Der Würzburger Autor Benedikt als Gestrandeter in Bolivien. Foto: Benedikt Roth
Der Würzburger Autor Benedikt als Gestrandeter in Bolivien. Foto: Benedikt Roth

Gastbeitrag: Über das Tagesfüllen eines Gestrandeten

Ein Gastbeitrag von Benedikt Roth, ein Würzburger Autor, der sich derzeit in Bolivien befindet. 

Ich fühle mich wie ein Exilierender hier in den Anden Boliviens. Wenn ich könnte, würde ich natürlich heimfliegen, aber das geht nicht. Ausgangssperre. Der öffentliche und private Verkehr ist eingestellt. Totale Quarantäne von 12 Uhr mittags bis 5 Uhr am Morgen. Das Auswärtige Amt sagt, es bemühe sich die deutschen Touristen heimzuholen. Das finde ich gut und löblich. Natürlich erst die dicken Rentner aus den Krisenherden wie Ägypten, Marokko usw. Dann, so nehme ich an, nach absteigender Zahl dir restlichen deutschen Bürger pro Ausland.

Auffallen wie ein bunter Hund

Das ist okay, ich finde es hier in Tupiza ganz nett. Als einzige Guerros (so werden wir blonden Touristen genannt), fällt man auf wie ein bunter Hund. Gut ist, dass die Leute dies Exotische mögen und einen fröhlich und äußerst höflich begegnen. Auf Reise befindend, ist diese Situation gar nicht so übel. Doch, die medizinische Versorgung könnte auf Dauer ein Problem werden. Sollte ein Krankheitsfall eintreten, dann könnte man sich vorstellen, von einem schlecht ausgestatteten Tierarzt behandelt zu werden. Keineswegs möchte ich die Kompetenzen der bolivianischen Ärzte diskreditieren, ich stelle nur fest, was ich sehe – und auch von den Einheimischen höre.

Langeweile ein Problem

Von vielen habe ich bereits gehört – oder besser gesagt der Topos schwebt allgegenwärtig in der Luft – dass Langeweile ein existenzielles Problem vieler in dieser Krise darstellt, die nun zu Hause bleiben müssen. Wohl wissen sie nichts Rechtes mit sich anzufangen! So könnte ein standardisierter Ausspruch heißen. Mich überkommt Neid, denn manchmal bräuchte ich 48 Stunden für einen Tag, um all das zu tun, was ich tun möchte.

Facetimen, Kuchen backen, Spanisch lernen…

So könnte ich meinen Roman innerhalb kürzester Zeit fertig schreiben, zwei Stunden Gitarre üben, um endlich diesen Blues richtig hinzukriegen, ich könnte mindestens zweimal ausgiebig kochen, noch mehr Sport treiben, Gedichte schreiben – wenn ich auf dem Klo säße, den vielseitigen Grünen Heinrich von Gottfried Keller fertig lesen, ich könnte mal wieder eine Kurvendiskussion machen und mit drei Freunden facetimen, ich würde Oma ANRUFEN, ich würde womöglich ein bisschen mehr netflixen, youtuben, 9gagen und Rezensionen und Kommentare schreiben, dann hätte ich genügend Zeit für meine Freundin, für Körperpflege und ein Sonnenbad, ich könnte endlich alle Tweets von Frau @SibylleBerg (vllt. würde ich dann ihre Peniswitze verstehen) und dem alten, schwadronierenden @realDonaldTrump lesen, Spanisch lernen, sofort den Abwasch machen, neue, coole Wörter im Duden nachschlagen, meine liebsten Podcasts hören, ach, gute Musik könnte man auch hören, das Zimmer aufräumen, die Pflanzen gießen, verdammt nochmal, ich könnte einen Kuchen backen und den mit anderen teilen (natürlich mit Mindestabstand) und ich könnte nur dasitzen, auf dem Balkon, sonnenbebrillt, oberkörperfrei, womöglich biertrinkend und hätte noch immer keine verschissene Langeweile, weil das Leben an sich doch recht nett sein kann!

Genügend Material für eine Woche

Ich glaube, die oben stehenden, holzigen würde-Konjunktivphrasen böten genügend Material, um eine Woche (vielleicht sogar zwei Wochen) social-distancing recht kreativ, etwas lernend und sich bereichernd sinnvoll zu füllen. Bei jenen, denen noch immer nach dem Lesen dieses Kommentars (Hut ab, dass Sie bisher so weit gekommen sind), noch immer gähnende Leere im Kreativraum des Hirnes herrscht, dem rate ich vom Letzten ab, was man in solchen Zeiten tun könnte: RTL und den restlichen Scheiß im TV schauen!

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de

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