Das Team vom Kontaktcafé von links: Katharina Kolanie, Claudia Nembach und Stella Meckelein. Foto: Condrobs e.V.
Das Team vom Kontaktcafé von links: Katharina Kolani, Claudia Nembach und Stella Meckelein. Foto: Condrobs e.V.

Kontaktcafé für Suchtkranke in Würzburg eröffnet

Anonyme und kostenlose Hilfe für Drogenabhängige: Das ist das Ziel des Kontaktcafés in Würzburg. Schon vor einem Jahr wurde die dringende Notwendigkeit solch einer Einrichtung deutlich gemacht, nun eröffnete die Anlaufstelle für Suchtkranke Ende letzten Jahres in der Rüdigerstraße. Die Trägerschaft übernimmt „Condrobs e.V.“ – Sozialpädagogin Stella Meckelein über die Ziele und Herausforderungen des ersten Kontaktcafés in der Stadt Würzburg.

Anonyme und kostenlose Hilfe

Würzburg erleben (WE): Was ist der Verein Condrobs e.V. ?

Stella Meckelein: Condrobs hilft benachteiligten Menschen und ihren Angehörigen. Wir sind ein überkonfessioneller Träger mit vielfältigen sozialen Hilfsangeboten in ganz Bayern. Seit fast 50 Jahren verfolgt Condrobs ein Ziel: mit individuellen Angeboten Menschen eine Brücke in ein selbstbestimmtes, gesundes Leben zu bauen. Ob Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, minderjährige und erwachsene Flüchtlinge, süchtige Frauen und Männer, Angehörige oder ältere Menschen – die Hilfen von Condrobs sind im Lauf der Jahrzehnte über die reine Prävention und Hilfen für Suchtgefährdete und -kranke hinaus stetig gewachsen.

Mit individuell auf die Bedürfnisse der Einzelnen abgestimmten Angeboten hilft Condrobs Suchtgefährdeten und -kranken, aus ihrer Sucht auszusteigen und in ein selbstbestimmtes, gesundes Leben sowie in Arbeit zurückzukehren. Parallel dazu berät und unterstützt Condrobs auch die Angehörigen.

WE: Was ist das Kontaktcafé für Suchtkranke und was ist das Ziel der Aktion?

Stella Meckelein: Das Kontaktcafe Flow ist ein Ort für Gebraucher illegalisierter Drogen und Substituierte. Ziel ist es, den Besuchern und Besucherinnen eine niedrigschwellige, individuelle Unterstützung durch persönliche Gespräche mit qualifizierten Mitarbeiter oder einfach eine warme Mahlzeit und einen heißen Kaffee zu bieten: Die Hilfe wird dabei anonym und kostenlos angeboten. Ziel des Angebots ist die Überlebenssicherung sowie die Stabilisierung und Verbesserung der gesundheitlichen und psychosozialen Situation der Betroffenen.

Im Angebot gibt es hierfür ein warmes Mittagessen für 1 €, heiße und kalte Getränke, Aufenthaltsmöglichkeit, PC mit Internetzugang, kostenfreie Spritzen und Kondome, Waschmaschine und Trockner, sozialpädagogische Beratung in allen Lebensbereichen (rechtliche und finanzielle Angelegenheiten, Wohnsituation, Gesundheit usw.), Beschäftigungsmöglichkeit (Zuverdienst, Arbeitsgelegenheit) sowie Tipps und Infos zu HIV und Hepatitis und Safer Use von Drogen.

Das Kontaktcafé von innen. Foto: Condrobs e.V.

Das Kontaktcafé von innen. Foto: Condrobs e.V.

WE: Wie ist das Bild von Außenstehenden auf Suchtkranke und welche Probleme treten damit auf?

Stella Meckelein: Unsere Wahrnehmung ist, dass Außenstehende oftmals eine Sucht und deren Verlauf nicht nachvollziehen können. Die Ansicht ist oft, dass Drogengebraucher einfach aufhören könnten, wenn sie es wollten. Das Verständnis dafür, dass der Weg aus der Sucht ein sehr schwerer und langer sein kann, ist oft nicht vorhanden. Viele fragen uns auch, ob die kostenfreie Ausgabe von Spritzen den Konsum nicht steigert. Wir haben dazu eine andere Haltung. Unseres Erachtens konsumieren die Menschen, die zu uns kommen so oder so. Es ist uns wichtig, dass sie sicher konsumieren und ihre Utensilien wie Spritzen, Nadeln oder Wasser nicht mit anderen teilen und somit die Gefahr der Ansteckung von Krankheiten wie Hepatitis oder HIV deutlich verringert wird.

Im Kontaktcafé gibt es auch kostenfreie Spritzen – zur Prävention vor Krankheiten. Foto: Condrobs e.V.

