Grauer Tag im August. Foto: Theater Ensemble
Grauer Tag im August. Foto: Theater Ensemble

Ein grauer Tag im August

Grenzen der Welt

An vielen Orten in der Welt, so in Europa oder den USA, werden Grenzen verstärkt in dem Glauben, jene Bollwerke könnten die gegenwärtigen Flüchtlingsströme stoppen. Man wolle Terror und Kriminalität, scheinbare Begleiter jener Flüchtlinge, verhindern, wolle damit zusammenhängende Probleme durch riesige Zäune draußen halten.

Solch ein Ansinnen ist sicherlich logisch: Indem man Grenzen ausbaut, schützt man das eigene Land und die eigene Bevölkerung. Dennoch: Solch vordergründig logisches Gebaren der Politik ist dann doch tiefgründig einfach kurzsichtig gedacht: Größere Zäune, dichtere Mauern lösen die Probleme nicht: Die, die in Not und Elend aufwachsen, werden sich dennoch aufmachen und ihr Heil in einer besseren Welt suchen.

Probleme

Und? Derartige Grenzen lösen die Probleme nicht nur, sie verschärfen sie auch noch. Die Notleidenden werden an jene Grenzen gelangen – und sich NICHT abhalten lassen von jenen unüberwindlich geltenden Anlagen. Sie werden es erst recht versuchen!
Warum also die Forderung nach stärkeren Grenzen, größeren Zäunen. Nach Mauern?

Schranken

Jene Forderungen entlarven breite Teile der sich bedroht fühlenden Gesellschaft: Man könne nicht die ganze Welt retten … Man müsse ja nicht fliehen, könne zurück in das von Pein und Hunger gekennzeichnete Dasein … Und sich bedroht fühlende Gemeinschaft könnte durch meterhohe Mauern leichter die Augen verschließen und den im Elend Vegetierenden nicht beim Sterben zuschauen müssen.

Ist die Geschichte nicht ein wenig ironisch zu uns? Diejenigen, die auf der anderen Seite jener als unüberwindlich geltenden Grenzen stehen, werden diese überhohen Schranken zu überwinden versuchen, um den möglichen Tod dabei ahnend … Erinnern sie uns in dem Augenblick nicht an das, was wir nicht sehen – wollen? Mahnen sie uns nicht, dorthin zu blicken, wo Leid und Bedrängnis das Leben in seiner Grundlagen herausforden?

Schiller

Grenzen hätten Tyrannenmacht!, schrieb einst Schiller. Gar soweit muss man nicht gehen. Aber man muss sich sicherlich fragen, welche Funktion eine Grenze in der heute globalen, miteinander vernetzten Welt noch hat? Gerade die gegenwärtige Zeit fordert uns heraus, über diese engen Anlagen hinauszuwachsen und uns den Möglichkeiten des globalen Zusammenwachsens zu stellen.

Grenzen trennen nicht nur Räume und Territorien: Sie trennen das menschliche Vermögen von dessen Unvermögen, scheiden das menschliche Verstehen vom magischen Unverständnis, das Sehen vom Vermuten, das Wissen vom Glauben.

Eigene Begrenztheit

Es ist, als wollen Grenzen dazu anhalten, dass der Mensch sich seine eigene Begrenztheit eingesteht, gleichwohl aber herausgefordert wird, über diese eigene Begrenztheit hinauszugehen, in dem Sinn, dass der Mensch seine eigenen Grenzen erkennt, diese alsdann, auch schmerzlich, benennen und bestimmen kann, aber dadurch über sich erfährt, wo er beginnt, wo er aufhört, was und wer er ist.

Neue Grenzen

Grenzen, in dem Sinn verstanden, schränken den Menschen, sein Wesen, sein Denken und sein Dasein nicht ein; vielmehr fordern sie heraus, vielmehr motivieren sie, vielmehr entfachen sie im Menschen jene typisch menschliche Kraft, zu träumen und in den Träumen das Wirkliche zu sehen, das Notwendige, das Umsetzbare.

Schon Novalis hat hierzu einmal Folgendes geschrieben: „Alle [Grenzen] sind bloß des Übersteigens wegen da.“ Setzt man Grenzen, fordert man sich dazu auf, diese Grenzen zu hinterfragen, mit dem Ziel, diese Grenzen zu übersteigen, mit dem Eingeständnis, dadurch neue Grenzen setzen zu müssen.

