Mario Dieringer und sein treuer Begleiter Tyrion. Foto: Trees of Memory e.V.
Mario Dieringer und sein treuer Begleiter Tyrion. Foto: Trees of Memory e.V.

Bäume pflanzen für Suizidenten: Mario & „Trees of Memory“

„Trees of Memory“ – Bäume, die erinnern sollen. Dieses Motto beschreibt Mario Dieringers Lebensaufgabe und bildet gleichzeitig den Namen seines Vereins, den er im Jahre 2017 gegründet hat, nachdem sein Lebenspartner 2016 Suizid beging. Das große Ziel von Trees of Memory e.V. (ToM) ist es, die Gesellschaft für das Thema Depressionen und Suizidalität zu sensibilisieren und Wege aufzuzeigen, wie mit Hinterbliebenen von Suizidenten umzugehen ist. Dafür läuft Mario quer durch Deutschland und in Zukunft über dessen Grenzen hinaus. Dabei pflanzt er Bäume, die an die Menschen erinnern sollen, die ihrer psychischen Erkrankung zum Opfer fielen. Begleitet wird er dabei stets von seinem Hund Tyrion.

Am 14.06. begann Marios diesjährige Route in Coburg und führt ihn auch in die Nähe von Würzburg. Uns erzählt er, wie die Umgebung Würzburgs Teil seines Weges wurde, wohin ihn seine Route noch führt und was er sich persönlich und für ToM wünscht.

Mario Dieringer und sein Lauf um die Welt

Mario Dieringer, der mittlerweile Dozent, Autor und Journalist ist, gründete ToM ein halbes Jahr nach dem Suizid seines Lebenspartners im Jahr 2016. 2014 überlebte er selbst einen Suizidversuch durch Reanimation. Der Verlust seines Partners brachte ihn dazu, seinen Alltag komplett hinter sich zu lassen, um sich einer neuen Lebensaufgabe zu widmen: Die Idee zu Trees of Memory war geboren. Damit sollen Angehörige aller Nationen vereint werden und das Stigma des Suizides beseitigt werden. Er sieht sich als Botschafter für das Leben und die erfolgreiche Behandlungsmöglichkeit von Depressionen und Suizidalität.

Aktion „Mario läuft“

Im März 2018 startete der 53-jährige Gründer von Trees of Memory dann seine besondere Reise. Er läuft durch Deutschland und pflanzt Bäume der Erinnerung für Menschen, die es nicht geschafft haben und zum Opfer einer psychischen Erkrankung wurden. Er will mit seinem Lauf um die Erde auf die stetig steigenden Suizidzahlen aufmerksam machen und mit Aufklärungsarbeit den Angehörigen helfen, sich von Schuldvorwürfen zu befreien. Seit dem Beginn seines Laufes ist Mario bisher 3.500 km durch Deutschland gelaufen und hat dabei 20 Bäume gepflanzt. 2020 und 2021 stehen noch viele weitere Pflanzungen an und spätestens im Frühjahr 2022 will er Deutschland verlassen und seine Mission der Erinnerung in Österreich fortsetzen.

Seinen Lauf dokumentiert er in den sozialen Netzwerken Facebook, YouTube, Instagram, Twitter und TikTok, auf denen ihm rund 30.000 Follower folgen. In kurzen filmischen Sequenzen lässt er die Zuschauer an seinem Lauf teilhaben. Während der Corona-Pandemie musste sein Lauf pausiert werden, diese Zeit nutzte er aber um ein Buch zu dem Thema zu schreiben: #psychischerkältet – Wie ich Depressionen und Suizidalität entgegentrete.

Mario und Hund Tyrion auf dem Weg zum nächsten Ziel der Route. Bild: Trees of Memory e.V.

Mario bei der Rast vor seinem Zelt. Foto: Trees of Memory e.V.

Würzburger aufmerksam machen

Würzburg Erleben (WE): Wie weit im Voraus legst du deine Route fest? Ergeben sich manchmal Änderungen, weil Betroffene dich kurzfristig für einen Baum kontaktieren?

