Die Charlott-Terrassen waren ein edles Tanzlokal aus den 20er Jahren. Archiv: Willi Dürrnagel
Die Charlott-Terrassen waren ein edles Tanzlokal aus den 20er Jahren. Archiv: Willi Dürrnagel

Lost Places in Würzburg und Umgebung

Jetzt wird’s gruselig. Der Ausdruck „Lost Place“ bedeutet sinngemäß „vergessener Ort“. Es handelt sich um aufgegebene und verlassenen Orte oder Ruinen, die Fans der Fotografie und Geschichte faszinieren. Meistens handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die nicht zu den typischen Touri-Sehenswürdigkeiten der Stadt gehören.

Auf Entdeckungsreise kann man in Würzburg und Bad Kissingen gehen. Dort finden sich Gebäude oder zumindest Gebäudereste, die authentisch von den Lebens- und Arbeitsumständen ihrer Bewohner und Besucher erzählen. Aber Achtung: Da diese Orte schon teilweise von der Natur zurückerobert wurden und baufällig oder in Privatbesitz sind, kann es sein, dass sie nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Geschichten dahinter sollte man trotzdem kennen.

 

Die Charlott-Terrassen

Die Charlott-Terrassen waren ein nobles Tanzlokal am Nikolausberg in Würzburg. Früher bot das Lokal einen besonders schönen Ausblick auf die Stadt, die Festung und das Maintal. Die Geschichte dahinter: 1922 erwarb der Konditormeister Georg Kunkel das Grundstück und eröffnete die Ludwigsterrassen. Der Name kommt von der unmittelbaren Nähe zur Ludwigs- beziehungsweise Löwenbrücke. 15 Jahre später übernahm ein anderer Konditormeister das Lokal und gab ihm den Namen, aus dem sich die heutige Bezeichnung ableitet, „Konditorei-Konzert-Tanzcafé Charlott-Terrassen“. Schon wenig später, im Zweiten Weltkrieg, wurde es zerstört. In der Nachkriegszeit fehlte es zwar an Baumaterial, aber das Restaurant wurde bis 1961 weiter betrieben.

Danach hat es die Stadt Würzburg gekauft und was nun damit passieren soll, ist unklar. Es ist heute nur noch ein Ruinengrundstück mit morbidem Charme. Das Grundstück ist sehr wertvoll und hat eine ausgezeichnete Lage mit atemberaubendem Ausblick über die Stadt, aber ist total überwuchert und nicht öffentlich zugänglich. Mit viel Fantasie kann man sich jedoch ausmalen, wie Würzburgs einstige Kulturszene in dem edlen Tanzlokal die Nächte verbrachte und in den goldenen 20ern gefeiert hat.

In direkter Sichtachse zur Löwenbrücken befanden sich die Charlott- beziehungsweise Ludwigsterrassen. Archiv: Willi Dürrnagel

In direkter Sichtachse zur Löwenbrücken befanden sich die Charlott- beziehungsweise Ludwigsterrassen. Archiv: Willi Dürrnagel

Beer’scher Felsenkeller

Auch auf dem Nikolausberg beheimatet war früher der Beer’sche Felsenkeller. Es handelte sich um einen großen Gastronomiebetrieb mit Biergarten an der Gabelung Leistenstraße und Weg zur Neuen Welt. Der Ausschank der Sanderbräu Georg Beer & Söhne wurde Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet und nutzte den Felsenkeller zur Lagerung von Eis. Das Eis wurde dazu im Winter aus dem gefrorenen Main in Stangenform gesägt und mit Pferdekutschen in die Keller gebracht. Über den Kellern wurde bis zum Zweiten Weltkrieg eine Außengastronomie betrieben und der Keller als Luftschutzraum genutzt. Vielen Würzburgern diente das große Grundstück in ihrer Kindheit als Spielplatz, aber heute ist das Gelände verwildert. Bekannterweise hausen ab und zu Obdachlose in den Ruinen. Das Grundstück, auf dem die Ruine steht, befindet sich in Privatbesitz. Daher ist nichts über mögliche Planungen bekannt und die Ruine auch nicht öffentlich zugänglich.

Der Beer'sche Felskenkeller war ebenfalls eine gut besuchte Gastronomie am Nikolausberg. Archiv: Willi Dürrnagel

Der Beer’sche Felskenkeller war ebenfalls eine gut besuchte Gastronomie am Nikolausberg. Archiv: Willi Dürrnagel

Sanatorium Apolant (Bad Kissingen)

Der morbide Reiz eines verlassenen Krankenhauses zieht viele Urban Explorer nach Bad Kissingen. Das ehemalige Kurhaus oder auch Sanatorium Apolant wurde im beginnenden 20. Jahrhundert im barockisierenden Jugendstil erbaut und eröffnet. Der Gründer, Dr. med. Edgar Apolant, verstarb 1929 und seine Kinder hatten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit der Machtergreifung der Nazis zu kämpfen. Während sich Apolant jun. ins Ausland retten konnte, sorgte seine Schwester Ella für den Weiterbetrieb bis 1939 und wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Seit 1978 steht der Gebäudekomplex leer. Wechselnde Eigentümer versuchten im Laufe der Jahre mehrfach, das Anwesen wieder neu zu beleben. Doch wurden alle Ideen schon in der Planungsphase aufgegeben, da sie sich ohne Ausnahme wirtschaftlich nicht rechneten. Zudem schreibt die 1977 in Bad Kissingen eingeführte und bis heute auch für dieses Grundstück gültige Kurzonensatzung ausschließlich kurmäßige Nutzung vor: also als Sanatorium, Hotel, Ferienwohnung oder Ähnliches. Dauerwohnen wie Seniorenheim oder Eigentumswohnungen ist verboten.

Schlachthof (Bad Kissingen)

Etwas weiter südlich steht der ehemalige Schlachthof in Bad Kissingen, auch „Ochsenkathedrale“ genannt. Man mag sich kaum vorstellen, dass in diesem Jugendstilbau, der zwischen 1923 und 1925 errichtet worden ist, einst Tiere geschlachtet worden sind. Heute stellt hier die Stadtreinigung zwischenzeitlich ihre Fahrzeuge ab. Mit dem bunt bemalten Tor, der 17 m hohen Haupthalle und den zwei Seitenflügeln erinnert der Schlachthof tatsächlich an eine Kathedrale. Die eigenwillige Architektur soll ihren ganz pragmatischen Nutzen gehabt haben: in den beiden Seitenflügeln befanden sich jeweils die Schlacht- und separierte Kühlzone, die durch die Haupthalle voneinander getrennt wurden. Das Schlachthaus, das inzwischen unter Denkmalschutz steht, kombiniert sowohl morbiden Charakter als auch kunstvolle Architektur und gilt als einmalig in Europa.

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