Die Neubaustraße in Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Die Neubaustraße in Würzburg - Foto: Pascal Höfig

Es tut sich was: Städtebauliche Entwicklung in Würzburg

Megatrend städtebauliche Entwicklung

Das Thema Wohnen in Städten wird langfristig ein ganz zentrales bleiben, denn in zunehmendem Maße finden die Menschen dort all das vor, was es zum Leben braucht – Arbeit, Infrastrukturen zur Versorgung der alltäglichen (und manchmal auch der weniger alltäglichen) Bedürfnisse, Wohnraum. Als Ballungszentren mit einem eingeschränkten Entfaltungspotenzial sind die Städte allerdings auch vor eine Vielzahl von Herausforderungen gestellt, für die es Lösungen braucht.

Eine dieser Herausforderungen ist die demografische Entwicklung, bei der sich schon seit längerer Zeit verschiedene Trends abzeichnen. Da ist zum einen ein – mit regionalen Unterschieden versehener – allgemeiner Rückgang der Bevölkerungszahl zu verzeichnen oder wenigstens eine deutliche Verlangsamung des Bevölkerungszuwachses. Das geht einher mit einer merklichen Alterung der Gesamtbevölkerung auf der einen und einer fortschreitenden Internationalisierung auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite verzeichnen gerade viele Städte gegenläufige Wachstumszahlen, weil es die Menschen wieder genau dorthin zieht.

So sind es diese Städte, die sich angesichts der vielfältigen Lebensstile mit ihren wechselnden Lebenslagen mit der schwierigen Aufgabe betraut sehen, bei der Gestaltung ihrer Raum- und Infrastrukturen dem Bedarf ihrer Einwohner nach Flexibilität nachzukommen. Was sich nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen der Altersgruppen, sondern auch vor dem Hintergrund der immer wichtiger werdenden nachhaltigen Entwicklung und dem Platzproblem von historisch gewachsenen Städten als äußerst komplexes Thema erweisen kann.

Auswirkungen des demografischen Wandels

Und noch dazu zu paradoxen Entwicklungen führt. Gemessen am Rest Bayerns ist die Bevölkerungsentwicklung in Würzburg rein zahlenmäßig auf einem stabilen Niveau, wenn man den Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik Glauben schenkt. Das ist in gewisser Weise mit „gleichbleibend“ zu übersetzen. Dennoch bewegt sich die Nachfrage nach Wohnimmobilien weiterhin auf einem hohen Niveau. Aus verschiedenen Gründen:

  • Immobilien sind und bleiben in der anhaltenden Zinsumgebung ein bevorzugtes Ziel für Investitionen.
  • Gleichzeitig entstehen aber nur in überschaubarem Maße Möglichkeiten für Neubauten, insbesondere im Bereich der Innenstadt fehlt schlicht und ergreifend der Platz – jedenfalls solange keine Bestandsgebäude dafür weichen.
  • Die Konkurrenz um den vorhandenen Wohnraum ist groß, obwohl sich längst nicht alle Interessenten alle Angebote leisten können. Gleichzeitig überschneiden sich die Wünsche verschiedener Gruppen – etwa von Studenten und jungen Familien – hinsichtlich der Größe und der Ausstattung der Objekte.
  • Die anhaltende Nachfrage wiederum bedingt besonders für die Innenstadt ein hohes Preisniveau, was dazu führt, dass etwa Familien außerhalb nach Alternativen suchen. Mittel- bis langfristig dann wohl mit ähnlichen Folgen für die Preise.

