Lady Gaga im Kleid von Johannes Warnke im Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke
Lady Gaga im Kleid von Johannes Warnke im Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke

Ein Kleid für Lady Gaga: Designer Johannes im Interview

Johannes Warnke – ein Name, den man sich im Hinterkopf behalten sollte. Der Jungdesigner aus dem unterfränkischen Estenfeld hat sich einen Namen in der schnelllebigen und wettbewerbsbezogenen Branche der Mode gemacht. Von Praktika bei renommierten Designern, einer beeindruckenden Abschlusskollektion bis hin zum Designen von Einzelstücken für Lady Gaga, Johannes hat mit seinen 26 Jahren bereits so einiges erlebt. Uns erzählt der Estenfelder, wie er dazu kommt, wie die Zusammenarbeit mit Lady Gaga war und verrät uns, wie es in Zukunft für ihn weitergeht und was er in der Modewelt noch alles erreichen möchte.

Von Estenfeld nach London

Würzburg Erleben (WE): Hallo Johannes, stell dich doch einmal kurz vor: woher kommst du und was machst du?

Johannes: Hallo, ich bin Johannes Warnke und komme aus Estenfeld bzw. Würzburg. Dort bin ich großgeworden und bin anschließend für mein Abitur nach Nürnberg gezogen. Direkt im Anschluss ging es für mich nach Köln für Schneiderpraktika. Seit 5 Jahren bin nun schon in London mit einer Unterbrechung im letzten Jahr, da ich innerhalb eines Jahres mehrere Praktika absolviert habe: bei „Viktor&Rolf“ in Amsterdam und in Paris bei „Balmain“ und „Givenchy“. Nach dieser Unterbrechung kam ich in das Final Year, das letzte Studienjahr meiner Universität, das Central Saint Martins College of Arts and Design.

Das Kleid aus Johannes Abschlusskollektion, dass Gaga im Video trägt. Foto: Johannes Warnke

Das Kleid aus Johannes Abschlusskollektion, dass Gaga im Video trägt. Foto: Johannes Warnke

Nach meinem letzten Jahr bin ich in London geblieben, habe hier inzwischen mein kleines Studio und arbeitet von hier aus. Ich verstehe mich nicht nur als Modedesigner, sondern auch als Künstler und versuche immer viel mit Tänzern und Tanztheatern zusammenzuarbeiten. Meine Kollaborationen sind deshalb meistens auch ein stückweit auf Performance bezogen.

WE: Wie hast du deine Leidenschaft für Mode und Design entdeckt?

Johannes: Die Leidenschaft für Mode und Design habe ich nicht entdeckt, ich glaube die war einfach in mir seitdem ich geboren bin. Ich glaube da gab es nicht den einen Schlüsselmoment, es war einfach so, dass ich schon immer sehr viel gezeichnet habe, mich künstlerisch betätigt habe. Aus diesem Grund war ich auch auf der FOS für Gestaltung. Hinzu kommt, dass ich schon immer gerne Menschen beobachtet habe.

Ich beobachte gerne Verhalten, auf psychologischer und visueller Ebene und finde das super spannend. Gezeichnet habe ich vor allem Kleider und Menschen mit dem Fokus auf „Women’s wear“, also Frauen und Frauenkleider gezeichnet. Das hat sich mein ganzes Leben lang durchgezogen. Auch Tanzen hat viel zu meiner Leidenschaft beigetragen. Ich habe selber viel getanzt, in der Tanzwerkstatt in Würzburg, der ich deshalb viel zu verdanken habe. Durch den Tanz konnte ich den Körper, den Ausdruck und das Künstlerische nochmal vertieft kennenlernen.

Wahrnehmung & Erfahrung als sozialpolitisches Thema

WE: Deine Abschlusskollektion trägt den Titel: „Windows of Perception“ – Was bedeutet dir diese Kollektion und was für Stücke hast du angefertigt?

Johannes: „Windows of Perception“ heißt übersetzt „Fenster der Wahrnehmung“ und hat eine Bedeutung, für die ich ein bisschen ausholen muss. Die Kollektion ist inspiriert von dem Film „Der Himmel über Berlin“. In dem Film geht es um zwei Engel, von denen sich einer dazu entscheidet zum Menschen zu werden. Der andere Engel beobachtet schließlich den zum Menschen gewordenen Engel von oben und sieht, dass er plötzlich fühlen, schmecken und riechen kann. Diese Story hat mich sehr an unsere Situation heute erinnert, in der wir auf Social Media und gerade auf Instagram uns gegenseitig von oben beobachten und eigentlich nie wirklich teilhaben am Leben, sondern immer nur die Beobachterrolle einnehmen.