Bauen wir also riesige Sicherheitsanlagen auf, ziehen wir meterhohe Zäune, dann fordern wir diejenigen heraus, die aus Not und Elend flüchten, jene Absperranlagen zu überwinden.

Hoffnung

Es ist ein nachvollziehbarer menschlicher Wunsch, jene Sperranlagen nicht als Grenze der eigenen Wirklichkeit zu betrachten, sondern vielmehr als Spielweise der Träume in der Hoffnung, dass in jenen Träumen der Weg über diese Sperranlagen geboren wird.

So bemerkt man es in Ungarn, in Spanien und in Italien: Die Flüchtenden lassen sich nicht durch riesige, unüberwindlich wirkende Zäune von Europa abhalten; sie wagen dasjenige, was unter unseren menschlichen Bedingungen als unmöglich gilt, wagen das, was ihr Leben fordern kann und bisweilen auch wird. Es ist kein Geheimnis, dass jene Flüchtenden lieber ihr Leben in die Waagschale des einen Versuches werfen, als das Leben schrittweise aufgeben zu müssen gegenüber dem Hunger, dem Krieg, der Qual vor Ort.

Verzweiflung

Grenzen, werden sie im politischen Raum missbraucht, haben eine unmenschliche Wirkung: sie entblößen einerseits die Kaltherzigkeit derer, die jene Anlagen bauen, andererseits beweisen sie die Verzweiflung derer, die dennoch versuchen, über jene Anlagen zu gelangen. In der Art verstanden offenbaren Grenzen die Tragik unserer Zeit. Als ob man aus der Geschichte nichts gelernt habe, als ob die Geschichte gerade daneben steht und sarkastisch lacht.

Ein grauer Tag im August

Am 29. Juni und am 02. Juli wird das erfolgreiche Theaterstück „Ein grauer Tag im August“ im Theater-Ensemble in Würzburg neu aufgeführt werden; es erinnert an den Bau der Berliner Mauer, an die Maßnahme zur Verstärkung der innerdeutschen Grenze.

Es erinnert daran, was Unrechtsregime Menschen antun können und werden; es zeugt noch heute davon, was Menschen auf sich nehmen in ihrer Not und ihrer Verzweiflung; es mahnt noch heute, dass man Menschen nicht davon abhalten kann, in Freiheit, Wohlstand und Glück zu flüchten, in ein besseres Leben, jenseits von allseitiger Bedrohung.

Theaterstück

„Du gehst einfach nur los: Immer einen Schritt weiter, immer einen Meter weiter, immer weiter! Du gehst einfach nur: Der Asphalt der Straße verändert sich nicht, der Geruch verändert sich nicht – der Himmel verändert sich nicht, die Welt – scheint sich nicht zu verändern.“, sagt die Hauptfigur Müller im Stück, als er vor dem Brandenburger Tor steht und Richtung West-Berlin schaut.

Du gehst einfach nur los! Es ist ein einfacher Satz, aber er besitzt Sprengkraft: Er macht Grenzen nicht überflüssig, aber er fragt nach der Notwendigkeit, dem Nutzen, er hinterfragt Schranken nicht, aber er fragt nach der Umsetzung der Trennung.

Herausforderung

Menschen benötigen scheinbar jene Grenzen, denn diese geben Orientierung, Halt und Sicherheit, zumindest suggerieren sie das. Vielmehr aber brauchen Grenzen uns, denn durch uns können Grenzen etwas Positives, etwas Herausforderndes entwickeln, gleichzeitig aber auch jene Tragik entfachen, die wir aus der Geschichte kennen, gleichwohl aber auch aus der derzeitigen politischen Gegenwart.

Inhalt

Das Stück erzählt diese Tragik von Grenzziehungen, die den Menschen nicht positiv herausfordern sollen, vielmehr diesen einschränken, gefangen halten, klein machen. Das Stück erzählt deutsche Zeitgeschichte mit Wirkung auf die Gegenwart: Es fragt nach dem Sinn von Grenzziehungen, nach der Notwendigkeit, ein Gefühl zu akzeptieren, das weder vernünftig noch menschlich ist, vielmehr einfach nur blind zu sein scheint für die Not des Mitmenschen. Das Stück fragt nach der Tragik des Politischen, am Beispiel des Baus der Berliner Mauer 1961.

Spielzeiten

Das Stück am Donnerstag den 29. Juni und am Sonntag den 2. Juli, jeweils um 20:00 Uhr vom Theater Ensemble auf der Bühne-Bürgerbräu dargeboten.

Der Artikel beruht auf einer Pressemitteilung des Theater Ensembles.

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