Mario: Ich lege die Route zu Beginn des jährlichen Laufes in groben Zügen fest. Diese aktualisiert sich aber laufend, weil ich zum Beispiel Einladungen bekomme oder weil ein Baum gepflanzt werden soll. Ich habe ja in der Regel kaum feste Termine die ich einhalten muss. Aus diesem Grund bin ich sehr flexibel und kann auch kurzfristig vom eigentlichen Plan abweichen.

WE: Wie wurde Würzburg Teil deines Wegs?

Mario: In der Nähe von Würzburg, in Boxberg-Bobstadt, lebt Iris Pfister, die dritter Vorstand im Verein ist. In Burgsinn bin ich von einer Familie eingeladen, die einen Trees of Memory bekommen wird. Laufe ich von Burgsinn nach Bobstadt, macht es Sinn, auch Würzburg in die Route mit aufzunehmen. Ich habe ja einen sehr auffälligen Wanderwagen mit einem Banner dran. Durch eine Stadt zu laufen erregt Aufmerksamkeit und manchmal finde ich so die Menschen, die mich finden sollen.

WE: Gibt es in der Nähe von Würzburg schon Trees of Memory?

Mario: In Burgsinn ist einer, der schon gepflanzt wurde (für einen Menschen) und in Bobstadt wurde bereits im letzten Jahr ein Gemeinschaftsbaum für drei Suizidenten gepflanzt. Einer davon war der Sohn von Iris Pfister, unserem dritten Vorstand.

WE: Wann und wo soll der Baum in Burgsinn gepflanzt werden? Kannst du uns etwas über die Person erzählen, an die der Baum erinnern soll?

Mario: In Burgsinn ist der Baum in einem Privatgarten. Zu der Person kann ich noch gar nichts sagen, weil ich persönlich mit der Familie noch keinen Kontakt hatte. Ich erfahre oft von den Schicksalen erst dann, wenn ich vor Ort bin.

Einladungen aus acht Ländern

WE: Gibt es schon Pläne für Bäume außerhalb Deutschlands?

Mario: Ja, ich habe Einladungen aus acht Ländern. Österreich, Italien, Schweiz, USA, Costa Rica, Indien, Nepal, Kolumbien, ich habe also zu tun – darüber hinaus haben mich weltweit 85 Menschen über alle Kontinente verteilt eingeladen, vorbeizukommen und Rast zu machen.

WE: Was wünscht Du Dir für die Zukunft, sowohl für Trees of Memory und deinen Lauf als auch persönlich?

Mario: Ich wünsche mir, dass ich mit Trees of Memory ein grünes Band aus lebendigen Erinnerungen an Menschen schaffen kann, die ihrer Krankheit nicht widerstehen konnten. Diese Bäume sind Mahnmal und gleichzeitig Mutmacherbäume. Ich habe einen Suizidversuch überlebt, ich bin aus der Hölle entkommen und mit Trees of Memory möchte ich zeigen, dass jeder es schaffen kann, wieder ein erfülltes und glückliches Leben zu haben, der dies auch wirklich möchte und an sich und seine Träume glaubt. Es ist eine Aufforderung seinen Sehnsüchten zu folgen und den eigenen Lebenssinn wiederzufinden oder neu auszurichten.

Zudem hoffe ich das Thema Suizid aus der Tabuzone holen zu können und selbstverständlich hoffe ich, dass der Verein TREES of MEMORY e.V. eine feste Größe in der Suizidpräventionslandschaft und in der Erstversorgung von Hinterbliebenen wird, den Betroffene schnell auf dem Schirm haben, wenn Sie Hilfe suchen.

Und für mich persönlich? Nun, dass ich Sponsoren finde und gesund bleibe. Vielleicht begleitet mich ja eines Tages wieder jemand durch das Leben und wird Teil von Trees of Memory und wandert einfach mit mir und meinem Hund Tyrion dem Abenteuer, dem Leben und der Liebe entgegen.

Menschen hinter dem Verein

Der Verein Trees of Memory (ToM) wird von aktuell von 50 Menschen begleitet und unterstützt. Neben Gründer Mario setzen sich aber besonders die drei Vereinsvorsitzenden für die Hinterbliebenen von Suizidenten ein.

