aus, dass der weibliche Teil der Bevölkerung unterdrückt war, am Herd stand und später wieder das Land aufbaute. Schuld ist in diesem Zusammenhang quasi undenkbar – das sollte sich auch in Bezug auf die Gefahr einer Wiederholung von Geschichte dringend ändern.

Das Buch-Cover von "schuld bewusstsein". Foto: Sonja Weichand

Das Buch-Cover von „schuld bewusstsein“. Foto: Sonja Weichand

WE: Warum haben Sie diesen Titel gewählt?
Sonja Weichand: Das Wort „Schuldbewusstsein“ setzt sich aus zwei Substantiven zusammen, die beide für meine Figuren entscheidend sind. Vielleicht könnte man auch fragen: Gibt es Schuld ohne Bewusstsein überhaupt? Oder wer bestimmt darüber, was Schuld ohne Bewusstsein ist? Die zahlreichen hohen NS-Funktionärinnen beispielsweise, die nach 1945 ungestraft in das System der Bundesrepublik integriert wurden, hatten sicher kein Bewusstsein für ihr Fehlverhalten.

WE: Warum halten Sie es für wichtig, auf die in Ihrem Buch behandelten Themen aufmerksam zu machen?

Sonja Weichand: Ich hätte selbst nicht gedacht, dass Themen wie Rassismus, rechte Gewalt, Nationalstaaten oder Frauenrechte 2020 noch aktuell wären. Irgendwann Anfang des Jahrtausends sah es einmal so aus, als wäre das alles zu Ende verhandelt, als wäre alles dazu gesagt. Als jemand, der auch Geschichte studiert hat, muss ich aber sagen: Die Aufarbeitung der weiblichen Seite des Nationalsozialismus ist keineswegs so ausführlich behandelt worden wie die der männlichen. Wenn, dann ging es dabei meist um die Ehefrauen der großen Männer oder um Täterinnen wie KZ-Aufseherinnen. Die „normale“ Nationalsozialistin spielt weder in der Geschichtswissenschaft noch in der Literatur eine große Rolle. Das halte ich für einen Fehler. Gerade in der heutigen Zeit, wo starke Frauen – zum Glück – immer selbstverständlicher werden. Gleichberechtigung bedeutet aber eben auch eine gleichberechtigte Verantwortung.

WE: Was verbindet Sie mit Würzburg und wie genau wird Würzburg im Buch mit einbezogen?

Sonja Weichand: Ich bin in Würzburg geboren, aufgewachsen und habe hier studiert. Nach zehn Jahren in anderen Städten kam ich 2018 zurück – auch, um mein Buch zu schreiben. Sowohl in der Gegenwart als auch in der Erzählebene von 1944/45 bewegen sich die beiden Protagonistinnen immer wieder an realen Schauplätzen. Mir war es wichtig, diese für Würzburger*innen als Wiedererkennungswert in die Geschichte einzubauen. Schließlich kann das Bewusstsein (!) dafür, dass diese Stadt am 16.März 1945 in Trümmern lag, auch heute noch eine Warnung sein, was übersteigertes Nationalgefühl, Krieg und Rassismus anrichten können.

Autorin Sonja Weichand. Foto: Nico Manger

Autorin Sonja Weichand. Foto: Nico Manger

WE: Was möchten Sie mit der Veröffentlichung des Buches erreichen?

Sonja Weichand: Ein großer Erfolg für mich wäre, wenn ich eine Debatte darüber anstoßen könnte, wie Frauen im Nationalsozialismus wahrgenommen wurden und werden. Da es immer weniger Zeitzeugen gibt, liegt es mir besonders am Herzen, junge Leute zu erreichen, denen die übliche Erinnerungskultur rund um Kranzniederlegungen oder gehisste Trauerfahnen wenig gibt. Wenn die Leser durch meinen Roman und das emotionale Mitfiebern mit den Figuren die Situation damals ein wenig besser verstehen und über Fremdenhass und Krieg neu nachdenken, dann habe ich alles erreicht.

WE: Wie sieht Ihre zukünftige Planung in Bezug auf das Bücherschreiben aus?

Sonja Weichand: „schuld bewusstsein“ ist zwar mein Debütroman, aber ich habe vorher bereits Theaterstücke veröffentlicht und schreibe auch Lyrik, Satire und Kurzgeschichten. Für mich der schönste Beruf der Welt. Tatsächlich habe ich bereits eine Idee für ein neues Buch und recherchiere wieder. Jetzt freue ich mich aber natürlich erst einmal auf den 19.10.20 und das Erscheinen meines Erstlings.

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