Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Zu schnell studiert und dafür bestraft

Ein Gastbeitrag

Krux mit Regelstudienzeit

Ich war immer ein ambitionierter Student, der sich gerne viel aufgebürdet hat, weshalb ich den Bachelor schneller beenden konnte. Ich wusste allerdings noch nicht, dass es mich später im Masterstudium meinen Platz im Wohnheim kosten sollte.

Ein Wohnheimsplatz

2012, Ende März: Ich bekomme einen Brief vom Studentenwerk, ziemlich dick. Anschreiben, Vertrag, Hausregeln. Ich bin aufgeregt, da ich endlich in Würzburg wohnen kann. Schluss mit dem sündhaft teuren Pendeln! Mir wurde ein Wohnheimsplatz in einer WG zugesagt: „Hier wohne ich jetzt. Bis zum Ende des Studiums.“

Ich gab mein Bestes im Studium, hatte es auch in 4 Semestern geschafft, mich im Fünften vorläufig in den Master immatrikuliert, alles kein Problem. Aber dann bin ich irgendwann in meinem Stress zusammengekracht: Ich konnte nicht mehr so viel leisten wie früher, was aber im Vergleich zum Durchschnitt immer noch in Ordnung war. Ich entschied mich also dazu, fünf Mastersemester zu machen. War ja wohl in Ordnung, wenn ich doch beim Bachelor nur vier nötig waren?

Antrag auf Verlängerung abgelehnt

2016, Mitte Mai: Ich bekomme einen Brief. Einen dünnen Brief vom Studentenwerk, dass ein Antrag auf Verlängerung des Mietverhältnisses ausgeschlossen sei. Ich brauchte einen Moment, bis ich mich fassen konnte… Wieso muss ich ausziehen? Ich habe vier Jahre studiert, die Regelstudienzeit beträgt fünf? Das muss wohl ein böser Fehler im System sein.

Ich besuche meine Wohnheimsbetreuerin, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ich betrete den Raum, werde nicht gegrüßt, mir wird der Platz nicht angeboten. Die Dame schaut mich nur mit großen Augen an. Nervös zeige ich ihr den Brief, sie schaut ihn sich kurz an, wendet ihren Blick von mir und schaut nur noch auf ihren Monitor, während sie mit mir redet. „Sie haben die Regelstudienzeit überschritten, tut mir leid, ich kann da nichts tun.“

Ein Missverständnis?

Relativ schnell werde ich abgefertigt, gehe nach Hause, schaue nochmal alle Verträge, Gesetze und Bescheinigungen an und komme zu dem Ergebnis, ich dürfte noch ein Jahr bleiben, weil ich folgenden Abschnitt fand:

„Bei gestuften Studiengängen, die zu einem Bachelorabschluss und einem darauf aufbauenden, fachlich fortführenden und vertiefenden oder fächerübergreifend erweiternden Masterabschluss führen, beträgt die Gesamtregelstudienzeit höchstens fünf Jahre.“

Und wieder abgelehnt!

Bayrisches Hochschulgesetz, Artikel 57, Paragraph 2, Absatz 3. Damit gerüstet und einer ausgedruckten Studienverlaufsbescheinigung, wandere ich prompt wieder in das Büro. Sie schaue sich alles nochmal an, schickt mich heim, Tage später: Abgelehnt.

„Ihrem Antrag auf Verlängerung des Mietverhältnisses konnte nicht stattgegeben werden mit folgender Begründung: Es handelt sich bei einem Bachelor und einem Master um zwei getrennte Studiengänge. Eine kürzere Studienzeit beim Bachelor-Studiengang hat keinen Einfluss auf die Wohnberechtigung des Master-Studiengangs. Diese beträgt 4 Semester und ist mit dem Sommersemester 2016 erreicht.“

Ich konnte es nicht fassen. Alles, was ich brauchte, war eine Unterkunft für ein Semester, vielleicht zwei, wenn es schlecht läuft. Ich habe den Bachelor zwei Semester früher abgeschlossen und darf dann im Master nicht einmal ein einziges Semester überziehen?

Für Ehrlichkeit bestraft

Was mich am meisten gewurmt hat, war die Tatsache, dass ich dem Ganzen hätte entgehen können, indem ich einfach im Bachelor geblieben wäre und mich nicht vorläufig in den Master immatrikuliert hätte. Ich hätte einfach Mastervorlesungen als Bachelorstudent besuchen können und sie mir auf mein Masterstudium übertragen lassen. Dann hätte ich auch noch meine Wohnung! Das wäre nicht einmal Betrug, das wäre die „wahre“ Regelstudienzeit gewesen. Mit anderen Worten: Ich wurde dafür bestraft, weil ich aufrichtig erzählt habe, dass ich zu schnell studiert habe.

Keine Chance

Ich stattete der Betreuerin wieder einen Besuch ab, diesmal mit einer Wut im Bauch, blieb jedoch höflich. Schnippisch und lustlos wie eh und je werde ich empfangen. Meine Argumente werden ignoriert. Das Wort „gestufte Studiengänge“ war ihr fremd, der Paragraph wurde komplett ignoriert. Ich wollte daraufhin mit dem Abteilungsleiter reden. Andere bleiben mit den gleichen Verträgen 6 Jahre im Wohnheim und ich darf nur 4 bleiben? Was soll das also?!

Der Abteilungsleiter hat im Prinzip genauso wie die Betreuerin reagiert, sei es charmanter, wenn auch nur gestellt. Ihm seien die Hände gebunden, weil ich die Regelstudienzeit im Master-Studium überschritten hätte. Bitte, was?

Um Wohnung betrogen

Warum sich die Wohnheimsverwaltung ausschließlich und peinlich genau an BAföG-Regeln halte, ist mir schleierhaft, weil man einen festen Wohnsitz nicht mit staatlichen Zuschüssen vergleichen kann, zumal meine Wohnung für das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich nicht billig ist. Außerdem frage ich mich bis heute, worin der staatliche Zuschuss in die Wohnheime besteht.

Ich verließ frustriert das Studentenwerk. Ich fühlte mich betrogen, um meine Wohnung. Es ist absurd, dass Menschen Wohnplätze im Wohnheim und BAföG potentiell verwehrt werden können, weil sie erst zu schnell studiert haben und danach um ein „Gnadensemester“ im Master betteln müssen. Nur, weil das Gesetz so rigoros einseitig verwendet wird und einfach nicht davon ausgeht, dass jemand im Bachelor schneller fertig ist.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de.

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