Familie Clausnitzer verzichtet so gut es geht auf Plastik. Foto: Dr. Christian Müller-Clausnitzer
Familie Clausnitzer verzichtet so gut es geht auf Plastik. Foto: Dr. Christian Müller-Clausnitzer

Wir fragen Familie Clausnitzer: Wie lebt man ohne Plastik?

38 kg Plastikmüll im Jahr produziert laut Plastikatlas 2019 jeder deutsche Bürger – das macht umgerechnet etwa 4.800 t allein in Würzburg. Ein Verzicht fällt schwer, denn Plastik ist wirklich überall zu finden: Im Supermarkt und in Drogeriemärkten ist nahezu alles in Plastik verpackt. Familie Clausnitzer aus Würzburg hat sich aber trotzdem daran versucht, ohne Plastik zu leben – und das mit Erfolg: Die Familie schafft es, fast komplett auf Plastik zu verzichten und produziert mittlerweile sogar praktisch fast keinen Restmüll mehr. Wir haben Dr. Christian Müller-Clausnitzer gefragt, wie er im Alltag zurechtkommt und welche Hürden überwunden werden müssen.

Von 35 auf 7 gelbe Säcke im Jahr

Würzburg erleben (WE): Erzählen Sie doch etwas über sich.

Mein Name ist Dr. Christian Müller-Clausnitzer und ich wohne mit meiner Frau Tanja und meinen beiden Töchtern Hannah und Tilsa in Würzburg. Ich bin 40 Jahre alt, arbeite in der Abteilung IT, Datenschutz und Marketing einer Reiseversicherung hier in Würzburg. Nebenberuflich bin ich für einem sehr guten Freund als Stockfotograf tätig – dort verkaufen wir online Fotos und erstellen Animationen und Grafiken. In meiner Freizeit gehe ich gerne Spazieren oder fahre Fahrrad, spiele Videospiele oder verbringe die Nachmittage mit Nachbarn in unserem Hinterhof.

WE: Wann haben Sie begonnen, Plastik im Alltag zu vermeiden?

Wir haben uns zum Jahreswechsel 2017/2018 relativ spontan entschlossen, unseren Plastikmüll beim Einkaufen zu reduzieren. Nach einigen Startschwierigkeiten haben wir es geschafft, fast ganz auf Plastik zu verzichten. Seit einigen Monaten reduzieren wir auch unseren Papier- und Glasmüll, seit etwa sechs Monaten haben wir (praktisch) keinen Restmüll mehr. Wir konnten unsere jährlichen gelben Säcke von etwa 35 im Jahr auf sieben reduzieren. Dieses Jahr haben wir uns als Ziel gesetzt, nur noch zwei gelbe Säcke im ganzen Jahr zu verbrauchen – durch die Corona-Krise waren wir aber manchmal gezwungen, Plastik zu kaufen.

WE: Wie kommen Sie dazu?

Wir haben uns überlegt, wie wir etwas ganz Praktisches zum Klima- und Umweltschutz beitragen können. Uns ist bewusst geworden, wie viel Plastik im Alltag genutzt wird – und wie unsinnig das manchmal ist, z.B. geschnittenes, frisches Obst in Plastikbechern zu verkaufen. Wir haben dann Ende 2017 unser Auto verkauft und sind auf Carsharing umgestiegen (was wir allerdings nur sehr selten brauchen). Im Zuge dieser Umstellung kam mir der Gedanke, auch beim alltäglichen Einkauf genauer hinzusehen. Die Ersparnis bei Verpackungsmüll ist enorm und kann jeder für sich umsetzen. Als dann im März 2017 der Unverpackt Würzburg in der Sanderstraße geöffnet wurde, sind wir richtig gestartet.

Viel Zeit investiert

WE: Wo liegen die größten Herausforderungen beim Einsparen von Plastik?

Als wir angefangen haben, auf Plastikverpackungen zu achten, war vor allem der Hygienebereich schwierig, da es hier kaum Alternativen gab. Auch Süßigkeiten z.B. sind in der Regel kaum ohne Plastik- oder Aluverpackung zu finden. Der Verzicht auf Plastik geht im Grunde einher mit dem Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel – denn die sind sehr selten unverpackt. Daher stellen wir viele Dinge selbst her – hier mussten wir aber anfangs viel Zeit investieren. Wer noch nie selbst Ketchup gemacht hat oder Kartoffelchips muss erstmal viel, viel üben.

WE: Ist es Ihnen sofort leicht gefallen?

