Vera Skurzny, Sozialarbeiterin bei der Brauchbar gGmbH, erkundigt sich bei Ramona Mohr, wie es ihr gerade an ihrem Arbeitsplatz geht. Foto: Brauchbar
Vera Skurzny, Sozialarbeiterin bei der Brauchbar gGmbH, erkundigt sich bei Ramona Mohr, wie es ihr gerade an ihrem Arbeitsplatz geht. Foto: Brauchbar

„Brauchbar“: Auch in Krisenzeiten Unterstützung für Mitarbeiter

Stress haben, hetzen müssen, in Druck sein – all das kann Ramona Mohr nicht gut abhaben. „Als ich früher an der Kasse saß und es hat sich eine lange Schlange gebildet, das hat mich fix und fertig gemacht“, erzählt die Mitarbeiterin von „Brauchbar“. Sozialarbeiterin Vera Skruzny, die ihr gegenübersitzt, nickt. Das kann sie gut verstehen. Bei „Brauchbar“ erhält Mohr deshalb auch Aufgaben, die sie nicht stressen. Dafür sorgt die Sozialarbeiterin, die sich seit einem guten Jahr für „Brauchbar“ engagiert.

Durch Stress krank geworden

Auch nach neun Monaten bei „Brauchbar“ fehlt Ramona Mohr noch die Courage, sich an die Kasse zu setzen. Gerade jetzt, wo bei „Brauchbar“ so viel los ist. Zu gut erinnert sich die gelernte Verkäuferin daran, wie das war, als sie wegen der langen Schlangen in ihrem ehemaligen Geschäft ins Hudeln geraten ist. „Ich habe mich, weil ich so gestresst war, verzählt oder vertippt, alles hat sich dadurch verzögert und die Schlange wurde immer länger“, sagt sie. Irgendwann hatte Ramona Mohr den Stress nicht mehr gepackt. Die 31-Jährige wurde so schwer psychisch krank, dass sie vier Jahre gar nicht mehr arbeiten konnte. Monatelang lag sie in der Klinik. Wegen Depressionen. Borderline. Und ADHS.

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Soziales Team in der Krise

Seit Oktober 2019 ist das Sozialkaufhaus von „Brauchbar“ ein echtes Eldorado für die sensible junge Frau, die, vor allem durch Zeitarbeitsfirmen, schon in vielen Unternehmen tätig war: „Kein Betrieb war auch nur annähernd so sozial eingestellt wie ‚Brauchbar‘.“ Wie sozial das Team ist, erlebte Mohr nicht zuletzt in der Krisenzeit. Es war schlimm für sie gewesen, erzählt sie, plötzlich wieder zu Hause zu hocken. „Mir fällt die Decke auf den Kopf“, sagte sie zu Vera Skruzny, die während der langen Schließwochen zu allen Beschäftigten, die bis März bei „Brauchbar“ eine Arbeitsgelegenheit gehabt hatten, telefonisch Kontakt hielt.

Für Mitarbeiter mehr als ein Job

Ramona Mohr hatte ein großes Bedürfnis nach einer sinnvollen Aufgabe, als sie letztes Jahr bei „Brauchbar“ einstieg. So wie ihr, geht es vielen der derzeit 50 Männer und Frauen, die in der gemeinnützigen GmbH einen Ein-Euro-Job haben. Das, was sie tun, ist nicht bloß ein Job. Die Arbeit gibt ihnen Halt. Sinn. Emotionale Stabilität. Vor allem gewinnen sie dadurch neue soziale Kontakte. „Viele Menschen, die bei uns arbeiten, haben keine engen familiären Beziehungen und kaum Freunde“, sagt Geschäftsführer Thomas Johannes. Das sei auch bei ihr so, meint Mohr: „Von den vielen Freunden aus jener Zeit, als ich noch nicht krank war, sind mir gerade einmal zwei geblieben.“

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Alkohol, illegale Drogen, Schulden

Keiner der Ein-Euro-Jobber könnte aktuell in einer Firma auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sein. Dazu reicht die Kraft nicht. Dazu sind sie zu stark körperlich oder psychisch eingeschränkt. Dazu sind aber auch zu viele andere Probleme zu bewältigen. Sozialarbeiterin Vera Skruzny hat es mit Menschen zu tun, die, geht es ihnen mal nicht gut, zur Flasche greifen oder illegale Drogen nehmen. Manche haben einen hohen Schuldenberg angehäuft. Andere leiden unter Ängsten. Vera Skruzny hört zu. Sie gibt Tipps. Auf Wunsch begleitet sie auch zur Schuldnerberatungsstelle, zum Jobcenter oder zur Drogenberatung.

Sozialarbeiterin als Unterstützung für Flüchtlinge

Immer versucht sie, eine Möglichkeit ausfindig zu machen, den Teilnehmern aus einer Notlage herauszuhelfen. „Sie ist ein integraler Bestandteil unseres Unternehmens“, sagt Johannes. Ohne eine Sozialarbeiterin wäre es schlicht nicht möglich, jene Personen, die bei „Brauchbar“ tätig sind, zu beschäftigen. Das betrifft nicht zuletzt die Flüchtlinge, die hier eine Chance auf berufliche Integration erhalten. Vera Skruzny besucht jeden einzelnen regelmäßig an seinem Arbeitsplatz und hilft eine Weile mit. Indem sie erklärt, was sie gerade macht, lernen die Geflüchteten die deutsche Sprache: „Schauen Sie, ich nehme hier das rote T-Shirt und zeichne es mit einem Preis aus.“

Nicht Hochdeutsch, sondern Fränkisch

So gelingen die ersten Gehversuche auf dem deutschen Arbeitsmarkt. „Mit dem, was die geflüchteten Menschen in der Sprachschule lernen, kommen sie in der Arbeitswelt meist nicht weit“, erläutert Skruzny. Im Verkauf zum Beispiel muss man bestimmte Fachbegriffe kennen. Etwa, was es bedeutet, ein Preisschild zu „schießen“. Oder was „etikettieren“ meint. Wer bei „Brauchbar“ mit Kunden zu tun hat, die auf der Suche nach gut erhaltenem Kochgeschirr, nach Büchern, Filmen, Vasen, Kleidung, Schuhen oder Möbeln sind, muss außerdem darauf eingestellt sein, dass diese nicht Hochdeutsch sprechen. Sondern fränkischen Dialekt. Was die Beschäftigten verstehen sollten.

Finanzielles Defizit durch lange Schließzeit

Nicht alle haben es verkraftet, dass sie über einen längeren Zeitraum zum Nichtstun verdammt waren. „Ein Teilnehmer rutschte so tief in die Depression ab, dass er noch nicht wieder zurückkommen konnte“, berichtet Johannes. Die Corona-Pandemie hat laut dem Geschäftsführer sowohl wirtschaftliche als auch psychosoziale Folgen. Durch die lange Schließzeit lief ein hohes finanzielles Defizit auf. Zum Glück konnte das Minus dank vieler Unterstützer wenigstens teilweise reduziert werden. Die Stadt und das Jobcenter halfen. Ein Vermieter unterstützte mit einer Spende. Auch brachten viele Menschen gebrauchte Waren vorbei: „Und die benötigen wir unbedingt.“

Artikel beruht auf einer Medienmitteilung von BRAUCHBAR gemeinnützige GmbH.

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