Blick auf Würzburg. Foto: Pascal Höfig
Blick auf Würzburg. Foto: Pascal Höfig

Leben in Würde – bis zuletzt: Der Hospizverein Würzburg

Schwerkranke Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, trauernden Angehörigen neuen Mut zu geben und einfach da zu sein – das ist die Aufgabe der vielen ehrenamtlichen Hospizhelfer vom Hospizverein Würzburg. Wie diese Arbeit genau aussieht und wie man damit auch psychisch zurecht kommt, haben Jutta Dummert und Wolfgang Engert in einem Gespräch erzählt.

Für Hospiz-Gedanken leben

Jutta Dummert ist seit August 2016 als Koordinatorin beim Hospizverein tätig, ihr eigentlicher Beruf, in dem sie auch jetzt noch stundenweise arbeitet, ist Palliativkrankenschwester. Wolfgang Engert, studierter Theologe, ist bereits seit 1995 Vorsitzender des Vereins. Beide haben selbst schon viele Schicksale miterlebt, auch solche, die ihnen sicherlich für immer in Erinnerung bleiben werden. Und trotzdem leben sie für den Hospiz-Gedanken und möchten diesen den Menschen einfach näher bringen.

Hospiz – was ist das?

Doch was bedeutet eigentlich Hospiz? Man hört es immer wieder aber viele wissen überhaupt nicht, was hinter diesem Begriff steckt. Die meisten verbinden Hospiz automatisch mit dem Tod, doch es ist noch so viel mehr. Hospiz begleitet Menschen auf der letzten Wegstrecke ihres Lebens mit dem Ziel, ihnen bis zuletzt ein menschenwürdiges Leben mit einer möglichst guten Lebensqualität zu erhalten. Dazu gehört zum Beispiel weitestgehend schmerz- und beschwerdefrei zu sein, fürsorglich begleitet zu werden und trotz allem auch noch soziale Kontakte zu haben. Hospiz bedeutet auch, mit den individuellen Bedürfnissen und dem Recht auf Selbstbestimmtheit bis zuletzt geachtet zu werden.

Familienmitglieder eingeschlossen

Nicht zu vergessen, die Angehörigen und das soziale Umfeld des Kranken werden bei der Hospizarbeit mit eingeschlossen. Die Hospizhelfer führen auch oft Gespräche mit Familienmitgliedern oder unterstützen im Haushalt. Hospiz bedeutet aber auch, Menschen auf dem Weg durch die Trauer zu begleiten. Das geschieht in sogenannten Trauergruppen. In Würzburg sind das beispielsweise Gruppen für verwaiste Eltern oder junge Erwachsene. Mit Trauerbegleiterinnen wird sich hier in Gesprächsrunden gegenseitig geholfen.

Mitmenschlichkeit

Für Wolfgang Engert ist außerdem die Öffentlichkeitsarbeit ein ganz wichtiger Punkt. Er hält immer wieder Vorträge dazu, wie man beispielsweise mit schwerkranken Personen, die nicht unbedingt zur Familie gehören, umgeht. Was mache ich, wenn ich einen Bekannten habe, der sterbenskrank ist? Engert meint, „einfach hingehen, den ersten Schritt tun.“ Er erinnert sich dabei an eine Geschichte, die er selbst erlebt hat: „Ein Patient erzählte mir mal, dass er jede Woche mit seinen Freunden zum Karten spielen in einer Wirtschaft verabredet war und er jetzt aufgrund seiner Krankheit nicht mehr hin gehen könne. Seine Freunde würden statt dessen aber einfach zu ihm nach Hause kommen zum Karten. Solche Leute machen für mich Hospizarbeit, sie sind einfach mitmenschlich.“

Wer kann mithelfen?

Was muss nun ein Hospizbegleiter mitbringen? Eine bestimmte berufliche Qualifikation ist erst mal nicht nötig, erzählt Wolfgang Engert. „Bei uns gibt es von der Psychologin, über die Krankenschwester bis hin zur Rentnerin, die früher im Büro gearbeitet hat, alles. Wichtig ist nur, dass man ein psychisch halbwegs stabiler, vernünftiger Mensch ist.“ Natürlich sind dann noch eine spezielle Schulung, die über ein halbes Jahr geht, und ein Praktikum notwendig, um schließlich in den Hospizbegleitungsdienst einzusteigen aber im Grunde kann sich jeder für diese Tätigkeit entscheiden.

Teil der Schulung ist zum Beispiel die richtige Kommunikation mit Mitmenschen, man muss sich aber auch der Frage stellen, wo man vielleicht selbst schon einmal eine Abschiedssituation erlebt hat und auch, wie das Verhältnis zu älteren Menschen ist. Oft entstehen hier Konflikte und Probleme, die nicht so einfach zu lösen sind, weil die Patienten beispielsweise aus einer Kriegsgeneration stammen und ganz andere Dinge erlebt haben. Auch muss man sich in der Schulung der Frage stellen, wie nah man etwas an sich persönlich heran lässt.

Hilfestellung für Begleiter

Um die oft auch psychisch belastenden Situationen, die ein Hospizbegleiter erlebt, meistern zu können, wird vom Verein aber Hilfestellung durch Supervision gegeben. „Man braucht eine gesunde Nähe zum Patienten, das ist wichtig – sonst geht die Empathie verloren“, sagt Jutta Dummert, „genauso wichtig ist aber auch die Supervision, um das Erlebte nicht mit sich rum schleppen zu müssen.“

In diesen Gesprächsrunden sollen sich die Hospizhelfer austauschen und auch Neues hinzulernen, beispielsweise wie sie sich vielleicht in gewissen Situationen verhalten können und sollen. Nur hier wird über die konkreten Fälle gesprochen, ansonsten sind die Begleiter zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Das ist ganz wichtig, denn die Leute schenken uns ihr Vertrauen. Und in einer intimen Situation wie dem Sterben eines Angehörigen, tickt man nun mal ganz anders“, erklärt Engert.