Ein Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept für Würzburg

Diese Schwierigkeiten sind nur bedingt neueren Datums, weswegen die Stadt Würzburg schon vor einigen Jahren ein umfassendes gesamtstädtisches Konzept für die weitere Stadtentwicklung beschlossen. Das „Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept ISEK“ entstand zwischen 2010 und 2012 und konnte sich unter anderem bereits auf das Grundprogramm der Städtebauförderung und weitere Programme wie „Stadtumbau West“ und „Soziale Stadt“ beziehen. Hier gibt es mit Zellerau, Lindleinsmühle und Heuchelhof H1 gleich drei Projekte aus dem Bund-Länder-Städtebauprogramm II „Soziale Stadt“. Für eines der Projekte, eine Wohnanlage in der Zellerau, erhielt die Würzburger Wohnungsbaugesellschaft Stadtbau im vergangenen Jahr den Deutschen Bauherrenpreis.

Aus den Erkenntnissen und Planungen dieser Projekte entstand letztlich eine zusammengefasste Analyse und Konzeption, in deren Rahmen Leitbilder und Ziele formuliert wurden – sowohl für die Gesamtstadt als auch für die einzelnen Stadtteile. Auf der Grundlage von einzelnen Stadtteilprofilen – inklusive einer Dokumentation der jeweiligen Bestände und einer Analyse der Stärken und Schwächen – konnten so Handlungsfelder für die Bezirke wie auch für die ganze Stadt definiert werden. Das heißt, neben dem ISEK Gesamtstadt bestehen außerdem ähnliche Konzepte für die Innenstadt, Heidingsfeld, Versbach und Lengfeld.

Stadtbildgestaltung zwischen historisch und zeitgenössisch

Es geht bei diesen Konzepten aber nicht allein darum, für neuen Wohnraum zu sorgen. In gleicher Weise gilt es, bei der (Neu- oder Um-)Gestaltung das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren und das ist nun einmal das Stadtbild in seiner Gesamtheit. Wie für alle historisch gewachsenen Städte ist dieses Erscheinungsbild von immenser Bedeutung, denn es spiegelt einerseits die Geschichte wider und stiftet zugleich Identität – es macht eine Stadt überhaupt erst zu der Stadt.

In Würzburg ist deshalb die Kommission für Stadtbild und Architektur dafür zuständig, die Stadtgestaltung zwischen den historischen Grundlagen und einer zeitgemäßen Entwicklung in der Waage zu halten. Dabei sollen gleichzeitig die Interessen aller betroffenen Gruppen berücksichtigt werden, ebenso wie die allgemeinen Anforderungen an die städtebauliche Entwicklung. Darunter fallen Faktoren wie die Gestaltungsqualität, Nachhaltigkeit als eines der großen Themen unserer Zeit sowie Wirtschaftlichkeit. Um die städtische Identitätsstiftung nicht negativ zu beeinflussen, sollen die Entscheidungsprozesse unter Einbezug der Bürger stattfinden.

Beispiel Innenstadt

Wie die unterschiedlichen Handlungsfelder aussehen können, die für die Gestaltung und Entwicklung von Belang sein können, zeigt das Beispiel der ISEK Innenstadt. Hier geht es unter anderem darum, den Bereich in seiner Wirkungsweise für Würzburg als Wohn-, Einkaufs- und Arbeitsstandort zu erhalten bzw. weiter zu stärken. Zu den Themenfeldern, an denen sich diesbezügliche Aufwertungs- und Entwicklungsmaßnahmen orientieren sollen, gehören

  • der Umgang mit dem historischen Erbe der Innenstadt,
  • die Schaffung bzw. Stärkung von Aufenthaltsqualitäten im Kern, in den Übergängen und den Randbereichen,
  • die funktionale Stärkung der vielfältigen Einzelhandelslagen,
  • eine Öffnung der Innenstadt zum Main,
  • die An-/Einbindung des Alten Hafens an die Innenstadt,
  • der Umgang mit dem Weltkulturerbestandort Residenz.

