Gewalt. Symbolfoto: Pascal Höfig
Gewalt. Symbolfoto: Pascal Höfig

„Gewalt an Frauen darf kein Tabuthema mehr sein!“

Gewalt an Frauen – ein sensibles Thema, welches oft totgeschwiegen wird. Aber in Deutschland spielt es leider eine große Rolle. Der letzte Ausweg für die betroffenen Frauen: Ein Frauenhaus. Hier können sie der sexuellen oder körperlichen Gewalt, der sie zu Hause ausgesetzt sind entkommen. Bei einer Anzahl von jährlich 140.000 betroffenen Frauen allein in Bayern, ist die Notwendigkeit dieser Einrichtungen größer denn je.

„Jede zweite Frau muss abgewiesen werden“

Die Realität ist ernüchternd: „Jede zweite von Gewalt bedrohte Frau, die auf der Suche nach Schutz ist, muss von den Frauenhäusern abgewiesen werden“, erklärt der SPD-Landtagsabgeordnete Georg Rosenthal. Bei einem Besuch des Frauenhauses des Sozialdienstes katholischer Frauen Würzburg e.V. fordert er außerdem dazu auf, eine Debatte über die prekäre Lage der Frauenhäuser in Bayern endlich auch gesellschaftlich zu führen und Lösungen für das Problem zu finden. Momentan werden nur knapp 10 % der Kosten für Frauenhäuser vom Staat übernommen. Den Rest muss der Träger selbst tragen und die Kosten durch Spenden oder kommunale Zuschüsse finanzieren. „Das ist in einem so reichen Land wie Bayern eine Schande!“, findet Simone Strohmayr, die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Unterstützung für Frauenhäuser! - Leiterin Britta Richl und AWO Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses mit MdL Volkmar Halbleib und Simone Strohmayr. Foto: Traudl Baumeister

Unterstützung für Frauenhäuser! – Leiterin Britta Richl und AWO Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses mit MdL Volkmar Halbleib und Simone Strohmayr. Foto: Traudl Baumeister

Schon seit Jahren fehlt es in den entsprechenden Einrichtungen an Personal und Kapazitäten. Das hat zur Folge, dass Frauen entweder abgewiesen werden oder aber lange Umzüge in andere Frauenhäuser in Kauf nehmen müssen –  eine zusätzliche Belastung für die emotional geschädigten Frauen. Aber auch bezahlbare Wohnungsangebote nach dem Aufenthalt im Frauenhaus sind rar. Viele bleiben also immer länger in den Wohngruppen und verhindern so den Einzug von neuen Frauen.

Unhaltbare Zustände auch in Würzburg

Eines der rund 40 bayerischen Frauenhäuser steht in Würzburg. Brita Richl ist die Leiterin des AWO Hauses und schildert die unhaltbare Lage in ihrer Einrichtung: Ursprünglich sei das Haus für sechs Frauen und sechs Kinder ausgelegt. Heute lebten jedoch 12 Kinder in den Räumen – doppelt so viele wie vorgesehen. Daraus folgt, dass die seit 1996 nicht mehr renovierten Gemeinschaftsräume und Zimmer maßlos überfüllt sind und den Einwohnerinnen kaum Rückzugsorte bieten. Diesen Umstand würde die AWO gerne beseitigen, jedoch haben sie als Träger bereits im letzten Jahr ein Defizit von 25.000 € getragen – auf Dauer ein nicht haltbarer Zustand.

Neben der beengten Platzsituation besteht zudem das Problem, dass es für Frauen mit halbwüchsigen Söhnen momentan überhaupt keine Plätze gibt. Die schwer traumatisierten Frauen müssten sich also in solch einem Fall dazu entscheiden, ihr Kind getrennt von ihnen in einer anderen Unterkunft unterzubringen – eine unmenschliche Forderung. Auch für Frauen, die einen barrierefreien Zugang benötigen, sei die Unterkunft nicht geeignet.

Noch keine Besserung in Sicht

Zwar hatte die bayerische SPD nach der Veröffentlichung einer Studie der Universität Erlangen zur prekären Lage der Frauenhäuser im Jahr 2016 versprochen, die Frauenhäuser personell besser auszustatten, jedoch ist dies auch zwei Jahre später noch nicht geschehen. Frauenhaus-Leiterin Richl findet für diese Situation klare Worte: „Die Grenze des Erträglichen ist mehr und mehr erreicht!“ Und das nicht nur für die Frauen selbst, sondern auch für das Personal. „Die betreuten Frauen sind immer häufiger extrem jung, haben wenig Bildung, aber viele Kinder. Auch die Gruppe der Frauen mit Migrationshintergrund und Sprachproblemen nimmt stetig zu“.

Verlässliche Grundfinanzierung fehlt

Der Arbeitsaufwand für Richl und ihre Kollegen steigt also immer weiter und sie haben täglich alle Hände voll zu tun. Da eine verlässliche Grundfinanzierung fehlt, müssen sie neben ihrem Knochenjob noch permanent um Spenden werben, um den Fortbestand der Einrichtung zu sichern. Hinzu kommt das schlechte Gewissen, wenn hilfesuchende Frauen vertröstet oder gar ganz weggeschickt werden müssen.

In einem Punkt sind sich alle betroffenen Parteien aber sicher: Der Hinweis der Staatsregierung auf kommunale Daseinsvorsorge darf nicht die Lösung sein. Somit mache man die Existenz der Frauenhäuser abhängig von der kommunalen Haushaltsituation. Das dürfe bei den alarmierenden Zuständen in 2018 nicht mehr die Regel sein.

Zahlen und Fakten

  • Bis zu 2.000 Frauen werden im Freistaat jährlich abgewiesen
  • um 35 % müssten die Kapazitäten laut einer Studie aufgestockt werden
  • rund 25.000 Euro Staatsgelder erhält ein Frauenhaus durchschnittlich im Jahr
  • nur 3 % betroffener Fauen suchen Hilfe in Frauenhäusern oder Fachberatungsstellen
  • rund 430 Schutzplätze für Frauen und 500 Plätze für Kinder gibt es in bayerischen Frauenhäusern
  • sieben Monate bleibt eine Frau durchschnittlich im Frauenhaus
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