Julian Wendel erzählt im Interview von dem Leben mit Behinderung in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.
Julian Wendel erzählt im Interview von dem Leben mit Behinderung in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.

Das Leben mit Behinderung in Würzburg

Vor einigen Wochen waren die ersten Würzburger Wochen der Inklusion. Da fragt man sich direkt, wie ist eigentlich das Leben mit Behinderung in unserer Stadt? Ist Würzburg eher offen oder verschlossen? Wir kennen das aus dem Alltag. Manchmal können die Leute um uns herum ganz schön ungeduldig sein. Aber auch gegenüber Menschen mit Behinderung? Wie verhalten sich die Würzburger da? Wir haben dazu bei Julian Wendel nachgefragt. Julian lebt seit klein auf in Würzburg, ist selbst körperlich behindert und engagiert sich sehr viel ehrenamtlich.

Würzburg erleben (WE): Ganz allgemein gesprochen, wie gehen die Würzburger mit Menschen mit Behinderung um?

Julian: Da unterscheiden sich die Würzburger sicherlich nicht von den Bewohnern anderer deutscher Städte. In vielen Begegnungen ist eine Unsicherheit beim Gegenüber spürbar, die allerdings auch verständlich ist. Zu Recht fragt man sich: Versteht der mich überhaupt? Kann er reden? Ist er womöglich auch geistig behindert? Sind diese Fragen aber erstmal geklärt – das geht meist schnell – herrscht allgemein recht viel Verständnis für die andersartige, aber letztendlich ganz menschliche Situation von Menschen mit Behinderung.

WE: Merkt man in den Reaktionen einen Unterschied zwischen Würzburgern und Touristen?

Julian: Das würde ich nicht behaupten. Es bestehen eher allgemeine Unterschiede in der Art, wie man auf offensichtlich behinderte Menschen reagiert. Die bereits erwähnte Unsicherheit kann sich beispielsweise in übertriebener Freundlichkeit ausdrücken: Man wird aufdringlich angegrinst und angesprochen, als wäre man ein Kleinkind. Kinder hingegen reagieren meist mit großer Neugier und gaffen. In den meisten Fällen aber drückt sich die Unsicherheit in schier bedingungsloser Ignoranz aus. Möglichst den Behinderten auf keinen Fall anschauen. Ganz natürlich zu reagieren gelingt nur wenigen Personen.

Julian Wendel erzählt im Interview von dem Leben mit Behinderung in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.

Julian Wendel genießt die Landesgartenschau in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.

WE: Wenn man an sein eigenes Lieblingscafé denkt, sind diese ja oft sehr eng. Wie viele Orte in Würzburg, wie Cafés, Restaurants, Kinos, sind wirklich barrierefrei?

Julian: Das lässt sich ganz schwer beziffern. Die Kriterien für Barrierefreiheit sind einfach sehr individuell: Für manche Menschen ist eine Behindertentoilette erforderlich, andere brauchen hingegen viel Platz am Tisch, sehbehinderte Menschen sind für eine große, kontrastreiche Schrift in der Speisekarte dankbar, usw. Wichtig bleibt trotzdem, dass die Inhaber und Betreiber sich Schritt für Schritt auf die Veränderungen in der Gesellschaft einstellen und Menschen mit Behinderung nicht durch bauliche oder andere Barrieren ausschließen.

WE: Gibt es in Würzburg viele Veranstaltungen, die Rollstuhlfahrer berücksichtigen?

Julian: Gerade in dieser Hinsicht tut sich sehr viel! Wenn man an Barrierefreiheit denkt, werden zuerst die Rollstuhlfahrer bedacht. Bei vielen Veranstaltungen kommt uns das zugute, egal ob in Sport, Musik, Vortrag oder Bühne. Lediglich einige (leider denkmalgeschützte) Universitäts-Gebäude sowie kleinere Musikkneipen, Clubs oder Theater sind für Menschen im Rollstuhl nicht zugänglich.

Bei den Balustern kann man E-Hockey im Rollstuhl spielen. Foto: Raimund Wendel.

Bei den Ballbustern kann man E-Hockey im Rollstuhl spielen. Foto: Raimund Wendel.

WE: Mit den Ballbusters gibt es ein tolles Sportangebot im Rollstuhl-Hockey. Gibt es mehr solche Vereine, die speziell für Rollstuhlfahrer sind?

Julian: Nein, da ist der Verein der Rollstuhlfahrer und ihrer Freunde e.V. ein Unikum in Würzburg. Er bietet ein breites Angebot zur sportlichen Betätigung für Rollstuhlfahrer. Angesichts der Inklusion wäre es doch aber erstrebenswert, dass auch andere Sportvereine neue Abteilungen gründen, in denen Behindertensport angeboten wird. Menschen mit und ohne Behinderung in ein und demselben Sportverein. Gegenseitige Unterstützung zwischen den Abteilungen, gemeinsame Vereinsfeiern, das wäre echte Inklusion.

WE: Für wahrscheinlich jeden von uns sind soziale Kontakte wichtig. Fühlst du dich in diesem Bereich eingeschränkt?

Julian: Die bereits angesprochenen Berührungsängste angesichts meines offensichtlich starken Handicaps erschweren ein Kennenlernen im sozialen Bereich natürlich merklich. Darüber hinaus fällt die mündliche Kommunikation schwer, wenn ich mich in einem lauten Umfeld befinde. Dennoch entwickeln sich bei mir genauso viele und genau so gute Freundschaften wie bei Menschen ohne Behinderung, würde ich behaupten. Auch Partnerschaften mit Menschen ohne Behinderung können sich ergeben.

NoLimits verbindet Menschen mit und ohne Behinderung in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.

NoLimits verbindet Menschen mit und ohne Behinderung in Würzburg. Foto: Raimund Wendel.

WE: Wie sieht dein Fazit für Würzburg aus? Was müsste sich noch ändern?

Julian: Definitiv ist viel mehr möglich als noch vor 20 Jahren. Menschen mit Behinderung kommen im Alltag vor, sie sind zumindest sichtbar. Man muss nur durch die Würzburger Innenstadt laufen und wird beispielsweise sehr viele Rollstuhlfahrer sehen. Dies ist in anderen Städten – oder in sehr vielen anderen Ländern – noch nicht so. Durch diese ständige Präsenz wird es für alle Menschen zunehmend „normaler“, dass Menschen mit Behinderung nicht nur in der Fußgängerzone „vorkommen“, sondern auch im Arbeitsleben, in Kultur, Gesellschaft und Politik.

Aber diese Entwicklung muss noch fortschreiten und da gibt es einige Baustellen, nicht nur im Bereich Körperbehinderung: Induktionsanlagen für Hörbehinderte in öffentlichen Gebäuden, Blindenleitsysteme auf städtischen Gehwegen oder die Verwendung von leichter Sprache in Formularen, um auch Menschen mit geistiger Behinderung die Korrespondenz mit Behörden zu erlauben.

Jeder macht andere Erfahrungen

Wie sieht das bei dir aus? Kannst du die Erfahrungen von Julian bestätigen oder hast du anderes in Würzburg erlebt? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar. Hier kannst du übrigens die 5 liebsten barrierefreien Orte von Luisa nachlesen.

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