Bestandteil der Innenstadtgestaltung ist das Sanierungsgebiet „Kaiserstraße – Bahnhofsvorplatz – Innenstadt“, das immerhin mehr als 235.000 Quadratmeter umfasst. Zum Vergleich: Am Hubland, wo derzeit hauptsächlich neuer Wohnraum entsteht, arbeitet die Stadtbau GmbH auf 12.000 Quadratmetern an der Fertigstellung von Wohnungen. Dazu kommen noch einmal geplante Wohnungsbauprojekte auf einer Fläche von 8.000 Quadratmetern. Selbst diese Zahlen vermitteln aber bestenfalls einen vagen Eindruck von den Dimensionen, die der Geltungsbereich für das besagte Sanierungsgebiet einnimmt.

Eine Frage des Geldes?

Entsprechend viel Zeit nimmt das Projekt in Anspruch, von den ersten Vorbereitungen bis zur voraussichtlichen Fertigstellung im Frühjahr 2018 sind dann insgesamt vier Jahre ins Land gegangen. Insgesamt werden dann, so Peter Wiegand, Abteilungsleiter der Fachabteilung Projektentwicklung und Stadtgestaltung, im Interview mit Würzburg erleben, rund fünf Millionen Euro in die Maßnahme geflossen sein.

Allerdings ist die Kaiserstraße auch ein Prestigeobjekt, mit dem nicht nur die Einwohner, sondern auch die Besucher eingefangen werden sollen. In dem Fall hat Attraktivität eben ihren Preis, wenngleich es selbst für die Ausstattung mit Stadtmöblierung inzwischen Lösungen gibt, die langfristig die Instandhaltungskosten senken können. Wie genau diese in der Kaiserstraßen letztlich aussehen wird, ist noch nicht entschieden. Anders sieht es hingegen mit der neuen Straßenbeleuchtung aus, die bereits installiert ist.

Vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet ist die Neugestaltung der Kaiserstraße damit allerdings eher ein Leichtgewicht. Jedenfalls nimmt sie sich neben Projekten wie der General-Sanierung der Hubland-Mensa als eines aus: Hier geht es um einen Umfang von insgesamt 50 Millionen Euro, von denen allein 2,5 Millionen Euro auf den Bau eines Mensa-Provisoriums entfallen. Eine notwendige Maßnahme allerdings, wenn die Versorgung aller Studenten mit Essen während der Sanierungsarbeiten gewährleistet bleiben soll.

Architektur und Menschlichkeit

Im vergangenen Jahr feierte das Würzburger Bewusstsein für die Bedeutung der Pflege des städtebaulichen Erscheinungsbildes im Übrigen ein Jubiläum. Seit nunmehr über 20 Jahren verleiht die Stadt mit dem Antonio-Petrini-Preis eine Auszeichnung für all jene Bauherren, die sich in besonderer Weise im Bereich der qualitätsvollen Architektur und dem nachhaltigen Städtebau verdient gemacht haben. Wichtigstes Auswahlkriterium ist die beispielhafte Wirkung, die die zum Wettbewerb angemeldeten Objekte haben sollten. Preisträger der elften Auflage der Verleihung war der Gebäudekomplex „Novum“ an der Schweinfurter Straße, dessen Dreiteilung (in Officium, Medicum und Forum) bereits die Multifunktionalität vorwegnimmt. Außerdem setzt „Novum“ Maßstäbe in Sachen Energieeffizienz.

Was bei aller städtebaulichen Notwendigkeit allerdings nicht aus den Augen verloren werden darf: Das Leben und die Lebensqualität in der Stadt werden nicht nur durch ihre architektonische Gestaltung beeinflusst, sondern maßgebend durch das Miteinander der Menschen. Was auch Lehramtsstudent Julian erkannt hat, der mit seiner Aufkleber-Aktion „SEID’S FREUNDLICH“ auf genau diesen Umstand hinweisen will – oder besser noch: auf die Defizite, die in seinen Augen im Umgang miteinander und in puncto Offenheit und Freundlichkeit noch aufgeholt werden können. Somit sind seine Aufkleber ebenfalls Teil der Stadtgestaltung geworden und sollen gleichzeitig bei der weiteren (wenn auch nicht architektonischen) Gestaltung helfen.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem externen Redakteur Malte Suder.

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT