Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Erfahrungsbericht einer Fluchthelferin

Gastbeitrag von Olga, Studentin des Masterstudiengangs „International Social Work with Refugees and Migrants“ an der Fachhochschule in Würzburg.

„Ich konnte nicht anders“

Am 10.02.2016 bin ich mit einer Gruppe junger freiwilliger Helfer einfach los: auf nach Griechenland. Ziel: Geflüchteten auf ihrer Reise helfen, Erfahrung: keine. Motivation: unermesslich. Geplant war der Aufenthalt für 30 Tage; 54 Tage später sind wir in Deutschland gelandet.

Wie ich darauf gekommen bin und warum ich das mache ist wohl die häufigste Frage die mir in den letzten Wochen gestellt wurde. Die Antwort ist immer die gleiche: Ich konnte nicht anders.

„Wir müssen harte Bilder aushalten“ hat unser Außenminister vor wenigen Tagen gesagt. „Harte Bilder“ damit sind Menschen gemeint die Hunger haben, Menschen die auf der Straße leben, Kinder die in Decken gehüllt sind aber immer noch frieren, Tränengas-Angriffe der Polizisten auf ganze Menschenmassen, darunter Frauen, Kinder, ganze Familien. Ich muss gar nichts aushalten, wir müssen gar nichts aushalten. Wir müssen helfen.

Umgeblättert und vergessen

Verantwortung ist das was jeder fühlen sollte, wenn er die Nachrichten sieht, die Zeitung liest. Tote im Mittelmeer mittlerweile nichts Neues für unsere Ohren. Hunderte Menschen auf einem Gummiboot im Wasser –kennen wir schon.  Umgeblättert, umgeschaltet, vergessen…

Doch die Menschen vor Ort können nicht umschalten, können die Realität nicht ausschalten, können das Kapitel ihres Lebens nicht überspringen. Die Gründe für die Flucht sind unterschiedlich und doch gleich: Schlimme Ereignisse die keine andere Option möglich machen als sich auf den gefährlichen Weg in die Ungewissheit zu machen.

Urlaub wird zu Flüchtlingshilfe

Ich hatte die Wahl, nach meinem Bachelor-Abschluss Urlaub zu machen. Verdient hätte ich es ja. Immerhin hab ich ein langes Studium und unzählige Klausuren gerade so hinter mich gebracht. Schnell ersetzte ich den Gedanken Urlaub mit Flüchtlingshilfe und durchforstete das Internet nach Möglichkeiten. Schon bald fand ich Gleichgesinnte und eine Woche später buchten wir den Flug. Ziel: Chios, eine Insel Griechenlands, 7 km von dem türkischen Festland entfernt.

Nach den ersten Orientierungstagen, in denen wir unter anderem eine Kleiderkammer aufgebaut, gespendete Kleidung sortiert und Kontakte geknüpft haben sind wir auch schon bei den ersten Nachtschichten dabei gewesen. Nachtschicht auf Chios bedeutet Boote in Empfang nehmen.

Nachtschicht in Chios

Kam ein Boot an, bestand unsere Aufgabe darin, möglichst schnell alle Geflüchteten trocken zu bekommen und die medizinische Erstversorgung sicher zu stellen. Zunächst waren die Kinder an der Reihe: Körperwärme checken, Reaktion auf Berührungen und visuelle Reize, dann wurden die Socken und die Hosen gewechselt. So gut wie alle waren zumindest bis zu den Knien nass. War dies erledigt, zückten die meisten Geflüchteten sofort ihr Telefon, um besorgte Verwandte am anderen Ufer zu beruhigen.

Europäischer Boden – ein Privileg

Die Dankbarkeit, die Euphorie und die unglaubliche Freude darüber es auf europäischen Boden geschafft zu haben zeichnet sich in den Gesichtern ab. Du freust dich mit und denkst dir: „Schön das ihr da seid, ihr seid willkommen.“ Dann fällt dir ein, dass es noch lange nicht geschafft ist, dass diese Menschen, noch lange nicht in Sicherheit sind. Du denkst an all die rassistischen Anfeindungen die kommen werden, all die menschenunwürdigen Unterkünfte und an all die Hürden die noch zu nehmen sind. Es wird dir schlecht bei dem Gedanken an all das was die Menschen schon hinter sich gebracht haben um soweit zu kommen. Europäischer Boden… was ein Privileg hier zu leben.

Freiwillige übernehmen Regierungsarbeit

Seit nun mehr als einem Jahr kommen täglich hunderte von Geflüchteten auf Chios an. Davon sind in etwa 40% Kinder, 22 Prozent Frauen und 38% Männer (Statistik: UNHCR). Als freiwillige unabhängige Helfer, haben wir im Februar und März bereits bei der Bergung der Boote geholfen und die ankommenden Flüchtlinge anschließend mit trockener Kleidung, Wasser und Essen versorgt.

Tagsüber haben wir in großen Mengen Essen zubereitet (bis zu 1.000 Portionen pro Mahlzeit – drei Mal am Tag) und die Zeit mit den Geflüchteten verbracht, sie informiert und auf die Risiken der Weiterreise aufmerksam gemacht. In den letzten Wochen hat sich die Lage drastisch verschlechtert und die Menschen werden, seit dem EU-Türkei Abkommen, in den neu errichteten Hotspots eingesperrt. Andere stecken seit der Schließung der Grenzen in Griechenland fest – ohne Aussicht auf Weiterreise.

Nächste Fahrt im Mai

Gerade jetzt ist es besonders wichtig, richtige und verbindliche Informationen an die Geflüchteten weiter zu geben bzgl. des Asylverfahrens und der seit dem 04.04. 2016 durchgeführten Deportationen/Rückführungen in die Türkei. 

Da die Menschen in Griechenland vorerst auf unbestimmte Zeit dort feststecken wird es nun primär unsere Aufgabe sein die Grundversorgung sicher zu stellen, d.h. im einzelnen Essen zuzubereiten sowie Kleidung und Schlafsäcke zur Verfügung zu stellen.  Geplant ist die Fahrt zum ersten Mai; Ende vorerst offen.

Eure Hilfe ist gefragt

Um all dies weiterhin möglich zu machen sind die Menschen in Griechenland auf Eure Hilfe angewiesen. Ich sammele weiterhin Spenden um diese mit nach Griechenland zu nehmen und dort aktiv zu helfen. Eine Mahlzeit kostet in etwa 50 Cent. Somit ist jede noch so kleine Spende wichtig und notwendig.

Spenden an:

Kontoinhaberin: Olga Klikau

IBAN: DE64790500000047266895
BIC: BYLADEM1SWU

oder unter www.betterplace.org

Aber auch Freiwillige, die Lust und Zeit haben sich direkt vor Ort zu engagieren werden dringend gesucht. Bei Fragen zu Mitfahrmöglichkeiten schreibt mir einfach ein Nachricht über Facebook: Olga Konfettski. Dort berichte ich auch in regelmäßigen Abständen über die aktuelle Lage.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de.

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