Der in der Uni verteilte Flyer. Fotos: Sebastian G.
Der in der Uni verteilte Flyer. Fotos: Sebastian G.

Gastbeitrag: Politischer Flyer löst Diskussion unter Studenten aus

Der Würzburger Student Sebastian hat mit einem Posting in der Facebook-Gruppe Uni Würzburg eine lebhafte politische Diskussion angestoßen, Auslöser dafür war eine Verteil-Aktion von Flyern an der Uni. Da die Inhalte der Diskussion nicht nur für Studenten interessant sind, haben wir Sebastian gebeten, uns nochmals seine Meinung in Worte zu fassen.

Gastbeitrag von Sebastian G.

„Wahnsinn, jetzt wird man von den linken Ideologien sogar schon in der Uni belästigt. Normalerweise hätte ich den Flyer einfach weggeworfen, aber die Art und Weise wie die Flyer verteilt wurden, erregt meine Gemüter dermaßen, dass ich mir Luft machen muss.

Man positioniert sich an dem einzigen Ausgang des Hörsaals auf beiden Seiten und nutzt die Enge der Stelle dazu, dass niemand diesem Treiben ausweichen kann und jeder fast „gezwungen“ ist einen Flyer zu nehmen. Und dann steht auf diesem Flyer fast nur Mist, bevor ihr diesen verteilt, solltet ihr euch vielleicht einmal Gedanken machen, welche Folgen eure edel gedachten, aber vollkommen realitätsfremden Forderungen haben.

Positive Punkte

Deshalb muss ich leider auch noch kurz auf eure Inhalte eingehen. Zunächst einmal die positiven Punkte: Ja, unnötiger Leerstand muss nicht sein und elternunabhängiges BAföG ist längst überfällig, da Chancengleichheit nicht durch die Herkunft (also auch die Eltern) beschränkt werden darf, ansonsten können wir auch gleich eine kinderabhängige Rente einführen, also wenn die Kinder genug Geld verdienen, sollen doch diese die Rente der Eltern zahlen. Es bleibt nur noch anzumerken, dass es nicht der linke Flügel war, der auf diese Idee kam und der vor allem auf Umsetzung drängt. Aber so viel zu den positiven Inhalten.

„Restlicher Schwachsinn“

Jetzt zum restlichen Schwachsinn des Flyers. Mindestausbildungsvergütung – klingt im ersten Moment wunderbar, führt jedoch dazu, dass vor allem kleinen Betrieben die Chance genommen wird, auszubilden, da es schlichtweg nicht mehr bezahlbar wird und so wird zukünftigen Auszubildenden die Chance genommen, die Wahl zu haben, vielleicht auf ein wenig Geld zu verzichten und dafür eine bessere, intensivere Ausbildung zu haben, gerade da in ganz Deutschland nach Fachkräften geschrien wird kann das nicht der richtige Weg sein. Bei großen Betrieben führt es dazu, dass es dann anstatt z.B. fünf Auszubildende nur noch vier gibt. Beides führt zu einem geringeren Ausbildungsangebot, was doch nicht ernsthaft euer Ziel sein kann.

Mietpreisbreme und Eigentümerrechte

Nächster Punkt Mietpreisbremse. Zunächst einmal ist die Effizienz dieser höchst umstritten. Des weiteren, warum sollen die Rechte der Eigentümer beschränkt werden, wo es Aufgabe des Marktes ist, die Mietpreise festzulegen? Eine Mietpreisbremse führt zu einer Überfüllung der Städte und zu einem Sterben der ländlichen Dörfer, weiter ist die Überfüllung der Städte und die damit verbundenen Folgen, eine der größten Ursachen für die hohe CO2 Belastung in Städten. Wer die Preise nicht zahlen kann bzw. will, hat immer noch die Möglichkeit, an Stadtrandgebiete zu ziehen. Es ist nirgendwo geschrieben, dass jeder ein Recht hat, in der Stadt zu wohnen, es kann aber nicht sein, dass schon wieder die Eigentümerrechte beschnitten werden.

