Gruppenbild am Klinovec. Foto: Philipp Kudella
Gruppenbild am Klinovec. Foto: Philipp Kudella

Gastbeitrag: TransOst – Mit dem Rad nach Tschechien

Gastbeitrag von Sven Urban & Philipp Kudella.

Von TransAlp zu TransOst

Es war mal wieder soweit, der diesjährige Sommerurlaub für uns stand an. Wir, das sind fünf Freunde aus dem Raum Kitzingen/Würzburg, die sich seit der Schulzeit kennen und durch das Mountainbiking in der Region zusammengefunden haben.

Nach mehreren kleineren Bike-Urlauben in der Rhön und am Tegernsee hatten wir in den letzten Jahren versucht, bei unserer Urlaubsplanung möglichst immer „eine Schippe draufzulegen“. 2013 und 2015 überquerten wir mit unseren Mountainbikes die Alpen. Doch dieses Jahr sollte es etwas anderes sein als der Alpenraum. Nach zwei TransAlps war bei uns die Lust auf Neues geweckt. Neben den Highlands in Schottland und den Pyrenäen in Frankreich fiel unsere Wahl diesmal auf eine bei Mountainbikern bis jetzt eher selten gewählte Reiserichtung: Den Osten, genauer gesagt Tschechien und das Grenzgebiet zu Deutschland.

Besonderer Reiz

Auch die Anreise sollte dieses mal anders ablaufen: Wir wollten nicht wie bei unseren bisherigen Biketrips mit dem Auto bzw. Zug anreisen, sondern direkt von der Heimat losradeln. Die Würzburger Residenz sollte als Startpunkt dienen. Nur mit Muskelkraft von der Haustür in Mainfranken bis in ein anderes Land zu reisen, hatte einen besonderen Reiz für uns. Außerdem sollte die Tour mehr Höhenmeter und Kilometer haben als beide Alpenüberquerungen zuvor. Die physische und psychische Herausforderung war also auch sichergestellt. Das Abenteuer rief.

Vorbereitung ist ALLES

Nachdem die Route bis ins Detail geplant wurde und wir das Kartenmaterial besorgt hatten, ging es daran das Equipment auf die Fahrer aufzuteilen. Karten, Luftpumpen, Ersatzschläuche, Werkzeuge, Bremsbeläge, Flickzeug und Schaltaugen für die Schaltwerke wurden eingepackt. Vorbereitung ist ALLES – dazu jedoch später.

Nachdem Navigation, Equipment, und Logistik geklärt waren, konnte es am 18. August dann endlich losgehen. Wir schnallten uns unsere Ausrüstung um, schwangen uns auf unsere vorher gewissenhaft gewarteten Räder, und starteten vom imposanten Vorplatz der Würzburger Residenz nach Osten. Vorher waren wir allerdings noch bei unserem Trikotsponsor Würzburg erleben in der Redaktion. Videoexperte Dominik vom Würzburg-erleben-Team stattete uns mit kleinen Würzburg-Souvenirs für den Weg aus und wünschte uns eine gute Fahrt.

Start an der Residenz. Foto: Philipp Kudella | Videophilmer

Start an der Residenz. Foto: Philipp Kudella | Videophilmer

Der allererste Tag sollte gleich der mit der größten Tagesstrecke werden. Auch wenn beim Mountainbiking die gefahrenen Höhenmeter in der Regel mehr über den Schwierigkeitsgrad einer Tour aussagen als die gefahrenen Streckenkilometer, ist die Strecke Würzburg – Bayreuth für einen Tag mit 144 km doch nicht ohne. Aber was soll‘s, da muss man durch. Über Geiselwind und Schlüsselfeld strampelten wir immer weiter nach Osten. Glücklicherweise hatten wir Rückenwind. Doch ab der zweiten Tageshälfte machte uns der immer dunkler werdende Himmel zunehmend Sorgen. Um nicht in einen großen Gewitterschauer zu geraten, hielten wir unsere Pausen so kurz wie möglich.