Gunter Huhn ist 1. Vorsitzender des Vereins und widmet sich voll und ganz der Unterstützung von Trauerarbeit der Menschen, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. Daneben setzt er sich stark dafür ein, die Gesellschaft für Hinterbliebene zu sensibilisieren. Denn meistens leiden die Hinterbliebenen nicht nur unter dem Verlust selbst. Gunter Huhn ist sicher, dass Angehörige oftmals angefeindet und mit Schuldzuschreibungen konfrontiert werden. Die Verständnislosigkeit und auch das häufige Totschweigen der Gesellschaft möchte er ändern.

Mario Kelter ist der zweite Vorsitzende des Vereins und war früher Pflegeberater. Nachdem sein ältester Sohn 2014 suizidierte änderte sich sein Leben und das seiner Familie grundlegend. So kam es, dass Mario durch seine Frau 2018 auf ToM aufmerksam und schnell aktives Mitglied wurde. Es ist für ihn zu einer Herzensangelegenheit geworden, die Gesellschaft über die Häufigkeit von Suizid und Depressionen zu informieren.

Iris Pfister macht als dritte Vorsitzende des Vereins das Vorstandsteam komplett. Auch sie verlor einen geliebten Menschen und engagiert sich seitdem für Hinterbliebene. Der Verein bildet für sie die Brücke zwischen Trauer und Rückkehr in ein annehmbares Leben. Nach dem Suizid ihres Sohnes stieß sie in vielen Situationen auf eine Mauer des Schweigens, die ihr bewusst machte, wie wichtig es ist darüber reden zu können.

Das Vorstandsteam von Trees of Memory. (v.l. Mario Kelter, Iris Pfister, Gunter Huhn) Foto: Trees of Memory e.V.

Das ToM Team auf einer Messe in Bremen. Mit dabei Mario Dieringer, Iris Pfister, Gunter Huhn und ein weiteres Mitglied. Foto: Trees of Memory e.V.

Angebote des Vereins

In bisher bundesweit elf Regionen bietet der Verein über seine „1. Anlaufstellen“ kostenlosen Beistand an. Betroffene bekommen einen Paten zur Seite gestellt, der in unterstützender Funktion hilft, das erste Gefühlschaos aufzufangen und die individuell passenden Maßnahmen, Selbsthilfegruppen oder Therapeuten zu identifizieren. Sobald die Trauernden sich stark genug fühlen, werden sie aus der persönlichen Hilfestellung entlassen.

Sämtliche Paten und die meisten Vereinsmitglieder haben einen Suizid in der Familie zu beklagen. Aus eigener Erfahrung und nach monatelangen Recherchen unter Betroffenen sind sie mit der Thematik vertraut und wissen, dass die Hilflosigkeit in den ersten Wochen am größten ist. Die Trauer und die immense emotionale Belastung ermöglichen es Trauernden kaum, selbstständig Hilfe zu suchen. Dieses Angebot wird vom Verein stetig erweitert.

Vorträge & Workshops

Der Verein bietet Vorträge für Ärzte, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Schüler, Lehrer, Rettungskräften und Mitarbeiter der Polizei an. Dabei sollen für Ärzte bessere Einblicke in die Schwierigkeiten von Hinterbliebenen gegeben werden, damit diese ihnen spezifischer Hilfe bieten können. Lehrer werden in den Vorträgen sensibilisiert Anzeichen von Suizidalität bei Schülern zu bemerken und Schüler wird erklärt, wie sie Depressionen oder Suizidgedanken bei Freunden erkennen. Die Vorträge für Polizisten und Rettungskräfte sollen den Ersthelfern helfen, bei einem Fall von Suizid richtig mit den anwesenden Angehörigen umzugehen.

Auch Workshops für Journalisten und Medienvertreter bietet ToM an. Mario Dieringer erklärt dabei anhand von positiv und negativ Beispielen, wie wertfrei über das Thema berichtet werden kann. Blogger, Journalisten und Redakteure sind wichtige Partner, wenn es um die Suizidprävention geht.

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