Skip to content
Würzburg im Herbst. Foto: Pascal Höfig
Würzburg im Herbst. Foto: Pascal Höfig

Gastbeitrag: Weg vom Mainstream hin zum „Würzburg-Baustil“

Ein Gastbeitrag von Stadtrat Heinz Braun, ÖDP.

Wir müssen wieder zur Unverwechselbarkeit Würzburgs beitragen! Nun könnte man sagen, Würzburg ist doch unverwechselbar! Ja, stimmt auch. Aber warum? Natürlich wegen seiner, von Weinbergen umgebenen, Lage am Main.
 Aber das würde noch nicht ausreichen um Würzburg als unverwechselbar und vor allem als schön zu bezeichnen. Nein, es sind vor allem Bauwerke, die unserer Stadt ihre Schönheit und Unverwechselbarkeit geben.

Altstädte haben besondere Anziehungskraft

Allerdings ist das im Wesentlichen der Verdienst vieler Generationen vor uns. Und da sind es nicht nur die bekanntesten Gebäude, wie Residenz, Rathaus usw., sondern auch viele Häuser aus der Gründerzeit. Auch in den darauf folgenden Jahren legte man großen Wert auf schöne, repräsentative Fassaden. Das Haus hatte seine Schauseite zur Straße.

Eine Qualität von der wir heute noch profitieren, weil wir uns gerne in schönen Straßen aufhalten, weil es angenehm und inspirierend ist dort zu sitzen oder zu flanieren.
 Gerade die Altstädte üben doch eine besondere Anziehungskraft auf Touristen und die Stadtbevölkerung aus. 
Nicht von ungefähr werden für sanierte Altbauwohnungen in gewachsenen Quartieren mit die höchsten Mieten gezahlt.

Auto veränderte Baustil

Leider hat das massenhaft verbreitete Auto auch den Baustil verändert, so wie wir es überall, auch in Würzburg, sehen können. Die Straßen brauchte man nur noch zum Parken oder um möglichst schnell an sein Ziel zu kommen. Aufenthaltsqualität war nun nicht mehr wichtig. 
Man konnte ja jederzeit dahin fahren, wo es noch schön ist. Das hat oft dazu geführt, dass sich viele neuere Gebäude nicht mehr zur Straße ausrichten.
 Schlichte, pflegeleichte Zweckfassaden beherrschen meist das Straßenbild. Gewerbebauten mit Beton oder Metallfassade und mit oft schreienden Farben prägen die Vorstadt. Bei Wohn- und Bürogebäuden ist es die bekannte Rasterarchitektur, die hauptsächlich dem Wunsch nach großen Fensterflächen Rechnung trägt.

Und so wird man auch in Würzburg nicht müde, immer die gleichen Argumente anzuführen um beliebig austauschbare Fassaden an fast jeder Stelle in der Stadt für modern zu halten.
 Das s.Oliver Gebäude am Oberen Markt und das Forum am Unteren Markt sind hier nur die prominentesten Beispiele. Hier wäre Besseres möglich gewesen.

Nun also der Aufruf an alle, die in Würzburg bauen: kreativ zu sein, Fantasie zu entwickeln und diese an den Fassaden sichtbar werden zu lassen.

Unterer Marktplatz mit Blick auf das Petrini-Haus und der Festung Marienberg. Foto: Pascal Höfig

Unterer Marktplatz mit Blick auf das Petrini-Haus und der Festung Marienberg. Foto: Pascal Höfig

Der Würzburgstil

Warum also nicht mal wieder interessante, repräsentative Hausfassaden zur Straße hin, an denen man sich nicht nach einem Blick schon satt gesehen hat? Warum nicht wieder großzügige, einladende Hauseingänge, statt Garagentore und kleine unscheinbare Zugänge vom Parkplatz ins Haus? Was spricht dagegen auch mal große Fensterflächen zu gliedern? Müssen es immer pflegeleichte Aluminium Fensterbänke sein? Naturstein als moderne Fenstereifassung, warum nicht? Es sind oft die Details, die ein Haus interessant oder langweilig machen. Warum also nicht eine reichere Formensprache, vielleicht einen „Würzburgstil“?

Das kann man nicht nur bei öffentlichen, sondern natürlich auch bei privaten und gewerblichen Gebäuden berücksichtigen. Dabei geht es nicht darum, Baustile zu kopieren; es geht darum, die Stadt unverwechselbar und stimmig weiterzuentwickeln. Mit Bauwerken, Straßenräumen, die auch spätere Generationen unter Denkmalschutz stellen würden, weil sie außergewöhnlich und schön sind und Würzburg zu etwas besonderem machen. Das kann durchaus auch ein Fraunhofer-Institut an der Talavera sein, wenn es, wie dieses, an der richtigen Stelle steht.

Weg vom Mainstream

In einem renommierten Deutschen Architektenblatt vom 30.11.2017 waren nachfolgende bedenkenswerte Sätze von Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner aus Frankfurt am Main, zu lesen:

Es hat aber sicher nichts mit „ewiggestrig“ zu tun, wenn man versucht, ein lebenswertes, schönes Quartier zu entwerfen! Der überall zu beobachtende Wiederaufbau alter Häuser und Quartiere jedenfalls scheint eigentlich nur der Hilfeschrei einer Gesellschaft zu sein, die von Planern und Architekten andere Qualitäten erwartet, als wir anbieten.

Und weiter!

Der heutige Bebauungsplan ist kein Instrument zur Planung des öffentlichen Raums. Er hat die Qualität des Rezepts einer köstlichen Speise, in dem zwar alle Zutaten aufgezählt werden, das Kochen aber nicht erklärt wird.

Bei Stadtplanung Schönheit und Lebensqualität berücksichtigen

Ist man also wirklich unmodern, wenn man von einer Stadtplanung mehr erwartet als der Mainstream vorgibt?
 Können wir damit nicht auch eine Verkehrswende, eine Klimaanpassung unterstützen? Wirkt sich empfundene Schönheit nicht vielleicht positiv auf unser Lebensgefühl, unsere Lebenskultur aus? Das Bismarckquartier wäre ideal dafür, ein Zeichen in diese Richtung zu setzen. Aber nur wenn sich die Baumassen mit abwechslungsreichen Fassaden in das Quartier einfügen.

Es muss Aufgabe der Stadt sein, die Rahmenbedingungen für eine sich weiter verschönernde Stadt zu schaffen sowie Anreize und Unterstützung dafür anzubieten. Wenn man bei der Stadtplanung Schönheit, und die damit verbundene Lebensqualität, berücksichtigt kann auch ein wachsendes Würzburg an Qualität dazu gewinnen.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de

- ANZEIGE -

AUCH INTERESSANT