Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Fotografie: Oldschool (nicht nur) für Photoshopper

So wirken Digitalfotos wie aus der Zeit gefallen

Schwarz/Weiß-Fotos kann heute praktisch jede Foto-App auf dem Smartphone generieren und in den meisten professionellen Kameras sind solche Funktionen ab Werk integriert. Doch wer sie benutzt, der stellt meistens schnell fest, so richtig „wie früher“ sehen die Bilder dadurch nicht aus, bloß eben monochrom und noch genau so scharf wie das Original. Wer wirklich alt aussehende Fotos erstellen will, muss deshalb etwas mehr Aufwand betreiben – und am besten ein gutes Bildbearbeitungsprogramm auf dem Rechner haben. Wer dann noch ein wenig eingearbeitet ist, kann aus seinen Digitalfotos Bilder erstellen, denen höchstens ein Profi ansehen würde, dass sie 2016 geschossen wurden und nicht wie die Würzburg-Fotos anno 1935. Wie es geht, verraten wir auf den folgenden Zeilen.

1. Das richtige Drumherum

Bevor es allerdings ans computerisierte Eingemachte geht, muss das Foto erst einmal geschossen werden – und zwar richtig. Denn einer der vielleicht häufigsten Fehler ist nicht das Foto selbst, sondern vielmehr das Motiv und was darauf zu erkennen ist. Wenn nämlich auf dem Bild Dinge zu sehen sind, die es in der angepeilten Epoche gar nicht gab, kann man am Computer so viel tricksen wie man möchte, es wird immer unrealistisch wirken. Die häufigsten Fauxpas sind unter anderem:

  • Moderne Mode bei Model und Personen im Hintergrund
  • Heutige Fahrzeuge
  • Technik wie Satellitenschüsseln oder Handy-Antennen auf Dächern
  • Neon-Reklamen und ähnliche Werbeschilder (erschienen erst nach dem 1. Weltkrieg )
  • Zufällig ins Bild gelangte Flugzeuge oder Helikopter
  • Bauwerke, die damals noch nicht existierten

Wer seine Fotos im Studio macht, der kann all diese Faktoren freilich leicht eliminieren. Sollen die Fotos jedoch in der Öffentlichkeit Würzburgs entstehen, dann ist es nun mal schlicht unmöglich, solche modernen Elemente herauszuhalten – angefangen bei den Fußgängern. Doch weil Menschen und Verkehr de facto die größten „Verräter“ auf einem auf alt getrimmten Foto sind, müssen sie auch als erstes verschwinden. Für menschenleere Fotos gibt es mehrere Optionen, die einfachste von ihnen lautet „Zu einer ungewöhnlichen Tageszeit fotografieren“. Wer sich frühmorgens vor die Käppele oder das Falkenhaus stellt, hat sehr gute Chancen, dass ihm kein modern gekleideter Mensch durchs Bild rennt. Aber: Die Methode funktioniert wegen des benötigten Frühlichts nur im Sommer. Im Winter wird es erst dann hell genug, wenn schon alles auf den Beinen ist. Aber somit lassen sich die verräterisch modernen Spuren von Turnschuhen, Jacken und Blusen effektiv eliminieren.

Für Antennen, Schilder und Co. muss allerdings wirklich ein Bildbearbeitungsprogramm herhalten. Bei Photoshop würde es am besten mit den Stempel- und Repariertools gehen. Die entsprechende Technik wird also einfach mit Bildmaterial aus ihrem direkten Umkreis überdeckt und somit unsichtbar.

2. Die einfache Variante

Doch nicht jeder hat Photoshop oder GIMP auf seinem Computer oder vor allem die Zeit und Muße, sich die vielstündige Arbeit anzutun, die es braucht, um ein wirkliches Oldschool-Foto zu erstellen. Aber selbst für diese Klientel gibt es eine Hilfe, wenn auch im Zeitrahmen recht eingeschränkt. Die japanische Seite wanotoko.jp hat ein kostenloses Tool, in das man nur Bilder hochladen und auf „Bearbeiten“ klicken muss. Mit einem Motiv, das nach den in Punkt 1 genannten Regeln fotografiert wurde, lassen sich so zumindest schon mal erste Experimente wagen, die einem Bild durchaus einen Prä-WK1-Look geben – wenngleich die Bilder, die das Programm ausspuckt, viel kleiner als das Original aus der Digitalkamera sind.

alterkranen_bw-1

3. Die Epoche

Wer jedoch mehr will und vor allem den Look seiner gealterten Fotos selbst bestimmen möchte, der kommt nicht um die aufwändigere Lösung mit einem dedizierten Bildbearbeitungsprogramm umhin. Damit allerdings sind schlicht keine Grenzen gesetzt – wenn man weiß, wie es geht.
Der erste Schritt vor dem Bearbeiten lautet, sich darüber klar zu machen, welche Epoche man darstellen will. Dazu hilft ein Blick ins Familien-Fotoalbum.