Unsere Besucher haben außerdem oft das Problem abgelehnt zu werden. Dies erfahren sie beispielsweise bei der Wohnungs- oder Jobsuche. Zurückzuführen ist dies meiner Meinung nach darauf, dass für viele Menschen in unserer Gesellschaft der Konsum von Drogen etwas Fremdes und somit etwas ist, was einen beunruhigt und Angst macht. Wir laden alle Interessierten ein, uns im Kontaktcafe zu besuchen und mit den Menschen in Kontakt zu treten und sie kennenzulernen. Sie werden überrascht sein, welch interessante Gespräche sie führen und liebevolle Menschen sie kennenlernen werden.

Verschiedene Problemlagen

WE: Wie kam es zur Idee eines Cafés in Würzburg?

Stella Meckelein: Mittlerweile sind niedrigschwellige Hilfsangebote mit einem akzeptanzorientierten Ansatz wie unser Kontaktcafe fester Bestandteil des Gesundheitssystems in Städten der Größenordnung wie Würzburg. Wir sind der Meinung, dass Menschen, die Drogen konsumieren oder substituiert werden, wie alle anderen einen Raum verdienen, in dem sie sich wohl und sicher fühlen und akzeptiert werden, ohne Verfolgungsdruck oder Ablehnungen ausgesetzt zu sein.

Condrobs e.V. betreibt bereits seit Jahren erfolgreich Kontaktläden in München und Ingolstadt. Frau Nembach, die Einrichtungsleitung von Condrobs in Würzburg, hatte seit langem den Wunsch gehabt, ein Kontaktcafe in Würzburg zu eröffnen. Gemeinsam mit der Jugend- und Drogenberatung hat sie die Idee an die Stadt herangetragen und die Verwirklichung ermöglicht.

WE: Wer sind die Mitarbeiter im Café?

Stella Meckelein: Das Team besteht aus der Einrichtungsleitung Claudia Nembach, den Arbeitsanleitern Jan Tralau und Katharina Kolani, sowie mir – Sozialpädagogin und Projektleitung.

WE: Welche Herausforderungen gibt es hier zu bewältigen?

Stella Meckelein: Natürlich werden die Mitarbeiter im Cafe vor viele Herausforderungen gestellt. Die Besucher kommen mit ganz unterschiedlichen Problemlagen und Anliegen zu uns. Wir versuchen jedem so viel Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, wie er/sie benötigt und unterstützen sie bei der Problembewältigung. Die größte Herausforderung bei der Sozialberatung ist die Frage nach Wohnraum. Oft sind auch wir rat- und hilflos und wissen nicht, wie wir den Betroffenen am besten helfen können – Erst gestern kam ein Besucher zu uns, der aufgrund einer Räumungsklage aus seiner Wohnung ausziehen muss. Eine neue Wohnung in Würzburg ohne Arbeit zu finden, scheint unmöglich zu sein. Die Alternative ist die Notunterkunft in der Sedanstraße. Er hat Angst davor, dass er dort wieder beginnt Drogen und Alkohol zu konsumieren. Dies stellt leider keinen Einzelfall dar und wir wissen oft nicht, wie wir den Menschen helfen sollen.

Da das Areal rund um das Theater abgerissen werden soll, steht auch das Kontaktcafe vor der Herausforderung neue Räumlichkeiten zu finden. Es ist unklar, wie lange wir noch in den Räumen in der Rüdigerstraße bleiben können.

Viel positives Feedback

WE: Wie wird das Angebot angenommen?

Stella Meckelein: Das Angebot wird von den Betroffenen sehr gut angenommen. Täglich kommen zwischen 30 und 40 Menschen zu uns. Auch das tägliche Mittagessen wird im Schnitt von 20 Leuten in Anspruch genommen. Wir haben bereits viel positives Feedback von interessierten Nachbarn aus der Umgebung, aber auch von anderen sozialen Einrichtungen und Behörden wie dem Jobcenter oder Sozialamt erhalten. Negative Reaktionen gab es bisher keine. Wir sind in den offenen Austausch getreten und freuen uns, wenn sich Interessierte das Cafe anschauen kommen und uns ihre Fragen stellen.

WE: Sind weitere „Cafés“ in Würzburg geplant?

Stella Meckelein: Bislang sind keine weiteren Cafes in Würzburg geplant.

WE: Kann man sich hier selbst engagieren und helfen?

Stella Meckelein: Wir sind eine soziale Einrichtung und somit immer dankbar für finanzielle und materielle Unterstützung. Weiterhin freuen wir uns darüber, wenn sich Leute bei uns ehrenamtlich engagieren und den laufenden Cafebetrieb unterstützen möchten. Hierzu können Sie sich gerne an uns wenden.

WE: Welche Zukunftsaussichten hat das Café?

Stella Meckelein: In Zukunft möchten wir unser Angebot weiter ausbauen und beispielweise Naloxon- Schulungen mit Drogennotfalltrainings oder die Möglichkeit eines kostenfreien Hepatitis C Schnelltests anbieten. Weiterhin möchten wir unser Freizeitangebot weiter ausbauen und die Möglichkeit des kreativen Miteinanders und der Herstellung von Kunstgegenständen ermöglichen.

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