Fatma (links) und Meliz. Foto: Pascal Höfig
Fatma (links) und Meliz. Foto: Pascal Höfig

Zwischen Integration und Ausgrenzung: „Bist Du mehr deutsch oder mehr türkisch?“

Der Rücktritt des deutsch-türkischen Nationalspielers Mesut Özil ist seit Tagen in aller Munde. Schließlich war er mehr als nur ein Fußballer der Deutschen Elf. Mesut Özil zählte seit jeher als Symbol für gelungene Integration.

5 Sätze, die jede Türkin kennt

Mit seinem Ausscheiden aus der Mannschaft spaltet er die Meinungen – und auch uns hat das Thema beschäftigt. Derzeit haben wir nämlich zwei Mitarbeiterinnen mit türkischen Wurzeln im Team, die (zumindest äußerlich) unterschiedlicher nicht sein könnten. Ob sie sich auch in ihren Anschauungen und bisherigen Erfahrungen in Bezug auf das Thema Integration unterscheiden, haben wir herausgefunden, indem wir die beiden mit diesen Fragen konfrontiert haben!

Mehr deutsch oder mehr türkisch?

Fatmanur ist 18 Jahre alt und Schülerin der Fachoberschule. Meliz ist 26 Jahre alt und hat gerade ihr Studium beendet. Beide sind in Würzburg auf die Welt gekommen, wurden muslimisch erzogen, haben ihr bisheriges Leben seitdem hier verbracht und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.

Würzburg erleben (WE): Wann und warum sind Eure Eltern nach Deutschland gekommen?

Fatmanur: Mein Opa kam als Gastarbeiter in den 1970er Jahren nach Deutschland, wo er schließlich eine Zeit lang in München gewohnt hat. Später zog er arbeitsbedingt nach Würzburg und holte meine schwangere Oma und nur einen Teil der Kinder (inkl. meiner Mutter) nach Deutschland. Zwei meiner Tanten kamen erst später dazu. Mein Vater kam erst, nachdem er meine Mutter heiratete nach Deutschland.

Meliz: Meine Großeltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gezogen. Damals war noch nicht klar, ob sie hier bleiben würden und was mit dem Rest der Familie geschieht. So kamen meine Eltern erst im Alter von 5 (Mutter) und 7 Jahren (Vater) nach Deutschland. Schon meine Eltern sind also hier aufgewachsen, sind hier zur Schule gegangen, haben eine Ausbildung gemacht und sich währenddessen kennengelernt. Mittlerweile betreiben sie seit 30 Jahren ihr Geschäft in Würzburg.

Fatma (links) und Meliz. Foto: Pascal Höfig

Fatma (links) und Meliz. Foto: Pascal Höfig

Wo ist die Heimat?

WE: Ist Deutschland oder die Türkei Eure Heimat?

Fatmanur: Ich sehe beides als mein Heimatland an. Immerhin bin ich hier geboren und hier aufgewachsen. Aber mit der Türkei verbindet mich trotzdem viel mehr, wie beispielsweise einfach die ganze Lebensweise und Kultur. Wir Türken haben zum Beispiel eine ganz andere Familienbindung, unternehmen viel mehr mit Cousinen und Cousins. Dadurch sieht alleine schon mein Alltag anders aus.

Meliz: Würzburg! Zumindest ist meine Definition von „Heimat“, ein Ort, an dem man aufgewachsen ist und sich zuhause fühlt. Ich habe noch nie in der Türkei gelebt, also kann ich das Land auch nicht als meine Heimat bezeichnen. Das Verrückte ist nur, dass ich mich auch in der Türkei zuhause fühlen kann. Vielleicht liegt es an der Sprache, am Lifestyle und an der südländischen Art der Menschen.

WE: Fühlst Ihr Euch deutsch oder türkisch oder beides?

Fatmanur: Ich fühle mich türkisch. Hierfür gibt es viele unterschiedliche Gründe. Ein Beispiel ist, dass ich typisch türkisch erzogen wurde und mit der muslimischen Religion aufgewachsen bin. Außerdem ist es ein sehr großer Unterschied zwischen den Deutschen und mir – egal ob Freizeit, Familie oder Religion – wenn ich mich mit Klassenkameraden oder deutschen Freunden vergleiche.

Meliz: Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, dann sage ich automatisch „aus Würzburg… und aus der Türkei!“. Betrachtet man meine Herkunft, fühle ich mich zu 100% türkisch, weil meine Eltern eben beide Türken sind und ich einfach absolut nicht deutsch aussehe. Meine Herkunft definiert aber nicht meine Weltanschauung, meine Werte oder meine Einstellung. All diese Dinge werden zwar durchaus durch die Erziehung, die Familie und die Religion beeinflusst, jedoch spielen auch Freunde, das Umfeld und die eigene Persönlichkeit eine maßgebliche Rolle. Ist die Frage also auf mein Identitätsgefühl gerichtet, dann würde ich sagen, bin ich eine türkische Fränkin… oder eine fränkische Türkin!

