Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Filmfestival Locarno: Abgründe im Postkartenidyll

Raus aus Würzburg – rein ins Festival

Wer ins schweizerische Locarno zum internationalen Filmfestival kommt, darf zwei Dinge erwarten: einen ambitionierten und in der Breite anspruchsvollen Filmwettbewerb sowie eine fast unwirkliche malerische Postkartenidylle. In der gleichen Selbstverständlichkeit wie sich Locarno ans Tessiner Ufer des Lago Maggiore schmiegt, hat der künstlerische Leiter des Festivals Carlo Chatrian in seinem vierten Jahr das Programm gestaltet. Er stellte den Mensch mit all seinen abgründigen Befindlichkeiten in den Mittelpunkt der Filmauswahl.

Festivalgewinner Godless

Der „Goldene Leopard“ (Pardo d’oro), das überall in seiner gelb-schwarz gefleckten Fellfärbung in Locarno sichtbare Wappentier des Festivals, geht in seiner 69. Ausgabe dementsprechend an die bulgarische Regisseurin Ralitza Petrova für Godless. Es ist diese Unmittelbarkeit zu den menschlichen Abgründen, zur Trost- und Hoffnungslosigkeit des Menschen, die einfühlsam aber auch drastisch und für den Zuschauer belastend dargestellt wird.

Freiluftkino auf der Piazza Grande

279 Filme wurden vom 3. bis 13. August in 12 thematischen Sektionen und drei großen Wettbewerben gezeigt. Allabendlich füllte sich die Piazza Grande mit bis zu 8.000 Filmbegeisterten, um Open-Air-Kino zu genießen. Für einen Festivalbesucher heißt das, schon im Vorfeld eine Auswahl zu treffen, die zeitlich und inhaltlich den individuellen Möglichkeiten entspricht.

Jane Birkin und Mario Adorf ausgezeichnet

Wir haben uns das Eröffnungswochenende ausgesucht, das Filmvorführungen von 9.30 Uhr bis 23.30 Uhr im Programm hatte und gleich zwei besondere Begegnungen ankündigte: Jane Birkin und Mario Adorf. Die Leinwandschönheit aus „La Piscine“ mit Alain Delon und Romy Schneider erhielt einen Ehrenleoparden für Ihr Lebenswerk. Jane Birkin, deren Charme und sanfte Stimme auch mit 75 Jahren eine jungendliche Anmut verkörpert, führte in die Produktion „La fille prodigue“ (FRA, 1981) ein.

Es war weniger der Film um die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Vater und Tochter als vielmehr der von Birkin gestattete Blick hinter die mit Piccoli geteilten Film-Kulissen. Einziger Nachteil: nicht nur der Film, auch das Autorengespräch wurde ausschließlich in Französisch geführt, was das Publikum auf einen kleinen Kreis von nur knapp 100 Personen begrenzte. Mit Mario Adorf wurde in seine Vergangenheit geschaut, die sich im Schwarz-weiß-Klassiker „A cavallo della tigre“ (ITA 1961) der Ausweglosigkeit eines gescheiterten Lebens widmet.

Geschichte der Nacht

Ein must-see für Freunde des experimentellen Kinos war mit Clemens Klopfensteins Dokumentation „Geschichte der Nacht“ ins Programm aufgenommen worden (BRD, SUI 1979). 60 Minuten Nacht, aufgenommen zwischen 3 und 4 Uhr und in 25 Sekunden-Sequenzen zerlegt, gefilmt in unterschiedlichen Städten in Italien, Polen, Türkei, Deutschland, Irland, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Sein Film ist eine aus Stille, meditativen Bildern und Klängen zusammengesetzte Sammlung, eingefangen in Städten, wenn sie leer und unbelebt sind.

Tipps für Locarno

Anreise
Mit dem Auto sind es von Würzburg knapp 540 Kilometer. Mit der Bahn ist man mit drei oder vier Umsteigestationen in gut 9 Stunden Stunden in Locarno.

Festivaltickets
Nicht nur für Filmliebhaber erlebenswert ist ein Filmabend auf der Piazza Grande. Auch wenn es 8.000 Karten pro Vorstellung gibt, lohnt sich eine Buchung zu 25 Franken. Da diese allerdings ohne Sitzplatznummern erfolgt, empfiehlt sich eine Reservierung, die nochmals 17 Franken kostet. Es empfiehlt sich wetterfeste Kleidung bzw. ein Regencape mitzunehmen. Tages- oder Festivalpässe können hier gebucht werden: Ticketcounter. Das 70. Festival del film Locarno findet vom 2. bis 12. August 2017 statt.

Hoteltipp
Während unseres Aufenthalts haben wir in Verbania am italienischen Ufer des Lago Maggiore in einem kleinen, schönen Hotel gewohnt: Pesce d’Oro. Direkt am See gelegen hat uns bei offenem Fenster der leichte Wellengang des Sees Nachts in den Schlaf gewogen und am nächsten Morgen ein reichhaltiges Frühstück auf der Terrasse die Kräfte für einen Tag voller Abwechslung und Programm gegeben.

Ausflugstipps
Einmal in Verbania sollte man unbedingt den Palazzo Borromeo und die Gärten auf der Isola Bella sowie der Villa Taranto besuchen. Informationen hierzu sowie weitere Ausflugsziele am Lago Maggiore finden sich hier: Lago Maggiore.

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