Es hatte so lange geklappt- vielleicht konnten wir Bayreuth ja doch noch trocken erreichen? Etwa 16 km vor dem Ziel wird uns dann jedoch klar dass unsere Bemühungen vergebens waren: Das Wetter zeigt uns mit prasselndem Regen und spektakulären Spätsommerblitzen was es von unserem Vorhaben hält. Völlig erschöpft erreichen wir um halb zehn die Jugendherberge Bayreuth.

Den ersten Tag überstanden, geht es nun von Bayreuth tiefer in das Fichtelgebirge. Hier konnten wir das erste Mal wirklich weit nach Osten schauen. Der Ochsenkopf bot uns eine imposante Aussicht in Richtung des zweiten Etappenziels – der tschechischen Grenze. War die Tour am ersten Tag noch größtenteils durch Straßen und Radwege geprägt, ist das Gelände nun zunehmend schwerer. Aber das ist gut so – langsam kriegen unsere Mountainbikes ihre Daseinsberechtigung. Nach knapp 70 Kilometern erreichen wir unser Etappenziel Wunsiedel.

Durch kleine Dörfer mit großen Brauereien ging unsere Route am nächsten Tag mit dem Ziel Wildstein in Tschechien. Als wir am Waldrand ein Metallschild mit der Aufschrift „Staatsgrenze“ sehen, wird erst einmal die Kamera ausgepackt. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Nur etwa einen halben Kilometer nachdem wir die Grenze passiert haben geschieht das Unglück…

Videophilmer

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Zum besseren Verständnis eine kleine Zusatzinfo: An einem Fahrrad gibt es viele Teile, die kaputt gehen können. Solange man nicht in der kompletten Wildnis unterwegs ist, kann man die meisten davon recht unkompliziert bei einem Fahrradladen unterwegs nachkaufen. Die meisten. Denn ein Teil an Fahrrädern ist so individuell und herstellerabhängig, dass so gut wie kein Fahrradladen es in der richtigen Größe vorrätig hat. Dieses Teil ist etwa daumengroß, verbindet das Schaltwerk vom Fahrrad mit dem Rahmen und heißt „Schaltauge“. Ein weiser Radfahrer besorgt sich sein passendes Schaltauge also ein paar Wochen vor seiner Tour. Denn wenn es während einer großen Tour bricht und man hat keinen Ersatz dabei, hat man in der Regel zwei Optionen:

  • Die Kette kürzen und nur noch mit einem Gang weiterfahren (kein Spaß bei Bergtouren)
  • Die Tour abbrechen.

Unglück

…als wir endlich die tschechische Staatsgrenze überquert hatten, machte es einige Meter vor mir also plötzlich laut *knack* gefolgt von einem Fluchen. Ein Schaltauge war gebrochen. Sofort kam die Frage im Team: Hast du Ersatz? – Nein. Wer hat noch eins dabei? – Zwei hatten. Doch wie schon gesagt, Schaltaugen sind sehr individuelle Ersatzteile, und sie passten nicht. Was also tun? Man findet in einem top sortierten Fahrradladen in einer Großstadt meistens schon kein passendes Schaltauge. Mitten in der Pampa der deutsch-tschechischen Grenze – an einem Sonntag – noch viel weniger.

Fahrradpanne kurz nach der Grenze. Foto: Philipp Kudella | Videophilmer

Fahrradpanne kurz nach der Grenze. Foto: Philipp Kudella | Videophilmer

Wir mussten also MacGyvern: Von den zwei verfügbaren Schaltaugen wurde kurzerhand das genommen, welches am ehesten passte. Damit es montierbar wird, mussten wir das überschüssige Aluminium aber irgendwie  abschleifen. Mit der Hilfe eines Schweizer Taschenmessers sowie einem zum Schleifstein umfunktionierten Grenzstein gelang es uns aber schließlich doch wie durch ein Wunder, das Fahrrad wieder fahrtüchtig zu kriegen. Ein paar zweckentfremdete Flicken und Schrauben komplettierten das etwas exotisch wirkende Gesamtwerk. Aber die Ersatzkonstruktion schien zu halten. Unser Chefmechaniker hatte wirklich alles aus seiner Trickkiste geholt. Wir konnten unsere Tour wieder aufnehmen.