  • Fotos aus den 60ern und 70ern etwa sind häufig farbstichig
  • Bei S/W-Fotos bis weit nach dem Krieg waren gewellte Büttenränder üblich – spezielle Scheren gibt es auch heute noch im Web zu kaufen
  • Portraits aus der Zeit um die Jahrhundertwende zeichnen sich durch ernste Gesichter aus (weil damals lange belichtet werden musste und ein Lachen anstrengender ist)
  • Nur Kleinbildkameras fotografierten damals im noch heute üblichen Format 3:2. Andere Motive waren quadratisch oder 4:3

Angenommen, man wollte ein Foto des alten Kranens erstellen, wie ein typischer Tourist der 50er-Jahre es getan hätte, sind also S/W und Büttenrand praktisch Pflicht und ein quadratisches Format zumindest optional.

4. Die Photoshop-Variante

Das Motiv steht, es sind keine modernen Menschen und Autos darin und man weiß, welche Epoche man reproduzieren möchte. Damit sind alle Wurzeln dafür gelegt, das Foto zu bearbeiten – dabei sei aber angemerkt, je nach Aufwand wie zu retuschierenden Objekten und der eigenen Fertigkeit im Umgang mit dem Bildbearbeitungsprogramm kann es durchaus mehrere Stunden dauern, bis ein einzelnes Bild perfekt ist.
Einmal in Photoshop geöffnet, würden nun viele als erstes das Bild in einen Schwarz/Weiß-Modus bringen wollen – das ist schlicht und ergreifend falsch. Denn Fotos früherer Epochen waren praktisch nie so schwarz/weiß, wie es das einfache Eliminieren der Farben glauben lässt. Durch Zeit oder auch Entwicklungschemikalien hatten die Bilder immer einen leichten Sepia-Stich. Der muss bedacht werden.

Altes Schwarz/Weiß-Foto

Je älter das Foto sein soll, desto mehr Arbeit muss investiert werden. Im ersten Schritt wird das Bild also in Photoshop geöffnet und ein Sepia-Ton darübergelegt. Das geht, indem eine Einstellungsebene Schwarz/Weiß erstellt und dann in der Einstellungsbox dieser Ebene das Kästchen „Farbtonung“ aktiviert wird. Dann kann man mit den Farbreglern spielen. Jeder erhöht oder entzieht den Anteil der jeweiligen Farbe. Hier hilft als Vergleich immer ein Blick auf ein „echtes“ altes Bild, um die Werte anzunähern.

Im nächsten Schritt muss dann der „Zahn der Zeit“ aufs Bild gebracht werden. Das geht, indem man sich bei der Google-Bildersuche ein zerknittertes Blatt Papier sucht oder sich solche Papiertexturen herunterlädt. Dieses Knitter-Bild wird nun als zweite Zusatzebene über das Originalfoto gelegt und bei den Ebenen-Einstellungen auf „Ineinanderkopieren“ gesetzt. Anschließend sollte man ein wenig die Ebenen-Transparenz erhöhen, damit das Geknittere nicht zu stark erscheint.
Nun wird das Radierer-Tool ausgewählt, die Härte mit einem Rechtsklick ganz heruntergeregelt, die Deckkraft auf 50% reduziert und anschließend das Hauptmotiv des Bildes überstrichen. Das reduziert den Knitter-Effekt auf das Umfeld des Motivs und gibt dem Bild mehr Tiefe.

Abschließend wird ein Rauschfilter über alles gelegt, ein Häkchen bei „monochromatisch“ gesetzt und der Rauschwert auf ca. 10% eingestellt. Und schon sieht das moderne Bild tatsächlich so aus, als entstamme es direkt Opas Fotoalbum.

