Der lange Weg zur Professur – Foto: Pascal Höfig
Der lange Weg zur Professur – Foto: Pascal Höfig

Entschlossen auf dem Weg in die Wissenschaft

Harter Weg zur Professur

Der Weg zur Uni-Professur ist kein einfacher. Als junger Forscher muss man heutzutage Geld heranschaffen, Studenten unterhalten, Tagungen organisieren, Papierkram erledigen und Aufsätze schreiben, noch bevor man den Doktortitel in der Tasche hat. Dieser Druck kann zu außergewöhnlichen Projekten führen, wie unsere Reportage beweist.

Institut für Romanistik

Sobald man den steilen Berg zum Hubland-Campus der Universität Würzburg erklommen hat, ist der Weg zur Philosophischen Fakultät nicht mehr weit. Der Gebäudekomplex wirkt nicht besonders modern, dafür umso verwinkelter. Gleiches sagt man über die Geisteswissenschaften. Wir haben ein Rendezvous mit Julius, der als junger Forscher am Institut für Romanistik angestellt ist, das sich mit den Sprachen, Literaturen und Kulturen der romanischen Länder beschäftigt. Ein Lageplan weist uns den Weg durch das Gebäudelabyrinth. Im Zentrum des quadratisch angelegten Bau 5 liegt ein grün bewachsener Innenhof im Dornröschenschlaf. Das Institut befindet sich im ersten Stock. Am Ende des Gangs steht eine Tür offen. Die Begrüßung ist herzlich. Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee.

Nebenbei zum Doktortitel

Julius Goldmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Französische und Italienische Literaturwissenschaft. Derzeit schreibt er an seiner Doktorarbeit über die italienische Literatur des 20. Jahrhunderts. Er sitzt fest, aber bequem in seinem Bürostuhl, nippt genüsslich an seiner Kaffeetasse und sinniert dabei über die Wissenschaft: „Die Wissenschaft schläft ja bekanntlich nie, deshalb sollte man stets genug Kaffeebohnen im Schrank haben“, schmunzelt der 32-jährige Franke. Die akademische Karriere sei bereits seit Beginn seines Studiums eine interessante Option für ihn gewesen: „Ich mag es, vor Studierenden zu sprechen. Das Wichtigste ist dabei, komplexe Gedanken verständlich zu vermitteln.“

Wissenschaftler oder doch ein Narr

Gleichzeitig erhalte man in der akademischen Ausbildung ein allgemeines Grundwissen der jeweiligen Fachrichtung, lerne jedoch auch, sich fokussiert mit nur einigen wenigen Spezialthemen auseinanderzusetzen. „In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit dem hier weniger bekannten Italiener Carlo Emilio Gadda und seiner Literatur. Wenn man sich beruflich mehr als drei Jahre lang jeden Tag nur einer einzigen Person widmet, dann ist man entweder ein leidenschaftlicher Wissenschaftlicher oder ein verrückter Narr. Am Ende wird man wohl beides“, sagt Goldmann und lacht.

Prekäre Situation im Mittelbau

Er zählt zum sogenannten akademischen Mittelbau, der größten Mitarbeitergruppe im universitären Bildungssektor. Das Statistische Bundesamt geht in seinem Vorbericht zur Personalsituation an deutschen Hochschule im Jahr 2014 von knapp 330.000 Mitarbeitern aus, die keinen Lehrstuhl inne haben und deshalb als „Mittelbauer“ gelten. Jene Angestellten sind überwiegend mit befristeten Verträgen ausgestattet. Berufliche Sicherheit fehlt. Dennoch wird ein Großteil der alltäglichen Arbeit vom Mittelbau bewältigt – in Lehre, Forschung und Verwaltung.