Videophilmer

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Angekommen in Wildstein waren wir sehr über das günstige und reichhaltige Essen überrascht. Radfahren macht hungrig, und unsere Körper machten deutlich, dass sie sich nicht mit ein paar Müsliriegeln zufrieden geben werden. Scharfer Camembert als Appetitanreger gefolgt von einer Rinderkraftbrühe als Vorspeise, zweierlei Schnitzel mit Pommes als Hauptgang, abgerundet durch einen mit Eiscreme und Eierlikör gefüllten Palatschinken. Natürlich durfte das abschließende Verdauerli nicht fehlen. Wir lebten wie Könige. Prost!

Mit einem ebenfalls deftigen Frühstück wurde am nächsten Tag wieder Fahrt aufgenommen. Über Klingenthal ging es nach Johanngeorgenstadt. Wieder durften wir atemberaubende Naturflecken erleben und das nicht einmal 250km von unserer fränkischen Mainschleife entfernt. Von sumpfigen Moorpassagen bis hin zu unbarmherzig steilen Skipisten war fahrtechnisch alles dabei.

Pause am Bach. Foto: Philipp Kudella

Pause am Bach. Foto: Philipp Kudella

Der fünfte Fahrtag führte uns noch tiefer hinein ins Erzgebirge. Auch mehrere Mountainbike-Hotspots wie der Stoneman Miriquidi oder das Trailcenter Rabenberg lagen auf unserer Route. Dabei wurden wir öfter auf unsere Herkunft angesprochen: Das große „Würzburg“ auf unseren Trikots führte oft zu Fragen von anderen Touristen, wie: „Was, ihr kommt aus Würzburch?! Aber doch nicht an einem Tag oder?!“. Das Ziel des Tages war das verschlafene tschechische 1000-Seelen-Nest Kovářská. Hier wollten wir unseren Pausentag einlegen.

Unseren Ruhetag verbrachten wir größtenteils mit  Tennisspielen, Slacklinen, Kartenspielen und der Fahrradwartung. Es war angenehm, nach 5 Tagen einmal nicht im Sattel sitzen zu müssen.

Typisches tschechisches Gericht: Knödel mit Gulasch. Foto: Philipp Kudella

Typisches tschechisches Gericht: Knödel mit Gulasch. Foto: Philipp Kudella

Die nächsten zwei Tage führten uns noch weiter hinein in das Erzgebirge, während wir permanent von der tschechischen zur deutschen Grenze hin- und herwechselten. Die Schönheit der Landschaft erreichte dabei neue Höhepunkte. Uns fielen aber mehrmals mysteriöse Helikopter auf, die uns auf beiden Seiten in den Waldgebieten zu folgen schienen – und eine Art Pulver ausstreuten. Ein wenig später löste ein Gastwirt aber das Rätsel, als er uns erklärte dass diese Substanz Kalk ist, der wegen den übersäuerten Böden ausgestreut wird.

Der siebte Etappentag führte uns schließlich zu unserer letzten tschechischen Unterkunft auf unserer Reise: Dem Komari vizka (Mückentürmchen) nahe Fojtovice. Der Name war glücklicherweise nicht Programm. Die spektakuläre Aussicht auf die 600 Höhenmeter tiefer liegende Stadt Teplice und Umgebung nutzten wir um ein paar Langzeitbelichtungen vom Sternenhimmel aufzunehmen. Ein letztes Mal genossen wir auch die fleisch-, knödel- und bierlastige tschechische Küche.

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Am nächsten Morgen galt es die letzten knapp 60 Kilometer nach Bad Schandau zu bewältigen. Auch wenn das Wetter zu Beginn eher neblig-regnerisch war, konnte es unsere gute Laune nicht wirklich trüben: Die meisten Höhenmeter auf dieser Tour hatten wir schon bewältigt – heute würde es größtenteils nur noch bergab gehen. So erreichten wir nach 516,96 Kilometern und 8 gefahrenen Tagen schließlich Bad Schandau an der Elbe. Wir hatten es alle geschafft. Auch das am dritten Tourtag notdürftig reparierte Schaltauge hatte 300 Kilometer standgehalten. Der Blick auf die Sächsische Schweiz ließ uns wieder die Kameras zücken. Beim alljährlichen Dorffest am Rande der Elbe ließen fünf Franken den Abend dann standesgemäß ausklingen.

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