Symbolbild Wohnen. Foto: Pascal Höfig

Symbolbild Wohnen. Foto: Pascal Höfig

Eigentümerrechte führt mich zwangsläufig zum nächsten Punkt: Die massive Ausweitung des öffentlichen Wohnungsbaus. Ihr seid lustig, wo möchtet ihr denn die öffentlichen Wohnungen bauen? In Würzburg gibt es kaum noch Baugrund, deswegen fragt die Stadt sogar schon bei Privatpersonen an, ob sie ihren Baugrund in den umliegenden Stadtteilen nicht erschließen wollen, deswegen wird ein komplett neuer Stadtteil „Hubland“ erschlossen. In euren Vorstellungen sollte man wahrscheinlich die Grundstücksbesitzer enteignen, vielleicht nicht sofort aber ihnen Fristen setzen, bis wann sie ihre Grundstücke entweder erschlossen oder sie verkauft haben müssen. Weiter ist es wieder das Problem der Überfüllung und wie schon gesagt, in der Würzburger Umgebung gibt es genügend Wohnungen.

Und zuletzt noch zur Privatisierung. Wenn die Stadt nicht mehr gewillt ist in marode Sozialbauten zu investieren, warum sollten sie diese nicht verkaufen und Privatpersonen die Möglichkeit geben, die Stadt in der Wohnbau Beschaffung zu entlasten und selbst neue Wohnung zu errichten? Was euch wieder ein Dorn im Auge ist, ist die Tatsache, dass der Markt dann wieder den Preis regelt.

„Jeder sollte in seinen Chancen gleich sein“

Generell bleibt mir nur noch zu sagen, dass ihr vom selbstständigen und würdevollen Leben sprecht und mit euren Maßnahmen genau das Gegenteil bewirkt. Selbstständigkeit – wenn das Ausbildungsangebot zurück geht, kann ich möglicherweise nicht mehr selbst entscheiden, was und wie ich lernen möchte, sondern muss das nehmen was übrig bleibt. Würdevoll – wie kann es würdevoll sein in völlig überfüllten Städten zu leben, in denen durch die Überfüllung der Lebensstandard sinkt? Und noch kurz zu Löhnen: Jeder hat die Möglichkeit, mit seinem Arbeitgeber über Löhne zu verhandeln. Wenn man was kann und seine Leistung bringt, wird es kaum einen Arbeitgeber geben, der einem nicht mehr Lohn zahlt um ihn zu behalten. Die Arbeitsmarktsituation war noch nie so gut wie aktuell, wenn jemand meint, er würde ungerecht bezahlt werden, hat jeder die Möglichkeit sich anderweitig zu bewerben.

Anstatt solche Forderungen zu stellen, sollten die Leute lernen, sich selbst zu vermarkten, jeder sollte in seinen Chancen gleich sein und was man aus seinen Chancen macht bleibt einem selbst überlassen, wenn man seine Chancen nicht nutzt, dann aber nicht fordern, dass andere ständig für einen in die Bresche springen.“

Politische Diskussion auf Facebook

Mit diesem Text eröffnete der 27-jährige Student Sebastian G. am 26. April eine politische Diskussion in der Facebook-Gruppe Uni Würzburg. Was zunächst als Kritik an der Vorgehensweise gedacht war, weitete sich schnell auf eine Kontroverse der politischen Inhalte des Flyers aus.

Schnell fielen Sätze wie „ein 21-jähriger BWLer [,der] seine Mitgliedschaft bei den jungen Liberalen verteidigt“, andere fühlten sich an den BWL Justus erinnert mit dem Meme, „Eure Armut kotzt mich an“.

Der Student Sebastian

Um solchen Kommentaren vorzubeugen, die nichts mit einer politischen Diskussion zu tun haben, sondern die Person persönlich angreifen, hier eine kurze Autobiographie von Sebastian:

Geboren wurde er im ländlichen Raum der Stadt Aschaffenburg, für sein Studium zog er nach Würzburg. In Aschaffenburg wuchs er mit zwei jüngeren Schwestern auf, seinem Vater (gelernter Schlosser) und seiner Mutter, die bis zu seiner Geburt in der Textilbranche arbeitete. Er selbst arbeitete nach seinem Abitur zwei Jahre, um sich sein Studium finanzieren zu können. 2012 fing er an Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Während seines kompletten Studiums arbeitete er in den verschiedensten Branchen, vom Club über die Druckerei bis hin zum Einzelhandel war alles dabei.

Zum Wintersemester 2017/2018 wechselte er den Studiengang und geht seitdem hochmotiviert dem Studium der Political and Social Studies im Hauptfach und der Wirtschaftswissenschaften im Nebenfach nach. Mit Arbeit und Besuch der Uni kommt er im Durchschnitt auf eine 65-Stunden-Woche, dazu kommt natürlich noch die Zeit, die er in Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen, Übungen und Seminare investiert.

Nun seid ihr gefragt, nehmt teil an einer Diskussion, die weit mehr Menschen betrifft als nur Studenten.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de.

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