Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Taxi Driver – Arbeitsleben on the road

Ein Beruf voller Klischees

„Wer keinen Job findet, der fährt eben Taxi“, „Taxifahren kann man dich nur als Nebenjob nutzen“ oder „Taxifahrer – das sind doch allesamt gescheiterte Studenten“: Kaum ein Beruf ist mit so vielen Klischeevorstellungen behaftet wie der des Taxifahrers. Wir haben uns mit dem Würzburger Taxifahrer Thomas unterhalten. Ein Gespräch über Klischees und ein Arbeitsleben on the road.

Hallo Thomas, du fährst seit nun schon 25 Jahren Taxi in Würzburg. wie bist du dazu gekommen? War das schon immer dein Traumjob?

Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Ich habe vor 25 Jahren BWL studiert und bin während der Studentenzeit schon Taxi gefahren, um mir ein kleines Taschengeld nebenher zu verdienen. Nach dem Studium habe ich dann einfach weiter gemacht.

Fährst du hauptsächlich tagsüber oder nachts?

Ich fahre hauptsächlich in der Nacht, früher sogar in der Weihnachtsnacht, da werden besonders viele Taxen angefordert und man verdient gutes Geld in kurzer Zeit. Allerdings sieht das heute anders aus: Ich habe jetzt Familie – und die wäre wohl nicht begeistert, wenn ich an Heiligabend arbeiten würde. Generell fahre ich nicht mehr so häufig. Ich habe zwar als Taxifahrer angefangen, mein Studium zum Diplomkaufmann hat aber dann doch den Unternehmergeist in mir geweckt. Nach einem Jahr als Taxifahrer habe ich mein erstes Taxi gekauft, mittlerweile gehören mir zwei Taxis und an zwei weiteren halte ich Anteile. Es gibt 138 Taxis von 70 Unternehmern in Würzburg, da ist es nicht mehr so einfach, eine Konzession für ein Taxi zu bekommen. Außerdem bin ich noch Gesellschafter bei der eKart-Bahn.

Inwiefern unterscheidet sich das Publikum tagsüber von den nächtlichen Fahrgästen?

Oh, da gibt es ganz gewaltige Unterschiede! Während tagsüber eher kranke oder ältere Menschen beziehungsweise Geschäftsleute ins Taxi steigen, wollen in der Nacht eher die Mitglieder der jüngeren Generation und Studenten gefahren werden. Aber insgesamt steigen wirklich die unterschiedlichsten Menschen ins Auto – vom Priester bis zum Freudenmädchen.

Was sind die gängigsten Ziele? Wohin musst du am häufigsten fahren?

Nachts hauptsächlich zum Bahnhof – oder von diesem wieder weg. Tagsüber sind die gängigsten Ziele Krankenhäuser, Altenheime  oder Ärzte; aber auch Einkaufsfahrten von älteren Menschen gehören dazu. Was die wenigsten wissen: Wir bieten auch Überführungen an. Sprich, wenn jemand abends in die Stadt gefahren ist, etwas getrunken hat und sich nicht mehr fit genug fühlt, um mit dem Auto zurück nach Hause zu fahren, kann er auch zwei Taxifahrer ordern. Einer fährt dann den Gast, der andere dessen Auto nach Hause. Das Ganze ist sogar versichert und kostet den Gast den doppelten Fahrpreis. Darüber hinaus wissen die wenigsten, dass wir auch Essen liefern. Der Gast bestellt bei einem Restaurant, das keinen Lieferdienst anbietet, ein Gericht; anschließend holt der Taxifahrer das Essen ab und fährt es zum Gast.

Steht man in Würzburg mit anderen Taxifahrern in Konkurrenz oder läuft das alles ganz geregelt ab?