Anfangs war es vor allem ein Zeitproblem. Der normale Einkauf im Supermarkt hat sich nun auf etliche verschiedene Geschäfte aufgeteilt, weil es nicht überall verpackungsfreie Dinge gibt. Da war dann ein Samstagvormittag und Mittag schnell rum und oft anstrengend. Aber nach einigen Wochen hat sich ein Rhythmus eingestellt, sodass wir nicht mehr den ganzen Samstag durch dutzende Geschäfte laufen müssen, sondern nun wissen, wo es welche Produkte gibt.

WE: Wie schwierig ist es, in der Arbeit auf Plastik zu verzichten?

Beruflich auf Plastik zu verzichten, ist eigentlich ziemlich einfach. Ich nehme mir mein Mittagessen immer von zu Hause mit und verwende dabei keinerlei Verpackung. Auch in der Arbeit selbst verwenden wir z.B. eine Kaffeemaschine, die mit Kaffeebohnen befüllt wird – also keinen Kapselkaffee oder ähnliches. Nutze ich doch mal das Bistro im Bürogebäude, lasse ich mir die Brötchen oder Teilchen ohne Verpackung geben. Auch für meine Frau und für die Kinder in Schule und Kindergarten nutzen wir Brotdosen und Getränkeflaschen.

WE: Wie reagieren Familie, Freunde und Bekannte darauf?

Interesse besteht bei vielen Freunden und Bekannten und uns werden oft viele Fragen gestellt. Auch wenn uns manche ein bisschen belächelt haben, haben wir eigentlich nie Ablehnung oder Unverständnis erfahren. Allerdings „missionieren“ wir auch niemanden – uns ist es wichtig zu zeigen, dass man sehr gut ohne Verpackungsmüll leben kann. Aber entscheiden kann das jeder für sich. Wir haben daher hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht. Unsere besten Freunde und Nachbarn haben inzwischen auch angefangen, auf Plastik zu verzichten.

WE: Bei welchen Produkten ist es Ihnen noch unmöglich, Plastik zu vermeiden?

Unmöglich ist es dann, wenn es entweder keine Alternative zum Kauf gibt oder wir es nicht selbst herstellen können. Medikamente zum Beispiel sind immer mehrfach verpackt. Wenn diese notwendig sind, kaufen wir diese natürlich auch mit Verpackung. Auch Zahncreme für Kinder ist aktuell alternativlos. Meine Frau und ich nutzen Zahntabletten, die sind aber sehr scharf und etwas schwierig in der Anwendung. Daher nutzen unsere Kinder nach wie vor normale Zahnpasta.

Unverpacktläden in Würzburg

WE: Wie und wo kann man in Würzburg am besten auf Plastik verzichten?

In Würzburg haben wir eigentlich alles zur Verfügung stehen, um auf Plastik zu verzichten. Auf dem Marktplatz kann man Obst und Gemüse komplett offen kaufen (auch in Coronazeiten). Zudem haben wir in der Sanderau und in der Zellerau jeweils einen Unverpackt Laden, der eigentlich alle Grundnahrungsmittel bietet.

Preisvergleich: Unverpackt vs. Supermarkt vs. Discounter

Auch Gewürze, Backwaren und verarbeitete Lebensmittel gibt es dort. Wir gehen vor allem zu Susanne Waldmann in den Unverpackt Würzburg. Dort gibt es inzwischen auch Reinigungs-, Hygiene- und Waschmittel. Auch die „normalen“ Supermärkte ziehen langsam nach und bieten mehr und mehr offene Produkte oder zumindest in Pappe verpackte Dinge an. Käse und Wurst kaufen wir direkt an der Theke mit unseren mitgebrachten Boxen – auch das geht inzwischen fast überall.

WE: Haben Sie noch einen Tipp für unsere Leser?

Wir würden uns freuen, wenn wir dem einen oder anderen einen Einblick in unseren Alltag und dadurch einen Denkanstoß geben konnten. Wir haben es inzwischen geschafft, auf sehr viel Müll zu verzichten. Aber auch wir haben mal ganz klein angefangen. Man muss ja nicht von heute auf morgen auf alles verzichten, aber es ist relativ leicht, es einfach mal auszuprobieren. Jeder Supermarkt bietet inzwischen wiederverwendbare Einkaufsnetze an, damit man diese kleinen Plastiktüten für Obst und Gemüse weglassen kann. Oder man lässt seine Wurst direkt in eine Tupperdose packen. Wenn jeder nur ein kleines bisschen einspart, würde sich sehr viel ändern.

Unsere Rubrik „Wir fragen…“

In unserer Rubrik „Wir fragen…“ stellen wir Würzburger Persönlichkeiten aus den verschiedensten Lebensbereichen vor und fragen sie nach ihren Erfahrungen. Wen wolltet ihr schon immer mal etwas Bestimmtes fragen? Schreibt uns per Mail an redaktion@wuerzburgerleben.de oder kommentiert unter unserem Facebook-Posting!

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