Ohrenstöpsel mit Windspiel aus der Kollektion „Windows of Perception“. Foto: Johannes Warnke

Ohrenstöpsel mit Windspiel aus der Kollektion „Windows of Perception“. Foto: Johannes Warnke

Diese wirkliche Verbindung zueinander, das hat man jetzt in der Corona-Krise auch nochmal gemerkt, ist eigentlich das Entscheidende, warum wir glücklich sind, warum Erinnerung stattfinden. Deshalb habe ich die Wahrnehmung und Erfahrung als sozialpolitisches Thema aufgegriffen. Das heißt wenn wir etwas in echt erleben, dann riechen wir es, dann sehen wir es und spielen mit allen Sinnen. Deshalb hat meine Kollektion Sinneselemente: „Klang“ mit einem Windspiel in den Ohrringen, Ohrenstöpsel gegen Lärm oder Scheuklappen. Es sind alles Elemente, die mit der Wahrnehmung zu tun haben.

Die „Windows“ Inspiration kommt von Kirchenfenstern. Einerseits Fenster an sich, weil man durch sie etwas beobachten kann, ohne daran teilzuhaben, da sie immer noch eine Art Wand darstelle. Andererseits inspiriert vom Sakralbau, weil die Gebäude etwas sehr Meditatives und Beruhigendes haben. Die Kollektion spiegelt insgesamt den Kontrast zwischen echter Verbindung und virtueller Verbindung beziehungsweise Beobachten und echtes Erleben wieder.

Kopfteil mit Scheuklappen aus der Kollektion „Windows of Perception“. Foto: Johannes Warnke

Kopfteil mit Scheuklappen aus der Kollektion „Windows of Perception“. Foto: Johannes Warnke

WE: Woher nimmst du deine Inspiration?

Johannes: Meine Inspiration, wie auch bei meiner Abschlusskollektion nehme ich meistens von sozialpolitischen Themen oder von psychologischen Themen. Gleichzeitig durch permanentes Beobachten. Ich beobachte viel in meinem Alltag, ich laufe herum und sehe alles und versuche immer alles wahrzunehmen. Ich glaube das ist eine riesige Inspirationsquelle: Verhalten beobachten, Menschen beobachten, Bäume beobachten, die Sonne beobachten und dann genau definieren was man daran mag und was man daran nicht mag, das ist die beste Inspiration.

Was mich aber auch immer inspiriert sind Künstler. Meine Lieblingschoreografin ist Pina Bausch, sie ist immer eine Inspiration. Oder beispielsweise die Fenster und der Sakralbau, daran war schon immer etwas, das mich fasziniert hat. Ich orientiere mich immer an Dingen, die mich faszinieren, da gibt es so eine Liste von Sachen, von denen ich auch schon Mehreres ausprobiert habe. Natürlich ist jedes Projekt unterschiedlich, aber häufig bezieht sich jedes auf etwas, das emotional ist aber auch einen sozialpolitischen Hintergrund hat.

Kollaboration mit der „Queen of Pop“

WE: In kürzester Zeit hast du dir einen Namen in der Modewelt gemacht, die Vogue berichtete über dich, eins deiner Kleider wird sogar im Museum ausgestellt. Das alles durch eine Künstlerin: Lady Gaga. Wie würdest du die letzte Zeit beschreiben? Konntest du die Eindrücke schon verarbeiten?

Johannes: Die letzte Zeit war sehr hektisch, denn nach der Lady Gaga Veröffentlichung habe ich viele Anfragen bekommen. Daher arbeite ich gerade sehr viel an Kleidern, Emails und was sonst noch dazu kommt. Es war eine sehr hektische Zeit, so dass ich eigentlich gar keine richtige Möglichkeit hatte, alles zu verarbeiten. Aber ich war natürlich auch schon 2 Monate vor der Veröffentlichung darauf vorbereitet, ich wusste, dass es rauskommt. Durch diesen Vorlauf, habe ich es langfristig wohl schon ein bisschen verarbeitet.

Das Einzelstück für Lady Gaga im Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke

Einzelstück für Lady Gaga im Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke

Was mich sehr gefreut hat war, dass sich ganz viele Menschen bei mir gemeldet haben und mich in jeglicher Form beglückwünscht haben. Es war wirklich schön, dass sich da so viel mitfreuen und beteiligen. Es war eine sehr spannende Erfahrung.

WE: Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie ist die gemeinsame Zeit verlaufen? Was genau hast du für die Künstlerin designed?

Johannes: Die Zusammenarbeit entstand dadurch, dass mich das Styling Team von Lady Gaga angefragt hat, ob ich ihnen die Kleider meiner Abschlusskollektion zuschicken kann. Zusätzlich habe ich noch ein spezifisches Kleid, ein „Custom Piece“, angefertigt und beides zusammen losgeschickt. Durch das Custom Piece waren wir immer in Kontakt, die Zusammenarbeit war sehr schön mit dem gesamten Team. Ich glaube auch, dass es noch mal dazu kommen wird, wir stehen weiterhin in einem sehr guten Verhältnis.