WE: Sprecht Ihr daheim deutsch oder türkisch oder beides?

Fatmanur: Beides. Manchmal türkisch, manchmal deutsch und manchmal auch einfach beides zusammen.

Meliz: Meine Muttersprache ist türkisch. Deutsch habe ich erst mit drei Jahren im Kindergarten gelernt. In der Grundschule habe ich dann wöchentlich einen Türkisch-Kurs besucht, um auch das türkisch Schreiben zu lernen. Darüber bin ich sehr froh. Ich finde, es gehört einfach dazu, die Sprache zu beherrschen (sowohl in gesprochener als auch in geschriebener Form). So sprechen wir daheim beide Sprachen. Jedoch bevorzuge ich tatsächlich Deutsch, weil es mir einfacher fällt.

WE: Werdet Ihr in Eurem Umfeld als Deutsche oder Türken angesehen?

Fatmanur: Da meine deutschen Freunde und ich mich doch sehr unterscheiden, werde ich als türkisch angesehen. Nicht nur meine Denkweise und die Gestaltung meiner Freizeit, sondern auch mein Aussehen ist für viele „typisch türkisch“.

Meliz: In meinem Umfeld, werde ich als die „Quoten-Türkin“ angesehen, was stets lustig und von mir humorvoll gesehen wird. Für mich ist es keine Beleidigung.

Meliz. Foto: Pascal Höfig

Meliz. Foto: Pascal Höfig

Das Gefühl, Ausländer zu sein

WE: Was ist für dich typisch deutsch und was typisch türkisch?

Fatmanur: Da fallen mir eigentlich nur Klischees ein, wie „typisch deutsch: pünktlich, fleißig und zuverlässig“ oder „typisch türkisch: temperamentvoll, herzlich und gesellig“.

Meliz: Typisch deutsch ist für mich persönlich das strikte Einhalten von Regeln. Typisch türkisch verbinde ich immer mit einer gewissen Craziness – im positiven Sinne! Wo Deutsche ein Schloss an ihren Reisekoffer anbringen, nutzen wir halt einen Kabelbinder.

WE: Hast Du Erfahrungen gemacht, die Dich spüren lassen haben, dass Du „Ausländer“ bist?

Fatmanur: Man bekommt es schon an den Blicken der Leute zu spüren, dass man anderer Herkunft ist. Manchmal sind es aber nicht nur die Blicke, sondern auch „dumme Sprüche“, die abgelassen werden. Mir wurde unter anderem auch schon von einer Obdachlosen ins Gesicht gespuckt. Aber das alles nehme ich nicht wirklich ernst, weil mir allein die Verhaltensweise verrät, was für einen Charakter diese Menschen haben. Darüber kann ich nur lachen.

Meliz: Diese Erfahrung mache ich spätestens dann, wenn ich meinen Namen aussprechen oder buchstabieren muss. Negative Erfahrungen hab ich eigentlich nur ein einziges mal in der 11. Klasse gemacht. Hier war meine Deutsch-Lehrerin der Meinung, ich würde das Abitur nicht schaffen (weil ich damals keine Zeitung laß und meine Sprache daher so schlecht wäre)… Mittlerweile habe ich nicht nur das Abitur in der Tasche, sondern auch einen Masterabschluss. Was meine Lehrerin damals nicht wissen konnte war, dass das Schreiben eines meiner größten Hobbys ist und nur ein paar Jahre später tausende von Menschen meine deutschen (!) Artikel hier lesen würden.

Und in Zukunft?

WE: Wie sieht es mit der Partnerwahl aus? Kannst Du dir vorstellen, mit einem Deutschen zusammen zu sein?

Fatmanur: Die Partnerwahl hängt nicht wirklich von der Herkunft ab, sondern eher von der Religion. Auf Türkisch sagt man „Kader“, was so viel bedeutet wie „Schicksal“. Man kann nie Wissen, auf wen man eines Tages trifft.

Meliz: Mein Verlobter ist Deutscher!

WE: Könntest du dir Vorstellen irgendwann in der Türkei zu leben?

Fatmanur: Auf jeden Fall! Nach meinem Abitur möchte ich in der Türkei studieren und danach dort weiter leben. Das liegt einfach daran, dass meine ganze Familie zurück in die Heimat möchte. Außerdem leben sehr viele meiner Verwandten bereits in der Türkei. Ein Grund warum wir zurück möchten, ist auch, dass wir hier immer mehr mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Ich müsste mich zwar an die Lebensweise dort gewöhnen, ich bin mir aber sicher, dass ich in der Türkei wie bisher weiter leben könnte.

Meliz: Nein, ich denke nicht, dass ich freiwillig dort leben wollen würde. Ich liebe das Land und wünsche mir, dass ich dort regelmäßig Urlaub machen kann, sobald sich die politische Lage wieder beruhigt. Leben möchte ich dort aber nicht. Das liegt allein schon daran, dass mein Partner deutsch ist und mein ganzes Leben schon immer hier stattfindet. Trotzdem weiß man nie, was passieren wird.

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