70er-Jahre-Foto

Natürlich ist der ganz alte Look nicht jedermanns Fall. Aber wie weiter oben zu lesen gab es ja auch noch andere Foto-Epochen, die man mit etwas Computermagie wieder aufleben lassen kann. Beispielsweise die 70er. Diese zeichnen sich im Amateurbereich durch nicht so dynamische Farbtöne sowie mehr Körnung aus – auch das ist ein Leichtes mit Photoshop.
Ist das Foto geöffnet, muss als erstes unter dem Reiter „Bild-Korrekturen-Dynamik“ die Dynamik auf einen Wert um -40 reduziert werden. Dadurch strahlen die Farben weniger stark. Dabei kann man ruhig den Regler weit nach unten justieren, um den gewünschten Effekt zu bekommen.
Als nächstes muss die angesprochene Farbstichigkeit erzeugt werden. Das geht über eine neue Einstellungsebene „Farbton/Sättigung“. Im Farbton-Dropdown-Menü der Ebenen-Einstellungsbox werden nun folgende Werte eingestellt:

  • Rottöne: Sättigung -80
  • Gelbtöne: Sättigung +50, Farbton -15
  • Cyantöne: Farbton -45
  • Blautöne: Farbton -25
  • Grüntöne: Sättigung -60

Die anderen Farben werden nicht verändert. Anschließend wird wieder ein Rauschfilter darübergelegt und zwar gerne mit einer Stärke von über 5%. Das gibt die Körnigkeit, die viele typische „Touristenfilme“ damals hatten. Anschließend wird eine Vignettierung darüber gelegt, damit die Ränder des Fotos etwas dunkler wirken – ein Effekt, den bauartbedingt viele Kameras der 60er, 70er und 80er aufwiesen. Das geht über den Reiter „Filter-Objektivkorrektur“ und dann im neuen Fenster über „Benutzerdefiniert“ mit einer Vignettierungs-Stärke von -35 und einem Mittenwert von +60. Und auch dann zeigt sich: Es ist sehr nah an einem echten 70er-Jahre Original.

Polaroid-Style

Die bisherigen zwei Tutorials waren eher etwas klick-intensiv. Aber bei diesem Unterpunkt hilft eines dieser hilfreichen Tools, die die Photoshop-Community für Privatanwender kostenlos zur Verfügung stellt. Photoshop bietet nämlich die Möglichkeit, Bearbeitungsschritte wie auf einer alten Videokassette aufzunehmen, zu speichern und später auf einem beliebigen Bild abzuspielen – die Bearbeitungsschritte laufen dann vollautomatisch ab. In diesem Fall handelt es sich um den Polaroid Image Generator – dieses Mini-Programm ändert nicht nur die Bildfarbe in den typischen Look um, sondern baut auch den bekannten weißen Rahmen darum.
Als erstes wird das Bild geöffnet. Das Problem ist hierbei, die meisten Motive werden nicht das typisch rechteckige Sofortbild-Bildverhältnis haben, aber auch das macht das Tool. Jetzt F9 drücken, um das Aktionsfenster zu öffnen. Dann darin einen der zahlreichen Polaroid-Film Emulatoren durch Anklicken wählen (für die Beispielfotos ist es „Type 600 Expired Dry Emulsion“).
Danach unten im Aktionsfenster auf den „Play-Button“ klicken. Photoshop wird nun die Bearbeitung selbstständig ausführen und dabei immer wieder fragen, ob man diese oder jene Aktion fortführen möchte. Immer auf „Fortsetzen“ klicken und je nach Rechenleistung des Computers hat man nach rund einer Minute abschließend die Möglichkeit, das Motiv innerhalb des Polaroid-Rahmens noch einmal passend zu verschieben und von der Größe her anzupassen. Nun wie gewohnt abspeichern.

Fazit

Der Volksmund sagt „Wenn schon, denn schon“. Und das trifft auch haargenau auf die Bildbearbeitung zu. Wer Fotos haben möchte, die wie aus der guten alten Zeit wirken, sollte sich nicht nur auf irgendwelche Apps verlassen, sondern selbst am Computer Hand anlegen. Programme wie Photoshop wirken nur auf den ersten Blick unübersichtlich. Jedoch lernt man hier quasi spielerisch, wie gigantisch die Möglichkeiten sind und wie viel Spaß es machen kann, einfach mal normale Digitalfotos in echte Oldschool-Kunstwerke zu verwandeln.

Der Artikel entstand in Kooperation mit dem externen Redakteur Christopher Bluhm.

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT