Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Mit der Schere im Gepäck

Alles andere als gewöhnlich

Oliver Hammerl ist Friseur – doch er ist alles andere als ein gewöhnlicher Friseur. Einen festen Arbeitsplatz hat der 22-Jährige nicht, Termine gibt es bei ihm auch nicht. Er schneidet dort, wo es ihn gerade hintreibt: in Cafés, auf Dächern oder knietief im Main. Oliver Hammerl ist ein reisender Herrenfriseur.

Salon kann jeder

Spezialisiert hat sich der aus der Nähe von Schweinfurt stammende Friseur auf den klassischen Männerhaarschnitt – und das an teils bizarren Orten. Im Salon schneiden ist ihm zu langweilig, er möchte die Welt entdecken. Deshalb reist er derzeit unter dem Projektnamen Königshaupt mit Kamm und Schere quer durch Deutschland – ohne Stress und Termindruck. Denn Spontanität und Gelassenheit werden bei ihm groß geschrieben: „Das ist auch wichtig, so kann man sich für jeden individuell die Zeit nehmen, die man braucht“, unterstreicht Oli seine Devise. Auf seiner To-Do-Liste für die nächsten Haarschneide-Locations steht unter anderem auch die Alte Mainbrücke in Würzburg.

Eigentlich wollte Oliver zur Feuerwehr. Zum Friseurhandwerk ist er rein zufällig gekommen – durch ein Praktikum bei seiner Schwester: „Haare haben mir schon immer Spaß gemacht, auch bei mir“, erklärt uns der Städtebummler mit Frisierstuhl. Bei sich selbst legt er allerdings nicht Hand an: Sein eigenes Königshaupt übergibt er immer noch vertrauensvoll in die Hände seiner Schwester.

Spagat zwischen Reisen und Stammkundschaft

Ist der reisende Herrenfriseur mal nicht auf Tour, tankt er in seiner Homebase neue Energie: „Mittlerweile habe ich einen Rhythmus von zwei bis drei Wochen. Da bin ich dann zwei Wochen zuhause, plane meine nächste Route und sammle wieder neue Kräfte“, erzählt uns Lord Oliver – wie er sich gerne mal nennt. In dieser Zeit stellt er natürlich seine Schweinfurter Männer zufrieden. Mittlerweile hat sich der 22-Jährige rund um Schweinfurt einen festen Stammkundenkreis aufgebaut.

Schlafplatz gegen Haarschnitt

Danach geht’s wieder für drei bis vier Wochen auf Schneidetour. Auch wenn Oli uns zunächst scherzhaft von seinem Bett im Freien erzählt, unter der Brücke schlafen muss er nicht. Unterschlupf findet der Herrenfriseur meist bei Bekannten oder via Facebook. Auch Couchsurfingportale nutzt er des Öfteren, gerade um neue Kontakte zu knüpfen. „Es war auch schon so, dass ich durch Mitfahrgelegenheiten wieder an Schlafplätze gekommen bin, sodass wir dann einfach Haarschnitt gegen Schlafplatz tauschen“, erzählt uns der sympathische Friseur.

Dem Stil treu bleiben

Nicht modern, sondern typgerecht: Hippe Frisuren haben für Oli keine Priorität, ihm ist es wichtig eine Haarfrisur zu finden, die zum Typ passt: „Jemand der lange Haare hat und auch mit zottelig-wilden Haaren cool ausschaut, bekommt auch einen Messerhaarschnitt – damit das Wilde erhalten bleibt. Jemand der wiederum etwas Elegantes sucht, der braucht seinen klassischen Kurzhaarschnitt“.

Die Frauenwelt muss Oli aber leider enttäuschen, denn Damen schneidet er grundsätzlich nicht. Das Handwerk ist für ihn klassisch auf den Männerbereich ausgelegt – er ist Herrenfriseur mit Leib und Seele – wie in alten Zeiten.

Einen Zwani für das Königshaupt

Für das besondere Schneidefeeling müsst Ihr bei Oli nicht tiefer in die Tasche greifen: er hält sich an normale Haarschnittpreise. Einen Haarschnitt bekommt Ihr für rund 20 bis 25 Euro. „Da hat man einfach noch diese Zeit hintenraus abgedeckt, weil ein Haarschnitt dauert bei mir locker auch mal eine Dreiviertelstunde. Wenn man sich am Abend sein Bier leisten kann, dann bin ich zufrieden“, erklärt Oli bescheiden.

Mit der Schere im Tulpenfeld

Oli hat schon an vielen coolen und außergewöhnlichen Plätzen geschnitten, zum Beispiel vor dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Ein paar Locations gibt’s auf seiner Wunschliste aber noch: „So was wie der Grand Canyon wäre schon mal atemberaubend. Aber auch solche einfachen Schönheiten wie ein Tulpenfeld in Holland, das komplett blüht. Einfach darin zu stehen und den kompletten Duft der Natur zu atmen. Auch sowas würde mich total anmachen“, erklärt er uns. „Mein wirkliches Reiseziel, was mir momentan aber noch ein bisschen zu viel Mut abschlägt wäre mal mit Kamm und Schere durch Indien“, fügt Oli hinzu. Gerade hält ihn noch die fehlende Erfahrung davon ab, darum zieht er vorerst „nur“ durch Deutschland, um so die heimische Tradition und Kultur kennenzulernen. Danach ist Europa im Visier des Scherenmeisters.

Bier am Main und eine neue Frisur

Eines seiner schönsten Schneideerlebnisse fand am bzw. im Main statt: „Das, woran ich immer zurückdenken muss, war mit neu kennengelernten Freunden. Wir haben uns einfach einen Grill geschnappt, ein wenig Bier und Fleisch eingekauft und sind mit dem Ruderboot auf die andere Seite vom Main gefahren. Dort den Kasten Bier ins Wasser gestellt, den Grill angeschürrt und nebenbei auf dem Bierkasten im Wasser Haare geschnitten“. Solche Sessions empfindet Oli nicht als Arbeit – wenn er das acht Stunden am Tag machen müsse, würde er wahrscheinlich noch Geld dafür bezahlen, statt welches zu verlangen, erklärt er uns.

Auf zu neuen Ufern

Momentan sitzt Oli an seiner Planung für die nächsten Haarschnittreisen. „So wie es gerade ausschaut gehe ich Richtung Grenze Frankreich runter. Und dann von Freiburg bis hoch nach Hamburg“, verrät er uns. Wenn Ihr über Oli und seine Erlebnisse mit Kamm und Schere auf dem Laufenden bleiben möchtet, könnt Ihr ihm auf seiner Facebookseite Königshaupt folgen. Dort erfahrt Ihr auch, wo Ihr Oli antreffen könnt. Vielleicht könnt Ihr Euch ja schon bald auf der Alten Mainbrücke die Haare von ihm schneiden lassen!

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