Symbolbild Telefonseelsorge. Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Telefonseelsorge. Foto: Pascal Höfig

Ängste, Anrufe, Anonymität: Die TelefonSeelsorge

Es gibt viele Menschen, die verzweifelt, einsam oder traurig sind – ein Telefongespräch mit jemandem, der zuhört, kann da oft ein kleines Wunder bewirken. Dafür ist die TelefonSeelsorge da. Sie ist das ganze Jahr über – auch an Weihnachten und Neujahr – eine große Stütze für viele Menschen. Wir haben mit Ruth Belzner, seit 20 Jahren Leiterin der TelefonSeelsorge in Würzburg, gesprochen. Sie erzählte über die Menschen und die Herausforderungen, die die Aufgabe als „Telefonseelsorger“ mit sich bringt.

Wie viele Anrufe bekommt die TelefonSeelsorge im Schnitt pro Tag?

Ruth Belzner: Im Schnitt klingelt das Telefon 53 Mal täglich – davon kommt es in 38 Fällen zu einem Seelsorgegespräch mit durchschnittlich etwa 22 Minuten Dauer. Die anderen Anrufe sind Aufleger oder Anliegen, für die wir uns nicht zuständig sehen.

Bekommen Sie zu den Weihnachtsfeiertagen vermehrt Anrufe? Wenn ja, woran könnte das liegen?

Ruth Belzner: Nein, die Zahl der Anrufe steigt in diesen Tagen nicht. Das liegt zum einen vermutlich daran, dass unsere Auslastung ein Mehr eh kaum zulässt. Zum anderen sind Menschen, die an diesen Tagen wegen Einsamkeit anrufen, auch an den anderen Tagen des Jahres einsam und rufen deshalb die TelefonSeelsorge an. Und diejenigen, für die Weihnachten mit Konflikten und enttäuschten Erwartungen verbunden ist, sprechen eher vorher über ihre Befürchtungen oder hinterher über ihre Enttäuschungen.

Was sind Themen und Probleme, mit denen die Mitarbeiter der TelefonSeelsorge besonders oft konfrontiert werden?

Ruth Belzner: Körperliches Befinden, familiäre Beziehungen depressive Stimmung, Ängste und Einsamkeit sind die am häufigsten erfassten Themen. Und sie werden oft im Kontext einer psychischen Erkrankung besprochen. Insgesamt bekommen wir es mit allem zu tun, was Menschen das Leben schwer machen kann und ab und zu auch mit dem, was jemanden freut.

Was war der schlimmste Anruf, den Sie oder einer der Mitarbeiter je bekommen haben?

Ruth Belzner: Die Frage kann ich für meine Mitarbeiter nicht beantworten. Ich spreche zwar immer wieder mal mit dem einen oder anderen ihnen über ein „schlimmes“ Gespräch, aber ich kann da keine Rangliste aufstellen – auch nicht für die Gespräche, die ich selber geführt habe. Als gemeinsamen Nenner könnte man vielleicht sagen: Dass man an einer für den Anrufenden schlimmen Situation nichts verändern kann, zu sehen, dass er selber nichts verändern wird und auszuhalten, dass es darin keinen einfachen Trost gibt – das fällt niemandem von uns leicht.

Welche für Qualifikationen muss ein Mitarbeiter mitbringen oder kann jeder Mitarbeiter bei der TelefonSeelsorge werden?

Ruth Belzner: Es kann tatsächlich nicht jeder bei der TelefonSeelsorge mitarbeiten. Entscheidend ist aber nicht, welchen Bildungsabschluss jemand mitbringt oder welchen Beruf man gelernt hat. Es geht um persönliche Qualitäten und Potentiale: Mitarbeitende brauchen sowohl Einfühlungsvermögen als auch inneren Abstand. Sie benötigen Geduld, gleichzeitig Struktur und Klarheit sowie einiges an psychosozialem Grundwissen und dennoch einen offenen, nicht diagnostizierenden Blick auf den anderen Menschen. Wichtig ist weiter eine zuversichtliche Haltung zum Leben, Verständnis für die Hilf- und Hoffnungslosigkeit von Anrufenden, Interesse an anderen Menschen, ein feines Gespür für die Grenze zur indiskreten Neugier, eine sehr reflektierte Gesprächsführung und auch die Unbekümmertheit, einfach nur den eigenen Impulsen zu folgen.

Ich könnte noch so manches aufzählen, grundsätzlich wichtig ist aber: Bei der Arbeit in der TelefonSeelsorge bewegt man sich in einem sehr spannenden und spannungsreichen Umfeld. Vieles lässt sich in der Ausbildung, in Fortbildungen und Supervisionen schulen und festigen, aber Voraussetzung ist, dass Menschen die Fähigkeit, sich in einem solchem spannungsreichen Feld zu bewegen, grundsätzlich mitbringen.

Haben Sie schon einmal jemanden, mit dem Sie telefoniert haben, persönlich getroffen?

Ruth Belzner: Nein, nie. Für die ehrenamtlich Mitarbeitenden ist es eine zentrale Regel, dass der Kontakt nur per Telefon, nur über die Nummer der TelefonSeelsorge und anonym stattfindet. Als Leiterin könnte ich den Anrufenden prinzipiell Termine für persönliche Gespräche anbieten. Aber hier in Würzburg gibt es mit dem Krisendienst und dem Gesprächsladen zwei absolut niedrigschwellige Anlaufstellen für persönliche Beratung und Krisenhilfe, darauf können wir Anrufende gut verweisen.

Wie schafft man es, Mitgefühl zu zeigen, sich aber selbst nicht von den Problemen der Menschen hinunterziehen zu lassen?

Ruth Belzner: Vorneweg: Es kann auch erfahrenen Telefonseelsorgern passieren, dass sie im Sog der Verzweiflung eines anderen Menschen selbst ins Trudeln geraten. Dann ist es wichtig, hinterher in einem Gespräch mit Kollegen oder mit uns Hauptamtlichen wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Eine Supervision kann helfen, in diesem Spannungsfeld zwischen Mitfühlen und Trennung, zwischen eigenen und den Problemen anderer Menschen gut klarzukommen.

Sind Sie ausschließlich dafür da, den Anrufern Rat zu geben oder leiten Sie auch weitere Schritte ein – zum Beispiel die Polizei zu rufen?

Ruth Belzner: Ich würde sagen, wir sind gar nicht mal in erster Linie dazu da, Anrufenden Rat zu geben. Es geht viel mehr darum, aufmerksam hinzuhören und die Anrufenden auf der Suche nach eigenen Ideen zu begleiten. Die TelefonSeelsorge kann und wird von sich aus nur das tun, was Anrufende ihr direkt ermöglichen – wie zum Beispiel die Rettungsleitstelle alarmieren, wenn diese uns mitteilen, wo sie gerade sind. Gerade die Tatsache, dass Menschen die Kontrolle darüber behalten, was geschieht, ermöglicht es ihnen, auch sehr schwierige, alarmierende Situationen offen zum Thema zu machen.

Die TelefonSeelsorge

Anonym, kompetent, rund um die Uhr, zudem gebührenfrei. Die Stelle in Würzburg gibt es seit gut 44 Jahren, sie ist eine von 105 Stellen in Deutschland. 100 ehrenamtliche Telefonseelsorger/innen hat die Stelle derzeit. Wer Interesse an der Ausbildung und Mitarbeit hat, kann sich gerne an das Büro wenden.

Rund um die Uhr und kostenlos unter der 0800-1110111 und 0800-1110222 erreichbar. Das bundesweite Kinder- und Jugendtelefon ist unter der 0800-1110333 zu erreichen.

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