Generell läuft schon alles sehr geregelt ab. Ab und zu kann es schon mal zu Übergriffen kommen. Manche Arbeitskollegen sind eben deine besten Freunde, manche deine besten Feinde. Falls es mal wirklich zu einer ernsten Auseinandersetzung kommen sollte, greift die Taxigenossenschaft ein. In dieser sind alle Taxiunternehmen untergebracht – somit gibt es nur eine große Taxizentrale in Würzburg. Die Taxizentrale ist ein Zusammenschluss aller Taxiunternehmen, die nicht auf Gewinnerzielung aus ist, sondern auf das Wohl der Fahrer. Die Unternehmer müssen pro Monat einen Beitrag zahlen, damit die Kosten der Zentrale für Personal und anderes gedeckt werden können. Die Zentrale vergibt übrigens auch die Aufträge. Geht ein Kundenanruf bei der sogenannten „Zentraleuse“ ein, wird der Auftrag in den Compu ter eingegeben. Dieser ermittelt über GPS-Daten den Taxifahrer, der dem Kunden am nächsten ist, und vergibt den Auftrag.

Kennst du denn alle Straßen Würzburgs?

Aber sicher doch! Zwar kann’s schon mal vorkommen, dass einem der ein oder andere Name entfällt, aber jeder Taxifahrer muss, um diesen Beruf ausüben zu können, eine sogenannte Ortskundeprüfung ablegen. Diese besteht aus mehreren Teilen – und man sollte die gut 1.000 Würzburger Straßen auch auswendig können. Zunächst muss man zu 20 Straßennamen den jeweiligen Stadtteil und eine angrenzende Straße nennen. Ähnliches wird man dann zu 20 Sehenswürdigkeiten gefragt. Im 3. Teil geht’s um eine Wegbeschreibung. Man bekommt beispielsweise gesagt: „Sie fahren von der Huberstraße zum Hauptbahnhof, beschreiben Sie die kürzeste Fahrtstrecke.“ Dann muss man eben alle Straßen aufzählen, die man entlangfahren würde. Das ist ziemlich anspruchsvoll. Nicht umsonst fallen auch viele durch, die denken, Taxifahren wäre ganz einfach. Die Prüfung kann man aber so oft machen, wie man möchte.

Wie siehst du das „Taxi-Geschäft“?

Es ist sehr schwierig geworden – ich würde sagen, eine goldene Nase verdient sich damit niemand. Eine Hürde war der Mindestlohn. Generell ist das natürlich eine schöne Sache, aber Gewinn bleibt dann nicht mehr viel. Es gab zwar kürzlich eine Tariferhöhung, aber darüber beschweren sich wiederum die Fahrgäste – von denen wiederum weniger Taxis nutzen. Das Geschäft ist also sehr eng. In Würzburg gibt es zu Schwachlastzeiten – zum Beispiel unter der Woche nachts – sogar fast zu viele Taxen. Freitag und Samstag zwischen 1 und 6 Uhr ist in der Regel am meisten los.

Und auch die Uniklinik ist ein wichtiger Arbeitgeber für uns Taxifahrer. Ebenfalls zu schaffen macht uns gesetzeswidrige Konkurrenz, wie etwa Uber. Das konkrete Beispiel gilt zwar nicht in Würzburg, aber die Kollegen in den Großstädten haben das schon gemerkt. Gott sei Dank wurde der Dienst in Deutschland ja verboten. Sowas schadet nicht nur uns Taxifahrern, sondern auch unseren Kunden, da die Anbieter weder über eine Insassen-Versicherung verfügen, noch Steuern zahlen geschweige denn eine Taxikonzession besitzen.

Wie viele Kilometer fährst du in etwa am Tag?

Das ist ganz unterschiedlich, so zwischen 60 und 200 km, in Ausnahmefällen können es schon auch mal 300 km werden. Je nachdem, wie lange die Wartezeiten ausfallen.

Kommt es auch mal vor, dass die Fahrgäste einfach nicht zahlen?

Ja, auch das kommt ab und zu mal vor. Ich würde aber niemandem raten, dann hinterher zu sprinten. Wer weiß, wie das ausgeht. Wenn jemand zweifelhaft erscheint oder besonders lange Strecken fahren will, sollte man sich die Fahrt vorab bezahlen lassen. Bei einem meiner Taxifahrer kam es schon vor, dass er einen Gast nach Leipzig fahren sollte. Dieser wollte kurz vor Leipzig an einer Raststätte eine Toilettenpause machen und – was soll ich sagen – er ward nie wieder gesehen.

Kannst du Fahrgäste auch ablehnen?

