Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Morde im Namen der Medizin

Zeichensetzung

Das Zentrum für Psychische Gesundheit der Universitätsklinik Würzburg hat ab heute die Anschrift „Margarete-Höppel-Platz 1“. Mit dieser Umbenennung setzt die Klinik zusammen mit dem Würzburger Stadtrat und den Angehörigen und vielen weiteren Unterstützern ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen eines der dunkelsten Kapitel der NS-Zeit und der Würzburger Medizingeschichte.

Verbrechen in Würzburg

„Aufgabe des Arztes ist es, Kranke zu heilen und ihre Leiden zu lindern. Umso bedrückender ist es, dass sich Ärzte mit ihren beruflichen Kenntnissen und Fähigkeiten in den Dienst der verbrecherischen Rassenpolitik der Nationalsozialisten gestellt haben“, betone Oberbürgermeister Christian Schuchardt bei der Zeremonie in Grombühl. Der Ärztliche Leiter der „Aktion T 4“ – so der verschleiernde Ausdruck der Nationalsozialisten nach der Adresse der Zentrale in Berlin – war ab 1940 der damalige Direktor der Würzburger Nervenklinik, Werner Heyde, und dessen Assistent Günter Munkwitz. Würzburger waren aber nicht nur Schlüsselfiguren dieses Verbrechens. Das Verbrechen fand auch in Würzburg wie andernorts statt und Margarete Höppel war eine von über 100 Würzburgerinnen und Würzburgern, die wegen einer Behinderung ermordet wurden. Rund 70.000 waren es wohl insgesamt.

Margarete Höppel

Es ist der Großnichte Stefanie Köster und dem Rechercheteam „Würzburger Stolpersteine“ zu verdanken, dass man heute wieder ein Foto und eine Lebensgeschichte mit dem Namen Margarete Höppel verbindet. Sie wurde am 28. Dezember 1892 als drittes von sechs Kindern des Wagenwärtergehilfen Georg Höppel und seiner Frau Margareta in Eibelstadt geboren. 1894 zog die Familie in die Stadt und lebte in der Schiestlstraße in Grombühl – nicht weit vom nun enthüllten Straßenschild. Höppel arbeitete als Tütenkleberin und war vor genau 100 Jahren nach einem Epilepsieanfall zum ersten Mal in der Psychiatrischen Uniklinik stationär in Behandlung. Ihr Zustand sollte sich über die Jahre verschlechtern. Gutachten gingen von einer Selbst- und Fremdgefährdung aus. Dies führte zu einer Verlegung nach Werneck und als diese Anstalt im Oktober 1940 geräumt wurde, folgten bereits Zwischenstationen in Tötungsanstalten.

Falschangaben

Vermutlich wurde sie am 29. November nach Pirna-Sonnenstein verlegt und noch am selben Tag ermordet. Auf dem Totenschein steht „Mandelabszess mit Blutvergiftung“ doch Falschangaben bei der Todesursache waren Teil der NS-Propaganda. Die Familie erhielt mit der Post eine Urne und in diesem wie in vielen Fällen wurde dann auch aus Angst und Scham geschwiegen. Die beiläufige Erwähnung „einer Tante Grete“ der Großmutter Stefanie Kösters brachte Jahrzehnte später die Nachforschungen ins Rollen.

Gedenkstein

Prof. Dr. Jürgen Deckert, der Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, zeigte in seiner Rede auf, das diese kollektive Verdrängung in Würzburg bis in die 80er Jahre hinein gut funktionierte. 1983 waren die Nachforschungen zu Werner Heyde noch äußerst mühsam und ein Referat im Rahmen einer Veranstaltung scheiterte daran, dass Zeitzeugen – auch Angehörige – über dieses Kapitel nicht reden wollten. Die Recherchen kamen wieder zum Erliegen und erst 2007 wurde zunächst ein Stolperstein zu Ehren eines ermordeten Zwangsarbeiters vor der Klinik verlegt und im vergangenen Jahr schließlich ein Gedenkstein in der Schiestlstraße, der an Margarete Höppel erinnert.

Krankenakte

Erhalten sind noch immer ihre Krankenakten. Stefanie Köster berichtete den vielen Gästen bei der Einweihungsfeier wie schwer ihr diese mit Menschenverachtungen gespickte Lektüre fiel. Aufwühlend ist aber auch ein persönlicher Brief, den Prof. Deckert vortrug. 1918 schrieb „Gretchen“ aus der Anstalt an die „Liebe Mutter“ und bat um Äpfel, ein Lieblingskleid und die Adresse einer Freundin, um auch ihr schreiben zu können.

Ausstellung zu Euthanasie-Morden

Prof. Dr. Sabine Herpertz, Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie Heidelberg und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, betonte in ihrer Rede, dass die Auseinandersetzung mit „pervertierter Medizin“ in der NS-Zeit weitergehen müsse und werde. Sie kündigte an, dass eine Wanderausstellung zu den Euthanasie-Morden der Nationalsozialisten, die derzeit bundesweit große Beachtung erfährt, von Juni bis September 2017 auch in Würzburg Station machen wird.

Der Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Stadt Würzburg. 

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