Vita muss tiptop sein

Gleichzeitig muss man sich auch um die eigene Vita kümmern, wie auch Goldmann weiß: „Heute muss man Aufsätze und Bücher publizieren, Drittmittel einwerben, Gremienarbeit verrichten, Vorträge halten, Fortbildungen besuchen, den Studenten eine gute Lehre bieten – und all das bereits während der Promotion.“ Gleichzeitig garantiert ein perfekter Lebenslauf noch lange keine Professorenstelle: Die Chancen auf eine Professur sind durch die hohen Mitbewerberzahlen vor allem in den Geisteswissenschaften derzeit sehr gering. Neben der immer wichtiger werdenden Drittmittelakquise stehen insbesondere Umfang und Qualität von wissenschaftlichen Publikationen im Fokus, wenn es um die begehrten Lehrstühle geht.

Publikationen sind A und O

Publikationen sind die Visitenkarten eines jeden Geisteswissenschaftlers. Sie bieten dem künftigen Vorgesetzten einen Einblick in die jeweilige Arbeitsweise. Doch genau an dieser Stelle wird ein Problem deutlich: Gerade für junge Forscher ist das Publizieren besonders schwierig. Renommierte Fachzeitschriften werden in der Regel von Professoren herausgegeben, die häufig lieber unter sich bleiben. Die Veröffentlichung von Büchern wie zum Beispiel der eigenen Abschlussarbeit scheitert oft daran, dass Verlage Druckkostenzuschüsse verlangen. Und die sind für Nachwuchswissenschaftler meist unerschwinglich. Dabei sollte man die Publikationsliste schon in jungen Jahren füllen, will man eines Tages Professor werden. Ein Teufelskreis.

Eigene Fachzeitschrift

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, kam Goldmann mit sechs weiteren Kollegen aus der Würzburger Romanistik auf eine Idee: Was wäre, wenn eine Fachzeitschrift mal nicht von Professoren für Professoren, sondern von Nachwuchswissenschaftlern für Nachwuchswissenschaftler herausgegeben werden würde? Aus dieser Idee wurde schnell ein ehrgeiziges Projekt. Dabei herausgekommen ist die Zeitschrift „promptus – Würzburger Beiträge zur Romanistik“, die einmal jährlich erscheint. Das auffällig moderne Coverdesign hat nichts mit dem verstaubten Bild der Geisteswissenschaften gemein: Die lateinische Bezeichnung promptus bedeutet so viel wie „mutig“ oder „entschlossen“ und charakterisiert das junge Herausgeberteam treffend, denn die sieben Würzburger Romanisten haben auf eigene Faust einen Verein und einen dazugehörigen Verlag gegründet.

Partys für die Wissenschaft

Darüber hinaus wurden eigenständig Gelder für den Druck der Zeitschrift akquiriert. Das Team wählte dabei einen Weg, der in der Wissenschaft eher ungewöhnlich erscheint: „Zu Beginn eines jeden Semesters organisieren wir in Zusammenarbeit mit einem Würzburger Club eine Party. Die Erlöse werden unserem Verein dann gespendet“, berichtet Goldmann. Mit dem Geld finanzieren die Herausgeber den Druck der Zeitschrift, fördern allerdings auch Nachwuchstagungen, organisieren Vorträge und denken derzeit über die Vergabe einer Auszeichnung für besonders engagierte Nachwuchswissenschaftler nach, wie Goldmann verrät: „Unser Ziel ist es, dem Nachwuchs eine Plattform zu bieten und Perspektiven aufzuzeigen. Viele gute Wissenschaftler verlassen das Uni-System leider viel zu früh, weil sie frustriert sind.“

Beruf und Berufung

Am Ende unseres Gesprächs gießt sich Goldmann einen Kaffee ein. Auf der großen Pinnwand an der linken Seite des kleinen Büros wacht eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Carlo Emilio Gadda über Goldmanns Arbeitseifer. Für Goldmann ist Wissenschaft mehr als nur ein Job wie jeder andere. Für ihn ist Wissenschaft Beruf und Berufung zugleich.

Winterlicher Lesestoff

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