Das rote Kleid aus dem Musikvideo ist das Custom Piece, ich habe es komplett für sie designed. Bei dem Kleid ist ein Cape dabei, dessen Stoff ich im Garten in Estenfeld auf ihre Vorstellung hin gefärbt habe. Ebenso habe ich das Kleid ihrem Körper angepasst, es sollte sehr fließend, weich fließend und ein bisschen spontan ausschauen und fallen.

Johannes beim Färben des Stoffes in Estenfeld. Foto: Johannes Warnke

Johannes beim Färben des Stoffes in Estenfeld.
Foto: Johannes Warnke

Ursprünglich war es ein Unterkleid und es gab noch einen passenden Mantel, der wurde aber nicht verwendet und darüber bin ich auch froh. Ich glaube es passt sehr gut so wie es letztendlich geworden ist. Lady Gaga trug außerdem noch das gelbe Kleid im Musikvideo, das ich aber schon für meine Kollektion gemacht hatte. Ich habe mich sehr über das Video gefreut, weil es wirklich zusammenpasst mit dem Hintergrund meiner Kollektion, da es in der Thematik des Videos auch um die Verbindung zwischen virtueller Welt und Realität geht.

WE: Deine Kleider kann man in Gagas neuem Musikvideo „911“ bewundern, konntest du bei den Aufnahmen vor Ort sein?

Johannes: Wir hätten am liebsten gehabt, dass ich vor Ort gewesen wäre. Darüber haben wir länger gesprochen aber am Ende entschieden, dass es aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht geht. Deshalb konnte ich leider nicht vor Ort sein.

Das gelbe Kleid aus Johannes Abschlusskollektion in Gagas Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke

Das gelbe Kleid aus Johannes Abschlusskollektion in Gagas Musikvideo „911“. Foto: Screenshot © 2020 Interscope Records/ Johannes Warnke

„Kunst machen, das war und ist mein Traum“

WE: Wie geht es jetzt für dich weiter?

Für mich geht es jetzt weiter mit meiner eigenen Marke. Ich werde weiter daran arbeiten, dass ich Projekte an Land ziehe mit Kostümen für Tanz, Theater und vielleicht auch berühmte Persönlichkeiten. Auf jeden Fall wird es zu gegebener Zeit auch eine eigene Produktlinie von mir geben, aber das kommt alles nach und nach. Aktuell habe ich schon mehrere Projekte ausstehend. Vergangenen Montag hatte ich noch mein Lookbook Shooting mit den anderen Outfits meiner Kollektion, das war nochmal ein spannendes Projekt. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit, ich glaube da kommen noch ein paar sehr interessante Sachen auf mich zu.

WE: Was sind deine Ziele für die Zukunft? Hat sich durch die Zusammenarbeit mit Lady Gaga schon ein Träum erfüllt?

Ich habe sehr viele Ziele. Ich hatte auf jeden Fall schon immer in meinem Kopf, dass ich irgendwann einen Musiker einkleiden will. Ich glaube das mit Lady Gaga kam jetzt einfach wirklich zur richtigen Zeit. Ich habe auch noch viele andere Anfragen von Musikern, die ich nicht alle wahrnehmen konnte. Über das Projekt mit ihr habe ich mich allerdings sehr gefreut, so dass man schon sagen das ein Traum wahr wurde.

Ich will für meine Zukunft einfach selbstbestimmt arbeiten können und weitermachen mit den Sachen, in denen ich gut bin. Und ich glaube das ist eher die Theater- und Kostümwelt und irgendwie auch Mode für den roten Teppich in Richtung „Haute Couture“. Auf jeden Fall möchte ich immer weiter mit Kunst machen, das war und ist mein Traum. Auch als Lehrkraft würde ich gerne mal arbeiten. Ich denke in der Mode kann man den Studenten viel beibringen, auch in Bezug auf mentale Gesundheit und Selbstbewusstsein. In der Modewelt sind das große Themen, da die ganze Branche sehr wettbewerbsbezogen ist. Es ist ein sehr anstrengender Beruf, man muss einfach wahnsinnig viel arbeiten und ich glaube, dass nicht jeder dafür gemacht ist. Aber auch aus dem Grund, weil die Studenten nicht genau wissen wie sie damit umgehen sollen oder wie sie sich in bestimmten Situationen wirklich fühlen. Ich glaube aus diesen Gründen hätte ich Lust auch mal als Tutor zu arbeiten und Studenten davon etwas mitzugeben und zu lehren.

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