Kein Geld in der Tasche. Symbolfoto: Pascal Höfig
Kein Geld in der Tasche. Symbolfoto: Pascal Höfig

Happy End nach Jahren im Hartz IV Sumpf

Mit seinen kontroversen Äußerungen hat der neue Gesundheitsminister Jens Spahn eine neuerliche Debatte über Hartz IV und die notwendige Höhe staatlicher Unterstützung ausgelöst. Reichen 416 Euro Grundsicherung im Monat tatsächlich zum Leben? „Ja“ sagt Jens Spahn und ergänzt: „Mit Hartz IV hat jeder das, was er zum Leben brauche“.

Im Agenturbezirk Würzburg haben im Dezember 2017 insgesamt 3.767 Menschen ALG I bezogen, davon 1.108 in der Stadt Würzburg und 1.109 im Landkreis, das teilte uns die Agentur für Arbeit Würzburg mit. Wenn es um ALG II oder Sozialgeld geht, sehen die Zahlen nochmal ganz anders aus. Hier haben im November 2017 insgesamt 6.711 Personen in der Stadt Würzburg und 3.521 Personen im Landkreis Leistungen von der Agentur für Arbeit bezogen.

Auch Gastautor Nicolas war lange auf Hartz IV angewiesen aber hat es jetzt zurück in ein Leben ohne Abhängigkeit vom Amt geschafft.

Gastbeitrag von Nicolas L.

Mag sein, dass man mit diesem Betrag von 416 Euro gerade so schlecht als recht über die Runden kommen kann, dennoch zeugen diese Aussagen meiner Meinung nach nicht von einem all zu großem Fingerspitzengefühl des Herren Bundesminister!

Wie das jahrelange Stecken im Hartz IV Sumpf wirklich ist, hat unsere fünfköpfige Familie leider schmerzlich am eigenen Leib erfahren müssen. Ebenso wie man von den Ämtern schikaniert und geknebelt wird und wie schwer es ist aus diesem Teufelskreis wieder heraus zu kommen.

Depression führt zu Kündigung

Unsere Odyssee begann im Jahr 2010. Ich war bei einem ortsansässigen Unternehmen nach der Ausbildung mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag ausgestattet worden. „Da kann Dir erstmal nichts passieren“, haben damals alle zu mir gesagt. Die ersten Jahre nach dem Ablegen der Abschlussprüfung war das auch so, bis die Firma von einem größeren Konzern übernommen wurde.

Jetzt sollte plötzlich auf das Urlaubsgeld verzichtet werden und auch die Urlaubstage wurden gekürzt. Darüber hinaus verlängerte sich die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden. Alles zum Wohl der Firma und zum Erhalt des Arbeitsplatzes hieß es damals.

Zwei weitere Jahre später sollte es dann erneut zu neuen Verträgen und einem neuerlichen finanziellen Verzicht kommen. Leute die sich weigerten diese Verträge zu unterschreiben, darunter auch ich, wurden systematisch demontiert und kaputt gemacht. Dies führte in meinem Fall sogar so weit, dass sich bei mir eine Depression entwickelte welche nach längerer Zeit und mehrerer krankheitsbedingter Ausfälle im Jahr 2010 letztlich auch zur Kündigung führte.

Abrutschen in den Sumpf

Ein Jahr Krankengeld und ein weiteres Jahr Arbeitslosengeld I später, war es dann so weit: Hartz IV. „Selber schuld“, mag der ein oder andere jetzt vielleicht denken. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass man es sich als Außenstehender mit einer Vorverurteilung viel zu einfach macht. Aus Spaß verliert niemand seinen Job und ich hatte damals auch wirklich versucht den völligen Supergau zu verhindern, leider ohne Erfolg.

In meiner Branche wurde lieber auf Billiglohn-Kräfte gesetzt, wirkliche Firmen-Alternativen im Umkreis gab es leider auch nicht. Mehrfach wurde ich zum Interessens- und Fähigkeitentest des Arbeitsamtes eingeladen. Immer wieder kam dabei heraus, dass eine Umschulung die beste Lösung wäre. Genehmigt wurde sie dennoch nicht.

Ämter-Wahnsinn

Statt dessen wurde mir und meiner Familie mit einer Sanktion nach der anderen gedroht. Dies ging dann sogar so weit, dass uns tatsächlich mein Teil des Leistungsbezuges für ganze sechs Monate von der netten Sachbearbeiterin des  Landratsamtes gestrichen wurde.

Die Dame vom Jobcenter war bei unserem Anwalt auch keine Unbekannte und dafür berüchtigt Leute mit voller Absicht ins offene Messer laufen zu lassen. Der Gang zum Rechtsanwalt konnte wenigstens eine Teilzahlung (Miet- und Heizkostenanteil) erwirken. Ohne die zusätzliche finanzielle Hilfe meiner Eltern wäre diese Zeit für uns kaum zu überstehen gewesen. Vor allem auch weil genau in diesen Zeitraum des Jahres 2012 die Erstkommunion unserer ältesten Tochter fiel.

Es geht aufwärts

Mehrere Zeitarbeitsverhältnisse und Kurzzeitanstellungen später kam ich durch einen Zufall im Jahr 2014 an eine Teilzeitstelle als Social Media Manager in einer örtlichen PR-Agentur. Als völliger Quereinsteiger durfte ich dort endlich das tun, was ich schon immer machen wollte: Kreativ sein und in einem Büro arbeiten.

Stück für Stück wurde es mir so ermöglicht mich weiter entwickeln und dank der Beziehungen meines damaligen Arbeitgebers konnten meine Familie und ich auch endlich von der ländlichen Provinz zurück in die Stadt ziehen. Dies eröffnete wiederum meiner Frau, die leider keinen Führerschein besitzt, nach der Kindergarten-Anmeldung unserer jüngsten Tochter selbst ihre erste richtige berufliche Tätigkeit aufzunehmen.

Ende gut, alles gut

Doch damit nicht genug. Für mich ging es im Sommer des vergangenen Jahres 2017 dann endlich zurück in die Vollzeitbeschäftigung. Die jahrelange harte Arbeit hatte sich also endlich gelohnt! Natürlich bin ich noch immer ein gutes Stück von meinem damaligen Monatseinkommen weg, allerdings hat mich die Vergangenheit eines gelehrt: Langsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Wer beharrlich bleibt und sich auch von den Ämtern nicht einschüchtern und kaputt machen lässt, kann es durchaus wieder aus dem Hartz IV-Sumpf heraus schaffen. Eine angenehme und schöne Zeit war dies trotzdem nicht und ich kann nur jedem wünschen, dass ihm ein ähnlicher Weg wie meiner Familie und mir erspart bleibt.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburg-erleben.de.

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