Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Ausstellung zu Kinderkrankenmorden in der NS-Zeit

Sieglinde, zehn Jahre alt

Sieglinde war ein fröhliches, hübsches Mädchen, bei dem eine Knochenerkrankung an den Händen festgestellt wurde. Sie wurde geheilt, aber mit acht Jahren wieder krank – und in die Kinderfachabteilung in Kaufbeuren-Irsee überstellt aufgrund eines von Kinderärzten diagnostizierten „mittleren Schwachsinnsgrades“. Sieglinde wurde nur zehn Jahre alt und starb 1945 in Kaufbeuren-Irsee, weit weg von ihrem Zuhause Würzburg, weit weg von Eltern, Bruder, Verwandten und Freunden. Später, nach der Untersuchung ihres Gehirns, wurde in einem Arztbericht bestätigt, was die Familie Sieglindes schon lange wusste: „keine kindliche Demenz“.

10.000 Kinder mussten sterben

Ambitionierte Kinderärzte mit Forscherdrang, hoher Qualifikation aber auch großem Ehrgeiz waren die Scharfrichter von Sieglinde und 10.000 anderen Kindern und Jugendlichen. Sie ließen die kranken Kinder verhungern, sie mit Kohlenmonoxid vergiften oder ihnen Gift injizieren. An diese Kinder erinnert die Ausstellung „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“. Die Ausstellung ist im Oberen Foyer des Rathauses bis Freitag, 16. Dezember 2016 zu sehen.

Professionelle Aufklärung

Hans-Michael Straßburg, von 1991 bis 2011 Professor für Kinder- und Jugendmedizin an der Würzburger Universitätskinderklinik, Gründer und ärztlicher Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums „Frühdiagnosezentrum“, ist auch Mitglied der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. In dieser Funktion hat er die Geschichte der deutschen Kinderärzte als verlängerte Arme des nationalsozialistischen Regimes mit aufgerollt.

Bei der Eröffnung der Ausstellung berichtete er von den Hintergründen des grausamen Mordens unter der Leitung des Arztes Werner Heyde. Er berichtete aber auch davon, dass noch während seiner Ausbildung zum Kinderarzt in den 1960er-Jahren noch praktizierende Kinderärzte erklärten, schwerbehinderte Kinder müssten getötet werden.

Konsequente Aufarbeitung

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ist sich, trotz 70 Jahren Abstand, ihrer Verantwortung bewusst und hat das dunkle Kapitel ihrer Geschichte konsequent aufbereitet. Sie konzipierte auf Basis ihrer Erkenntnisse die Ausstellung, die seit 2010 durch Deutschland wandert. „Auch die moderne Kindermedizin steht vor erheblichen ethischen Problemen, beispielsweise bei der Pränatalmedizin“, führte Professor Straßburg dazu aus. „Die Beschäftigung damit, wie es zu solchen Exzessen kommen konnte, kann helfen moralische Grundsätze zu finden – auch wenn die Tötung der Kinder damals vom Staat angeordnet war.“

Einzelne Kinderschicksale

Über die umfangreiche Arbeit hinter der Recherche der Kinderschicksale berichtete Regine Samtleben für die Mitglieder des Arbeitskreises Stolpersteine Würzburg. Noch immer finden sich neue, zuvor nicht bekannte Fälle. Recherchen in den Archiven der Heilanstalten Ansbach, Eglfing-Haar und Kaufbeuren-Irsee wie auch Berichte von Verwandten der damaligen Opfer geben Aufschluss über die Schicksale der 695 Kinder, die in Bayern der „Kinder-Euthanasie“ zum Opfer fielen. Aus den Recherchen des Arbeitskreises Stolpersteine wurden die Tafeln der Ausstellung entwickelt, die beispielhaft einige betroffene Würzburger Kinder herausgreifen.

„Du bist nichts“

Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake brachte es in ihrem Grußwort zur Ausstellungseröffnung auf den Punkt: „Hinter den beschönigenden Begriffen ‚Euthanasie‘ oder ‚Gnadentod‘ verbargen sich ganz andere Motive: ‚Du bist nichts, Dein Volk ist alles.‘ Dieser Kernsatz der NS-Propaganda meint die absolute Unterordnung des Einzelnen unter die sogenannte Volksgemeinschaft. Zu der Menschenverachtung kam die sozialdarwinistische Vorstellung einer sogenannten Rassenhygiene, wonach sich nur der ‚Erbgesunde‘ fortpflanzen dürfen und Behinderte ausgelöscht werden müssten.“

Mehr Sensibilität

Die Ärzte, klagte die Bürgermeisterin an, hätten sich freiwillig in den Dienst der verbrecherischen Rassenpolitik gestellt, obwohl sie kein Gesetz dazu verpflichtete. Marion Schäfer-Blake schloss: „Möge die Ausstellung dazu beitragen, dass menschenverachtende Ideologien in unserer Gesellschaft keine Chance mehr erhalten und wir für aktuelle Gefährdungen der Menschenwürde noch sensibler werden. Denn wo zunächst nur einzelnen Personengruppen die Menschenwürde abgesprochen und genommen wird, da kann zuletzt niemand mehr seines Lebens sicher sein.“

Ausstellung mit musikalischer Begleitung

Die Vernissage wurde begleitet von Musik und Gesang der Würzburger Sängerin und Gitarristin Barbara Hennerfeind. Die Musikerin hatte die Stücke treffend zur Ausstellung ausgewählt und so wurde die Ausstellungseröffnung auch zur Gedenkveranstaltung.

Begleitprogramm mit Führungen

Der Arbeitskreis Stolpersteine bietet ein Begleitprogramm an mit Führungen und Vorträgen im Würzburger Ratssaal am gestrigen Mittwoch, am Mittwoch, 7. Dezember, 19 Uhr (Prof. Dr.med. Hans-Michael Straßburg: Kinder mit Behinderung in der NS-Zeit in Unterfranken) und am Mittwoch, 14. Dezember, 19 Uhr (Dr. phil. Sascha Topp: Die Aufarbeitung der Ermordung minderjähriger Kranker nach 1945 in Deutschland).

Am Mittwoch, 11. Januar 2017 wird im Central Kino, Frankfurter Str. 87 das Figurenstück „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ mit Einführung und abschließendem Gespräch angeboten. Führungen für Kinder und Jugendliche zur Ausstellung im Rathaus sind über die Jugendbildungsstätte Unterfranken anzufragen (Tel. 0931/600 60 40, info@jubi-unterfranken.de). Zur Ausstellung ist ein leicht verständliches Begleitheft entstanden.

Die Tafeln sind bis Freitag, 16. Dezember, 12 Uhr im Oberen Foyer des Rathauses Würzburg zu den Öffnungszeiten Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr und Freitag 8 bis 14 Uhr zu sehen.

Mehr Infos auf www.im-gedenken-der-kinder.de

Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Stadt Würzburg.

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