Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Studie: ARD und ZDF verletzen Qualitätskriterien

Würzburger Studie

2015 haben Nachrichtensendungen von ARD und ZDF zentrale Qualitätskriterien verletzt. So das Ergebnis der Studie „Die Griechen provozieren!“ von Journalismusforschern der Uni Würzburg. Im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) untersuchten sie die Berichterstattung zur Staatschuldenkrise.

Würzburger Professor

Die Autoren um Professor Kim Otto von der Universität Würzburg haben alle Sendungen von „Tagesschau“ und „heute“ im vergangenen Jahr sowie deren Sondersendungen „Brennpunkt“ und „ZDF spezial“ zur griechischen Staatsschuldenkrise analysiert und dabei erhebliche Mängel identifizieren können.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zur Ausgewogenheit verpflichtet. Dazu gehören das Gebot einer fairen und unabhängigen Berichterstattung und die Verpflichtung zur Überparteilichkeit. Leider wurden diese Qualitätsanforderungen nur teilweise erfüllt“, fasst Kim Otto ein Ergebnis der nun von der Otto-Brenner-Stiftung (OBS)veröffentlichten Untersuchung zusammen. Das Team der Professur für Wirtschaftsjournalismus analysierte die Sendungen mittels Inhaltsanalyse im gesamten Jahr 2015, die Otto-Brenner-Stiftung förderte das Projekt durch Drittmittel.

Vielfach unausgewogen

Die Berichterstattung sei vielfach unausgewogen, lautet ein weiteres Ergebnis der materialreichen Studie. Die griechische Regierung sei in den Beiträgen zur griechischen Staatsschuldenkrise seltener zu Wort gekommen als andere Akteure und wurde häufiger kritisiert. In gerade einmal zehn Prozent der Nachrichtenbeiträge zur griechischen Staatsschuldenkrise war die griechische Regierung mit einem O-Ton präsent, stellte das Team um Otto fest.

Zum Vergleich: Der Anteil der deutschen Regierung sei mehr als doppelt so hoch gewesen. Außerdem wurde die griechische Regierung zehnmal öfter von Journalistinnen und Journalisten kritisiert als positiv beurteilt. Auch hier kam die deutsche Regierung deutlich günstiger davon und wurde lediglich zweimal öfter negativ als positiv bewertet.

Gebot der Neutralität

Kritisch sehen die Forscherinnen und Forscher auch, dass in den untersuchten Sendungen das Gebot der Neutralität verletzt, also die Trennung von Nachricht und Meinung nicht eingehalten wurde. In jedem zehnten Bericht hätten Journalisten eine Bewertung der griechischen oder der deutschen Regierung aus dem Off vorgenommen, im „Brennpunkt“ sei die Trennung sogar in jedem vierten Bericht missachtet worden. „Die Trennung von Nachricht und Meinung muss konsequenter beachtet werden, insbesondere in Off-Texten von Berichten“, fordert Otto.

Grexit statt Analyse von Reformvorschlägen

Weiterhin war die Berichterstattung über die griechische Reformpolitik nur auf wenige Reformvorschläge und Politikfelder fokussiert und blieb weitgehend an der Oberfläche. In einer hohen Zahl von Beiträgen wurde nur allgemein von „den Reformen“ gesprochen. „Welche Reformvorschläge hierfür eingefordert und gemacht wurden, wurde nicht thematisiert. Dies spricht für eine geringe analytische Qualität der Nachrichtenberichterstattung“, sagt Otto. Von 139 Reformvorschlägen seien in der „Tagesschau“ nur 53 thematisiert worden, in „heute“ nur 40.

Die Beiträge fixierten sich stattdessen stark auf einen „Grexit“ als Szenario für einen Ausgang der Krise. „Die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der griechischen Staatsschuldenkrise nahm größeren Raum ein als die mit den meisten Lösungsansätzen der Reformvorschläge“, sagt Otto. Der Grexit als Sinnbild des Schreckens und des Chaos sei als Thema damit auch Ausdruck eines Negativismus, dem sich die Nachrichtenberichterstattung ein Stück weit hingegeben habe.

Auftrag öffentlich-rechtlicher Sender

„Ausgewogenheit, Neutralität und Tiefe in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung sind besonders in Krisenzeiten und bei strittigen Themen wichtig“, sagt Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung. Wegen der überragenden Bedeutung eines funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks für Staat und Gesellschaft begleitet die OBS dessen Entwicklung immer wieder mit konstruktiv-kritisch angelegten Studien.

Der Kritik stellen

„Nun sind die Sender gefordert, sich dieser fundierten Kritik zu stellen und Anregungen zu nutzen, damit zukünftig solche Einseitigkeiten vermieden werden können“, so Jupp Legrand weiter. Gleichzeitig warnte die Stiftung davor, die Ergebnisse der empirisch breit angelegten und sorgfältig durchgeführten Studie einseitig auszuschlachten und für eine pauschale Diskreditierung öffentlich-rechtlicher TV-Berichterstattung zu missbrauchen.

„Das Gerede von der ‚Lügenpresse‘ ist genauso unverantwortlich wie die Behauptung falsch ist, die Mainstream-Medien seien gleichgeschaltet“, gibt Legrand zu bedenken. Die Vertrauenskrise der Medien und ihr Glaubwürdigkeitsdefizit lassen sich nach Auffassung der Stiftung nur durch eine selbstkritische Überprüfung ihrer aktuellen Leistungen und inhaltlichen Angebote überwinden. Dazu gehört auch, die zentralen Erkenntnisse und relevanten Ergebnisse ernst gemeinter Medienkritik aufzugreifen.

Auch andere Medien im Fokus

Kim Otto und Andreas Köhler hatten die Griechenland-Berichterstattung bereits in einer vorangegangenen Studie unter die Lupe genommen. Hier standen große deutsche Tageszeitungen und Spiegel Online im Fokus. Auch in diesen Medien wurde den Autoren zufolge einigen Qualitätskriterien zu wenig Beachtung geschenkt.

Campus-News

Alle Themen rundum das Geschehen an Würzburgs Hochschulen gibt’s in unserer Campus Rubrik sowie in den Facebook Gruppen “Uni Würzburg” und “FHWS Würzburg-Schweinfurt“.

Der Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Universität Würzburg. 

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT