Dr. Andrea Behr mit den Nonnen der Klinik. Foto: Dr. Andrea Behr
Dr. Andrea Behr mit den Nonnen der Klinik. Foto: Dr. Andrea Behr

Eine Würzburger Zahnärztin in Ecuador

Ärztliche Versorgung am anderen Ende der Welt

Die Deutschen und damit natürlich auch die Würzburger können sich an einer Infrastruktur mit zahlreichen hervorragenden Zahnärzten erfreuen. Jederzeit besteht die Möglichkeit bei kleinen und großen gesundheitlichen Problemen einen Arzt aufzusuchen und diese bestmöglich beheben zu lassen. Dazu kommt, dass in Deutschland extrem hohe Standards herrschen und die Ärzte mit der neuesten und für den Laien abgefahrensten Technik arbeiten können. Doch manchmal wissen wir das gar nicht so richtig zu schätzen und nehmen diesen Luxus als ganz selbstverständlich hin.

Wie sieht es aber in anderen Teilen der Welt aus? In Teilen der Welt, an denen Zahnärzte, ja generell Ärzte extrem rar sind? Und die Technik veraltet? An wen wenden sich die Leute vor Ort?

Zahnärztin auf Reisen

Das dachte sich auch Dr. Andrea Behr von „Wir sind Zahnärzte – Dr. Behr & Dr. Trojanski“ und entschied sich daher im Oktober 2016 für eine Reise nach Ecuador, um den Menschen vor Ort mit den einfachsten Mittel zu helfen und wieder ein Lächeln zu schenken.

Am 28. September 2016 startete sie zusammen mit ihrer Prophylaxeassistentin Magali Richter ihre ca. einmonatige Expedition vom Frankfurter Flughafen und reiste zunächst nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Nach einem zweitägigen Aufenthalt ging es weiter nach Loja und von dort in die Ortschaft Guadalupe. Dort traf sie sich im Clinica Misional des Förderkreis Clinica Santa Maria e.V. mit einem deutschen Zahntechniker und einer amerikanischen Allgemeinärztin. Gemeinsam traten sie an, um der großen Flut an behandlungsbedürftigen Menschen in diesem Teil Ecuadors Herr zu werden. Die Dentalexperten wurden in der Ortschaft sehr herzlich empfangen, für Kost und Logie für Frau Dr. Behr sorgten die Nonnen des ansässigen Klosters.

Patienten reisen mehrere Stunden für Behandlungen

Bei den zahlreichen Behandlungen standen Dr. Andrea Behr stets zwei einheimische Assistenzen zur Verfügung. Die beiden Helferinnen Lida und Mariana unterstützen die Ärztin tatkräftig bei den Behandlungen der Patienten. Da Zahnärzte in Ecuador eine Rarität sind, reisten die Patienten im Umkreis von ca. 100 Kilometer an und nahmen dafür sogar mehrstündige Fahrten auf sich. Teilweise übernachteten sie auf den Straßen, um am nächsten Tag behandelt werden zu können.

Einfachste Mittel

Die Arbeit vor Ort wurde neben dem fehlenden Personal auch noch durch die wenigen verfügbaren Mittel erschwert. Bei den Behandlungen konnte Dr. Andrea Behr auf lediglich zwei sehr alte Behandlungsstühle zurückgreifen, die für die Masse an Patienten nicht ausreichend war. Von jeweils 8:00 bis 12:00 Uhr und von 13:00 bis 17:00 Uhr, setzte Dr. Andrea Behr alles daran, die Zahnschäden eines jeden Patienten zu beheben.

Neben einer allgemeinmedizinischen Station und einer kleinen Brillenstation, befand sich auch ein kleines Labor in der Klinik. Hier konnte die Ärztin benötigte Prothesen für die Patienten fertigen um den Patienten wieder ein vollständiges Lächeln ins Gesicht zu zaubern. In ihrer Zeit vor Ort, legte sich die Ärztin mächtig ins Zeug um in der begrenzten Zeit, so vielen Patienten wie nur irgendwie möglich zu helfen. Die Zahlen sprechen hierbei für sich:

  • Extraktionen: 96
  • Prothesen: 121
  • Füllungen: 398
  • Kinderbehandlung: 36
  • Wurzelbehandlungen: 66

Auch in Ecuador googeln die Patienten

Die eigentliche zahnärztliche Behandlung besteht in Ecuador in den allermeisten Fällen daraus, dass die Zähne gezogen und Prothesen eingesetzt werden. Über „Mund-zu-Mund“-Propaganda hat sich dort schnell herumgesprochen, dass eine deutsche Zahnärztin vor Ort ist, die nicht als erste Lösung Zähne zieht und mit Wurzelbehandlungen, etc. versucht, kranke Zähne zu erhalten. Dadurch kamen viele Patienten aus der Umgebung und sogar entfernteren  Städten und fluteten förmlich die Klinik.

Eine interessante Anekdote konnte uns Frau Dr. Behr hierzu erzählen: „Die Rezeptionskraft Marina fragte mich eines Tages, was denn Jameda sei. Ich antwortete ihr, dass das ein Arztbewertungsportal in Deutschland ist. Sie meinte dann deswegen hätten an einem Tag 140 Patienten angerufen. Vor der Klinik hing nur ein Zettel mit der Aufschrift: „Diesen Monat ist hier Zahnärztin Andrea Behr Alemania.“ Auch in Südamerika googlen also die Patienten mittlerweile.“

Fragliche Behandlungsmaßnahmen in ärmeren Gegenden

Der Unterschied zwischen Stadt und Land und arm und reich ist so in Ecuador sehr groß, wodurch in ärmeren Gegenden zum Teil sehr fragwürdige Behandlungstechniken Usus sind. Beispielsweise legen die Patienten laut Frau Dr. Behr sehr großen Wert auf Frontzahnästhetik, jedoch wird in dieser Region Ecuadors keine Kieferorthopädie angeboten. So gibt es einheimische „Quacksalberzahnärzte“, die von Hütte zu Hütte gehen und junge Mädels mit 14, 15 Jahren fragen, ob sie gerade Zähne möchten. Sobald diese Mädchen das bejahen, werden die schiefen, dennoch gesunden Frontzähne gezogen und sie bekommen eine Prothese mit geraden, künstlichen Zähnen. Und diese „Körperverletzung“ werde laut Frau Dr. Behr nicht einmal hinterfragt, denn: „Was Dottore sagt, ist immer richtig!“

Fazit: Hilfsprojekte benötigen mehr Arbeitskraft

Frau Dr. Behr und Frau Richter konnten in dem Monat in Ecuador vielen Menschen helfen und ihr Lächeln ein Stück weit zurückgeben. Die Beiden haben Kost und Logie zur Verfügung gestellt bekommen und haben die Arbeit im Sinne der humanitären Hilfe ohne Bezahlung gemacht. Ihrer Mitarbeiterin hat Frau Dr. Behr ihren Lohn und die Reisekosten aber bezahlt, denn genau dies sei laut der Zahnärztin das Problem bei Hilfsprojekten.

„Es ist natürlich wichtig, dass die Menschen Geld und Naturalien spenden, aber ebenso wichtig wäre die Spende von Arbeitskraft. Als angestellter Zahntechniker kann man für so ein Projekt keine sechs Wochen der Arbeit fernbleiben, ohne den Job oder Geld zu verlieren!“, so Andrea Behr. „Bei derartigen Projekten sind daher häufig Studierende oder Ärzte im Ruhestand im Einsatz. Dabei würden viel mehr erfahrene Ärzte gebraucht, deren Know-How auf aktuellem Stand ist.“

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