Die Gemeinschaft Sant'Egidio engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner
Die Gemeinschaft Sant'Egidio engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

Angelika über ihren Flüchtlingseinsatz auf Lesbos

Gerne vergessen wir, wie gut es uns eigentlich geht: ein Dach über dem Kopf, Essen und Kleidung sind für uns zu selbstverständlichen Bedürfnissen geworden – das gilt allerdings nicht für jeden. Die Gemeinschaft Sant’Egidio setzt sich für Schwächere ein und unterstützt unter anderem Obdachlose und Menschen mit Behinderung, aber auch in der Flüchtlingshilfe ist die Gemeinschaft tätig. Auch Angelika Wagner aus Würzburg engagiert sich ehrenamtlich und war zuletzt in einem Flüchtlingslager auf Lesbos tätig – uns berichtet sie, was sie dort erlebt hat.

Würzburg erleben (WE): Hallo Frau Wagner, erzählen Sie doch erst einmal ein wenig über sich. 

Angelika Wagner: Ich bin evangelische Pfarrerin im Schuldienst. Ehrenamtlich engagiere ich mich bei der Gemeinschaft Sant’Egidio mit Sprachkursen für Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, und mit der Begleitung von Kindern und Familien mit besonderen Schwierigkeiten. Sant’Egidio führt auf internationaler Ebene Friedensinitiativen durch und setzt sich für Geflüchtete ein.

WE: Frau Wagner, Sie waren im Sommer auf einem Flüchtlingseinsatz auf der griechischen Insel Lesbos. Was ging da vor sich?

Angelika Wagner: Wir waren mit einer internationalen Gruppe von Personen dort, die Sant’Egidio angehören. Aus Würzburg waren wir zu zweit, Mohamad Albdewi, der 2015 aus Syrien nach Würzburg kam, und ich. Nach mehreren Besuchen im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos hatte Sant’Egidio entschieden, im Sommer einen sechswöchigen Einsatz durchzuführen. Es ging darum, die Situation vor Ort besser zu verstehen, Menschen im Camp sowie dort engagierte NGOs kennen zu lernen und Hilfsprojekte durchzuführen.

WE: Was stand alles an Aufgaben an in Lesbos?

Angelika Wagner: Zunächst ging es darum, die Menschen im Camp zu treffen, sich ein Bild von ihrer Situation zu verschaffen und ihnen zuzuhören. Da allein die Versorgung mit Essen und Trinken sehr schwierig ist, luden wir dann täglich zu einem proteinhaltigen warmen Essen ein, bei dem am letzten Abend 1.100 Gäste teilnahmen.

Täglich wurde zum Essen eingeladen. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

Täglich wurde zum Essen eingeladen. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

Außerdem organisierten wir einen Englisch-Sprachkurs, Spiel-Angebote für Kinder und Ausflüge mit unbegleiteten Minderjährigen. Angesichts der katastrophalen medizinischen Versorgung im Lager brachten wir auch Personen ins Krankenhaus und zu Ärzten. Es war uns wichtig, die Namen der Einzelnen kennen zu lernen, und am Ende des Einsatzes kannten wir so viele der Bewohner.

WE: Wie waren Ihre Erfahrungen bei dem Einsatz?

Angelika Wagner: Wir haben im völlig überfüllten Flüchtlingslager eine große Not kennen gelernt. Vor allem die hygienischen Verhältnisse sind schlimm, außerdem müssen die Menschen zwei bis drei Stunden für ein Essen anstehen und es fehlt an Toiletten und Duschen. Wir sahen Kinder und Menschen mit Behinderung, die in Zelten auf Pappkartons oder draußen auf der Straße schliefen. Viele leben seit Monaten dort und müssen bis 2021 auf ihr Asylverfahren warten.

In den Lagern gelten katastrophale Bedingungen. Foto: Täglich wurde zum Essen eingeladen. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

In den Lagern gelten katastrophale Bedingungen. Foto: Täglich wurde zum Essen eingeladen. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

Manche der Bewohner des Camps drückten ihre Enttäuschung direkt aus, manche haben sich still und traurig in ihr Schicksal ergeben, und gerade bei jüngeren Flüchtlingen drückt sich die Resignation in Wut und Gewalt aus. Die Jugendlichen sind vielen Gefährdungen ausgesetzt – hierbei sind Prostitution und Drogen keine Ausnahme. Uns hat beeindruckt, dass sich die Gäste am letzten Abend des Essens alle bei uns bedankten – vor allem, wie sie sagten, „für die Menschlichkeit“.

WE: Was waren wohl die größten Herausforderungen?

Angelika Wagner: Es ist eine Herausforderung, dieses Elend zu sehen und dabei zu wissen, dass die Situation politischer Wille ist und sich deshalb kurzfristig nicht ändern wird. Die politischen Entwicklungen in Griechenland lassen eher eine Verschlechterung erwarten.

Die meisten der Geflüchteten kommen aus Afghanistan oder aus afrikanischen Ländern und haben geringe Chancen, anerkannt zu werden. Dies den jugendlichen Afghanen zu sagen, brachten wir nicht fertig. Allein unsere Anwesenheit hat ihnen Hoffnung gegeben. Was sie in ihren Herkunftsländern erlebt haben, ist so dramatisch, dass sie alles auf sich nehmen in der Hoffnung auf ein Leben in Frieden.

WE: Haben Sie, zurück in Deutschland, viel Kritik oder sogar Hass erfahren? Oder auch viel Positives und Lob?

Angelika Wagner: Ich habe nur positive Rückmeldungen erfahren und immer wieder den Wunsch, etwas zur Verbesserung der Situation beizutragen, sei es auch einfach durch Spenden.

1.100 Gäste beim Essen auf Lesbos. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

1.100 Gäste beim Essen auf Lesbos. Foto: Massimo Moretti/ Angelika Wagner

WE: Was motiviert Sie, sich so sehr ehrenamtlich zu engagieren?

Angelika Wagner: Wichtig ist mir, dass ich mich nicht allein engagiere, denn dann kann einem schnell die Luft und Lust ausgehen und es ist viel schwieriger, lösungsorientiert zu wirken. Das Engagement ist außerdem eine Bereicherung für mich: Auf Lesbos – aber auch an allen anderen Orten, an denen ich mich ehrenamtlich mit Menschen in besonderen Bedürfnissen engagiere – wurden wir immer wieder sehr großzügig beschenkt an Herzlichkeit, Dankbarkeit und Menschlichkeit. Außerdem erweitert sich der Horizont und wir werden davon befreit, uns selbst als Opfer zu fühlen. Natürlich ist es auch eine Verantwortung, sich nicht mit den Gegebenheiten zufrieden zu geben, sondern Perspektiven zur Verbesserung der Situationen zu entwickeln.

WE: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Angelika Wagner: Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, in Europa und besonders in Deutschland ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es unsere Verantwortung und zudem ein riesiger Gewinn in menschlicher und wirtschaftlicher Hinsicht ist, Geflüchtete bei uns aufzunehmen. Dass dies möglich ist, beweisen die „Humanitären Korridore“ von Sant’Egidio in Italien, bei denen Flüchtlinge auf sicheren Wegen nach Europa gebracht und direkt in die Gesellschaft aufgenommen werden.

Am 4. Dezember kam zum ersten Mal eine Gruppe aus Lesbos nach Italien –  dies ist ein Zeichen. Mein Wunsch ist es, dass wir einen solchen Humanitären Korridor auch für Würzburg und ganz Deutschland schaffen.

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