Würzburg - Foto: Pascal Höfig
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Die Sache Makropulos – Manchmal hilft nur noch beten…

…aber nicht etwa wegen der Inszenierung, der Besetzung oder gar der Musik von Leoš Janáček – sondern weil das Thema unbarmherziger ist, als es zunächst klingen mag: das ewige Leben. Doch wie kommt es dazu?

 

Allwissende Mütterlichkeit und zynische Kälte

1922 greift die schöne Sängerin Emilia Marty (E.M., Angela Denoke, zum Ende hin brillierend) in den schon unübersehbar lange währenden Erbschaftsstreit Gregor./.Prus ein. Dabei stellt sie nicht nur die Berufsehre des Gregor-Advokaten Dr. Kolenatý (Gustáv Beláček, präzise und warm) auf eine harte Probe, indem sie ihn dazu bringt, einen Einbruch bei der Partei Prus zu begehen. Mit ihrer starken Persönlichkeit, die zwischen überlegener Resignation, geheimnisvoller, allwissender Mütterlichkeit und zynischer, divenhafter Kälte oszilliert, zieht sie auch jeden Mann, der ihr begegnet, sofort in ihren erotischen Bann.

Anfänglich verhalten – später furios

Denoke, die dem Münchener Opernpublikum bereits aus Jenůfa, einer Janáček-Oper über das mährische Bauernleben aus dem Jahr 2010 und als Teufelsweib Kundry mit verschatteten Klangpartien aus dem Parsifal 2014 bekannt ist, wirkt anfänglich ungewohnt verhalten. Die Langatmigkeit des ersten Aktes scheint sich auf die Ausdruckskraft der Darbietung niederzuschlagen. Erst im Laufe des zweiten Akts findet sie zu der ihr eigenen, abgründigen Stimmgewalt und in ein furioses Finale.

Alle Männer also sind obsessiv an dieser Emilia Marty interessiert, alle projizieren Alles in sie hinein: der junge Baron Albert Gregor (Pavel Černoch, als Belcanto-Tenor einige Male im stimmlichen Hintertreffen), der sein Leben lang nur darauf gewartet hat, Millionen zu erben; der unbedarfte junge Mann Janek (Aleš Briscein, ideale Besetzung für die Tenorpartie), der sein Liebchen Krista (Rachael Wilson) links liegen lässt, als er E.M. begegnet; und Janeks Vater, der von dunklen Trieben beherrschte Jaroslav Prus (John Lundgren, kraftvoll und einnehmend), der E.M. in einem Tauschhandel dazu bringt, mit ihm zu schlafen – im Wissen darum bringt sich Janek um.

Eine Frau mit Erfahrung und Vergangenheit

Man ahnt schon bald, dass E.M. eine Frau mit Erfahrung und Vergangenheit sein könnte, da sie ihr (stimmliches) Spiel so gekonnt betreibt. Und in der Tat kommt es zu einer Beinahe-Anagnorisis durch Hauk-Šendorf (Reiner Goldberg), der in E.M. seine Geliebte von vor 50 Jahren wiedererkennt. Doch Hauk gilt als ausgewiesener Idiot, der sich auch selbst als solcher bezeichnet. Und so führt seine richtige Erkenntnis nicht etwa zur Peripetie, sondern dazu, dass er von Irrenwärtern abgeführt wird – und E.M. ihr Geheimnis noch wahren kann.

Vier gegen Eine

All die Männer um sie herum aber finden immer mehr Ungereimtheiten an ihr – es braucht wohlgemerkt vier von ihnen, um dem Geheimnis einer Frau auf die Spur zu kommen! Wie sich diese betrogenen Stimmen der Männer kreuzen, verbünden, widerstreiten, aufwiegeln, um letztlich doch nur an E.M. abzutropfen – mitreißend. Als sie E.M. schließlich konfrontieren, offenbart sie sich, oder genauer: sie offenbart die unerhörte „Sache Makropulos“.

E.M. berichtet, schon viel länger als ihr lieb sei zu leben, 337 Jahre lang. Geboren wurde sie demnach 1585 als Kreterin unter dem Namen Elina Makropulos (E.M.), als Tochter des Leibarztes Kaiser Rudolfs II. Der ruhmsüchtige Vater Hieronymus habe im Auftrag des Kaisers um 1600 ein Elixier für ewiges Leben entwickelt, das er freilich zunächst an seiner damals jugendlichen Tochter erprobte – ohne den immensen Erfolg der Rezeptur selbst noch zu erleben.

So ist der Vater gewissermaßen der erste Mann, dem E.M. als Versuchsobjekt zum Opfer fiel. Ihm folgten durch die Jahrhunderte Unzählige, die sich selbst als Opfer des Liebreizes von E.M. (die in immer neuen Namen, jedoch immer mit denselben Initialen auftritt) verstanden, aber immer auch Täter waren. Mehrere von ihnen trachteten ihr sogar nach dem Leben. Der Mann, ein unwandelbares, recht eindimensionales Tier – die Frau als sein Schicksal und Opfer zugleich.

Mit einem Gebet in der Hölle

Es ist das fulminante Ende des dritten Aktes, diese letzten 30 Minuten, die manch vorherige Ungelenkheit und auch schleppende Etappe der Aufführung vergessen macht. Ein den antiken Chor persiflierender Pulk von Männern schleicht brünftig auf die Bühne und drapiert sich um E.M., die ein leidenschaftlich intoniertes Plädoyer für den Wert der Vergänglichkeit hält. Kraftlos sinkt sie hernach zusammen und opfert sich endgültig den unerschöpflichen Begierden und Fantasien der Männer. Das Mädchen Krista aber hat sie zuvor noch zur neuen Besitzerin des Rezeptes für das ewige Leben bestimmt, damit sie alles besser macht. Krista fährt in eine kühle, ewige Eislandschaft auf – von der Inszenierung geschickt anspielungsreich erdacht und vom Bühnenbild überzeugend umgesetzt. Durch diese Zweiteilung des Bühnenraums wirkt die darunterliegende Szene wie das Höllenfeuer der menschlichen Triebe.

Hat sich E.M. somit ihrem Schicksal ganz ergeben? Ein letztes Mal soll es ein Mann richten: der mächtigste und dauerndste aller, Gottvater selbst. Ihn fleht E.M. – ganz unerwartet, ganz zum Schluss – plötzlich an: mit einem „Vater unser“. Ob dieser Mann eingreift, bleibt ungewiss, das Rezept fürs ewige Leben aber verglüht immerhin. Die „Sache Makropoulos“ wird sich so also nicht wiederholen.

Die Sache Makropulos am 21. Mai 2016, Bayerische Staatsoper München, 19-21 Uhr. Weitere Aufführungen am Dienstag, 24.05. um 19 Uhr.

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