Grundsätzlich muss ich jeden fahren, außer es besteht Gefahr für Leib und Leben. Das heißt, ein guter Taxifahrer fährt einen auch, wenn man nur 100 Meter fahren will. Lasst Euch nicht einreden, dass eine Strecke zu kurz sein kann! Dafür gibt es schließlich den Grundpreis. Wenn jemand aber besonders aggressiv ist und dazu vielleicht auch noch stark betrunken, dann lehne ich schon mal eine Fahrt ab. Das ist aber eine absolute Ausnahme.

Jetzt hast du uns aber auf etwas gebracht. Wie teuer wird es, wenn man ins Taxi kotzt?

Hm, das wird teuer. Da kommt zunächst die Reinigung, wegen des Geruchs braucht es da auch ganz gerne mal eine Ozonbehandlung. Außerdem muss man den Leerstand des Taxis beachten. Wenn so etwas passiert, ist die Schicht für das Taxi in der Regel zu Ende – und aufgrund der Reinigung kann es im Schnitt zwei bis drei Tage nicht genutzt werden. Wenn jemand eine unglückliche Stelle erwischt und sich beispielsweise in die Lüftungsschlitze übergibt, muss das auch noch zerlegt werden. Sowas passiert zwar eher selten, kann dann aber zwischen 50 und 1.000 Euro kosten.

Was war denn die weiteste Strecke, die du in deiner Laufbahn gefahren bist?

Die weiteste Strecke habe ich abgelehnt, weil meine Frau an diesem Tag Geburtstag feierte – und ich ihr versprochen hatte, nach Hause zu kommen. Das wäre eine Fahrt nach Flensburg gewesen, da hat sich dann eben ein anderer Kollege gefreut. Heute würde das nämlich an die 700 Euro kosten. Ich selbst hatte zwei sehr lange Fahrten, einmal nach Straßburg und einmal nach Berchtesgaden.

Was ist der verrückteste Ort, an den du jemanden gefahren hast?

Wahrscheinlich die Brücke bei Reichenberg, auch wenn das nicht verrückt im amüsanten Sinne ist. Ein Stammgast bat mich um diese Fahrt – und da ich schon etwas misstrauisch war, fragte ich ihn, was er denn dort wolle. „Ich bring mich jetzt um“, sagt er. Er hat sehr ernst geklungen – und so habe ich während der Fahrt mit ihm gesprochen, über seine Familie und seinen Job. Schlussendlich konnte ich ihn doch noch von seinem Vorhaben abbringen – und er fuhr wieder mit mir zurück.

Was war das Gefährlichste, was dir jemals während einer Fahrt passiert ist?

Ach, es gab schon mal die ein oder andere wörtliche Bedrohung. Allerdings habe ich das Glück, nie mit einer richtigen Waffe bedroht worden zu sein. Würzburg ist in solchen Sachen eine relativ ruhige Stadt. Anders sieht das in Großstädten wie Frankfurt oder Berlin aus. Falls man aber doch mal Angst vor einem Fahrgast haben sollte, gibt es den sogenannten stillen Alarm. Sobald der Fahrer diesen auslöst, geht in der Zentrale eine Meldung ein. Außerdem können andere Fahrer am Taxischild sehen, dass der Alarm blinkt. Der Nachteil ist, dass der Alarm des Öfteren aus Versehen aktiviert wird. Sollte die Bedrohung aber ganz massiv werden, gibt es noch den richtigen Alarm. Dieser funktioniert ungefähr wie die Warnblinkanlage, nur mit Ton.

Was ist eigentlich die Sehenswürdigkeit in Würzburg, die du am häufigsten anfährst?

Die Festung. Einerseits, weil der Fußweg vielen zu beschwerlich ist; zudem finden dort oben sehr viele Kongresse und Tagungen statt.

Vielen Dank, Thomas, für die ausführlichen Antworten. Jetzt nur noch eine letzte Frage: Warum fährst du gerne Taxi?

Ganz einfach: Ich liebe Würzburg und meine unterfränkische Heimat; außerdem finde ich es toll, so vielen unterschiedlichen Leuten zu begegnen – naja, und Auto fahr ich schon auch ganz gern (lacht).

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