Justizia. Symbolfoto: Pascal Höfig
Justizia. Symbolfoto: Pascal Höfig

Kind bei Hitze im Auto: Scheibe einschlagen?

Mal kurz im Supermarkt was holen, das Kind darf in der Zeit im Auto weiterschlafen. Was ziemlich häufig vorkommt, kann bei Hitze lebensbedrohlich werden. Doch wie verhält man sich als Passant, wenn man bemerkt, dass ein Kind bereits seit Längerem bei hohen Temperaturen im Auto eingesperrt ist? Kann man ohne Weiteres die Scheibe einschlagen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen? Wir haben die Anwältin Lisa Deppisch von der Kanzlei REITMAIER Rechtsanwälte nach der rechtlichen Lage befragt und auch Empfehlungen bekommen, wie man sich in solch einer Situation richtig verhält.

Schnelle Hitzeentwicklung

Bei hohen Temperaturen sollten Kinder und auch Tiere nicht im Auto gelassen werden. Bei geschlossenem Zustand gibt es eine rasche Hitzeentwicklung: bereits nach zehn Minuten erhitzt sich das Fahrzeuginnere bei 30°C Außentemperatur auf 37 °C. Erst im Juni gab es in Würzburg einen Vorfall, bei dem eine Mutter ihren Säugling bei Hitze im Auto zurückgelassen hatte. Ein Passant konnte die Mutter dann im Supermarkt ausfindig machen und das Kind befreien. Die Mutter muss nun mit Konsequenzen wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen.

Grafik: Feuerwehr Volkach

Grafik: Feuerwehr Volkach

Im Notfall einschreiten

Die Scheibe eines fremden Autos einschlagen, um Kind oder Hund zu befreien? Davor schrecken Außenstehende häufig zurück, und das nicht ohne Grund. „Aus rechtlicher Sicht handelt es sich zunächst einmal um eine Sachbeschädigung. Es droht die Gefahr einer Strafanzeige seitens des Fahrzeughalters, sollte er die Situation verharmlosen und sie nicht als Notsituation anerkennen“, so Anwältin Lisa Deppisch. „Allerdings kann eine solche Sachbeschädigung nach dem Gesetz gerechtfertigt sein, sofern sie im Rahmen einer Rettungsmaßnahme vorgenommen wird. Nach § 34 des Strafgesetzbuches erlaubt es der sogenannte rechtfertigende Notstand, eine gegenwärtige, nicht anders abwendbare Gefahr für Leib und Leben mit angemessenen Mitteln abzuwenden.“ Sollte sich ein Kind in einer gesundheitsgefährdenden Situation bis hin zur Lebensgefahr befinden, kann es folglich gerechtfertigt sein.

Zunächst Polizei und Feuerwehr alarmieren

Eine Notsituation muss aber beweisbar sein. Deshalb empfiehlt Lisa Deppisch zunächst den Notruf zu wählen und Polizei und Feuerwehr zu verständigen. Außerdem solle man sich nach dem Fahrzeughalter umsehen, wie es der Passant beim Vorfall im Juni getan hatte. „So könnten zunächst Passanten angesprochen werden, die sich in der Nähe aufhalten und befragt werden. Auf Kundenparkplätzen von Supermärkten könnte versucht werden, den Fahrer ausrufen zu lassen.“ Mit diesen Möglichkeiten könne eine Sachbeschädigung umgangen werden. Ignoriert werden sollte die Situation aber auf keinen Fall.

Strafbarkeit bei unterlassener Hilfeleistung

Wenn sofortige Hilfe erforderlich und geboten scheint und Notarzt und Co. nicht schnell genug an Ort und Stelle sein können, muss sogar eingeschritten werden, indem beispielsweise die Scheibe eingeschlagen wird. „Dies gilt umso mehr, als das Gesetz eine Pflicht zur Hilfeleistung vorsieht. § 323c des Strafgesetzbuches normiert die Strafbarkeit der unterlassenen Hilfeleistung. Sollte hiernach eine erhebliche Gefahr für das Kind bestehen und ist die Hilfe auch zumutbar, wird einem Außenstehenden die Pflicht auferlegt, einzuschreiten.“ Sollte man dies unterlassen, macht man sich strafbar. „Auch hier sollte versucht werden, sich abzusichern, indem Passanten als Zeugen herangezogen werden und der Vorgang bzw. der Schaden, soweit möglich, beispielsweise per Handy fotografisch dokumentiert wird.“.

Auch bei Haustieren

Selbiges gilt auch bei Hund, Katze und Co. Sollte eine Gefahr nicht anders abgewendet werden können, ist eine Sachbeschädigung auch bei Haustieren im Wagen im Notfall gerechtfertigt, so Anwältin Lisa Deppisch.

Zusammenfassend sollen zunächst Notarzt, Polizei und Feuerwehr verständigt werden, wenn möglich auch der Fahrzeughalter aufgesucht werden. Sollte es dennoch nötig sein, einzuschreiten, ist eine Absicherung durch Zeugen oder Fotoaufnahmen sinnvoll.

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