Was macht ein Hospizbegleiter?

Als Hospizbegleiter wird man ganz verschiedene Situationen erleben, denn die Patienten können Zuhause begleitet werden aber genauso in der Klinik, im Altenheim oder eben im Hospiz. Vorwiegend sind die Patienten ältere Menschen, „es kann aber auch immer mal vorkommen, dass es eine 30-jährige Frau oder ein junger Mann ist. Ich denke da an die Frau mit dem Hirntumor, die noch zwei schulpflichtige Kinder hatte“, erzählt Wolfgang Engert.

Junge Schicksale

„Oder der junge Mann, der sich bei einer Bluttransfusion den HI-Virus eingefangen hatte. Dieser Fall war in sofern speziell, weil nicht der Junge, sondern viel mehr die Eltern meine Unterstützung als Hospizbegleiter gebraucht haben. Jedes Mal wenn ich vor Ort war, hat mir der Junge gezeigt, was er wieder neues am Computer geschafft hat – das war ihm das Wichtigste. Über seine Ängste und die Krankheit haben wir nur selten gesprochen. Mit seinen Eltern hingegen habe ich jedes Mal fast zwei Stunden über die Situation geredet. Die Familie lebte in einem kleinen Dorf und die Eltern mussten nicht nur mit der Tatsache fertig werden, dass sie ein aidskrankes Kind haben, sondern auch damit, wie darüber im Dorf gesprochen wurde.“

Natürlich sind genau das Schicksale, an die man sich zurückerinnert. „Es ist auch viel belastender, wenn die Lebensgeschichte vielleicht der eigenen ähnelt,“ merkt Jutta Dummert an.

Zuhören, da sein, unterstützen

Was ist aber nun die konkrete Aufgabe eines Hospizbegleiters? „Vielleicht etwas vorlesen, zuhören, einfach Zeit mit dem Patienten verbringen. Aber auch mit den Angehörigen sprechen und ab und zu im Alltag zu unterstützen. Wenn zum Beispiel die Tochter mal einen Friseurtermin hat, bleibt die Hospizbegleitung gerne beim schwerkranken Vater oder wenn ein Angehöriger regelmäßig einen festen Termin im Fitnessstudio hat, unterstützt auch hier die Hospizbegleitung die Familie. Was allerdings nicht zum Aufgabengebiet gehört, ist die Pflege,“ erklärt Jutta Dummert. Circa ein bis zwei Stunden pro Woche nehmen sich die Begleiter Zeit für ihre Patienten und versuchen in dieser Zeit, ihnen ihr Leben so angenehm wie nur möglich zu gestalten.

Individuell und Persönlich

Denn Sterben ist etwas ganz Persönliches und Individuelles. „Da hat mir eine Hospizbegleiterin mal von einer Dame erzählt, der es bis zum Ende wichtig war, dass sie schön ist und auch als schöne Frau stirbt. Sie hat sehr viel Wert darauf gelegt, sich noch jeden Tag zu schminken. In so einer Situation darf man dann als Begleiter nicht anfangen zu missionieren und zum Beispiel zu sagen, dass es doch jetzt eh bald in die „Kiste“ geht und es doch wichtigeres zu besprechen gebe als sich täglich zu schminken. Hier muss man diese Bedürfnisse zulassen und die Patienten bestärken,“ erzählt Engert.

Hilfe wird gut angenommen

Es ist sehr wichtig, die Patienten zu fragen, welche Bedürfnisse und Wünsche da sind. Das übernimmt im Vorfeld zum Beispiel Jutta Dummert als Koordinatorin bei einem ersten Besuch. „Wenn ein Mensch in einem würdigen Rahmen versterben kann, können auch Angehörige viel leichter Abschied nehmen und einfacher ins Leben zurückkommen,“ weiß Dummert. Die Hilfe des Hospizvereins wird in Würzburg und Umgebung sehr gut angenommen, so gut, dass es manchmal sogar an Begleitern mangelt. Im Jahr 2015 kann der Verein zum Beispiel 240 Sterbebegleitungen verzeichnen.

Hospiz und gezielt die Mitarbeiter des Hospizvereins möchten dazu beitragen, dass Sterben und Trauer wieder ihren Platz haben im Leben. Es wird sich Menschen jeden Alters angenommen, die mit schwerer Krankheit, Verlust und Abschied konfrontiert sind. Diese Begleitung durch den Hospizverein ist für die Schwerkranken, Sterbenden und Trauernden kostenlos und soll in den oft dunklen Stunden ein kleiner Lichtblick sein.

Mehr Infos

Der Hospizverein e.V. wurde am 19. November 1991 gegründet, hat derzeit ca. 850 Mitglieder und ist weltanschaulich und konfessionell neutral. 110 Hospizbegleiterinnen und –begleiter einschließlich des Leitungs- und Ausbildungsteams sind ehrenamtlich tätig. Fünf hauptamtliche Kräfte sind als „Ambulantes Hospiz- und Palliative-Care Beratungsteam und als Koordinatorinnen im Verein tätig.

Zentrale:

Hospizverein Würzburg e.V.
Neutorstraße 9, 97070 Würzburg
Telefon: 0931/53344
Mail: hospizverein.wuerzburg@t-online.de
Montag bis Donnerstag: 9 – 12 Uhr I Freitag: 10 – 12 Uhr
Gesprächstermine außerhalb dieser festen Zeiten können vereinbart werden.

Regionalgruppen in Kitzingen, Lohr-Gemünden und Volkach-Gerolzhofen.

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