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Ein Gastbeitrag: „Von der Angst und den Denkfehlern“

Ein Gastbeitrag von Florian Suchanek 

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Beschränkten sich zu Beginn des neueren deutschen Rechtsrucks die asylkritischen Stimmen vermeintlich noch auf von der Leistungsgesellschaft abgehängte Randgruppen, so weitet sich das Phänomen fortwährend zu einer gesamtgesellschaftlichen Problematik aus. Die tätlichen Angriffe der Kölner Silvesternacht scheinen einen Paradigmenwechsel im Kontext der geführten Debatte zu markieren. Der Beweis ist mutmaßlich erbracht – die soziokulturelle Herkunft der Täter sei die Handlungsgrundlage der begangenen Sexualdelikte. Seither überschlagen sich die Meldungen von Straftaten mit Tätern muslimischen Backgrounds. Die Eigendynamik einer sich durch Hysterie selbst bestätigenden Anschauung nimmt Fahrt auf. Unschuldsvermutungen oder gar Gerichtsverfahren werden überflüssig und individuelle Gräueltaten werden zu kollektiver Schuld stilisiert. Die Politik setzt auf Asylrechtsverschärfungen mit fataler Signalwirkung. Weiterer Aufwind für die Rechtspopulisten. Deutschland befindet sich abermals in der Spirale aus Angst, Denkfehlern und aufkeimendem Rassismus. Die Neunziger lassen grüßen.

Wo Angst herrscht ist Logik zweitrangig

Zunächst schienen die Analysen über die “Wutbürger“ treffsicher. Aus sozialen Abstiegsängsten heraus wurden zur Selbstentlastung Sündenböcke für die eigene Situation gesucht. Die Theorien waren zwar oft folgerichtig, doch der Komplexität des Themas nicht gewachsen. Eher eine Art Selbsterhöhung als ein Lösungsansatz. Doch nun droht die sogenannte Mitte der Gesellschaft selbst auch ein Teil dieser Epidemie zu werden. Die Angst geht wieder um. Die Angst vor dem Fremden. Und wenn wir eines aus der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt haben sollten, dann, dass niemand gefeit ist vor der grassierenden Seuche des Fremdenhasses und den damit verbundenen Denkfehlern. Eine umfassende psychologische und soziologische Analyse der gegenwärtigen Gesamtsituation würde hier wohl den Rahmen sprengen, beschränken wir uns fürs erste einmal darauf, dass Ängste jeden befallen und teils irrational sein können. Und wo Angst herrscht ist Logik zweitrangig.

Sexualisierte Gewalt ist nicht importiert

Ein Beispiel. Von den Angriffen betroffene Frauen oder sich dazu äußernde Feministinnen, welche sich gegen eine Instrumentalisierung der Vorkommnisse durch Rechtspopulisten wehren, wird teilweise das Recht abgesprochen ihre Meinung über das Geschehen selbst einzuordnen. Manche meinen, Sie müssten sich hier als Beschützer positionieren, da diese Frauen die Tragweite der Ereignisse vermeintlich nicht zu verstehen scheinen. Eine Art der Bevormundung, welche sich durchaus mit einer sexistischen Rollenverteilung erklären lässt. Denn sexualisierte Gewalt, sowie deren Nährboden, dem Sexismus, ist in der einen oder anderen Form im Jahr 2016 in Deutschland noch immer an der Tagesordnung. Dass dies jemand nicht versteht, der sich erst seit dem 4. Januar für den Schutz von Frauen vor Übergriffen interessiert, zeigt einmal mehr die Doppelmoral, die hinter solchen Aussagen steckt. Doch sexualisierte Gewalt ist nicht importiert und hat keine Ethnie. Jährlich werden in Deutschland etwa 47000 Fälle von Angriffen gegen die sexuelle Selbstbestimmung bekannt und etwa 8000 Strafanzeigen wegen Vergewaltigungen bei der Polizei gestellt. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Laut der Organisation “Terre des femmes“ ist in Deutschland im Durchschnitt jede 7. Frau von sexueller Gewalt bereits betroffen gewesen.

Der Mythos der Lügenpresse

Ein weiteres Beispiel. Die Anklage – es würden Fakten zurückgehalten, die die Ausländerkriminalität betreffen, um eine funktionierende Integration vorzuspielen und eine Massenpanik zu verhindern. Die Assoziation zum Kampfbegriff “Lügenpresse“ liegt nahe. Doch wenn man es genau betrachtet steht seit mehr als 14 Tagen in einem Großteil der Medien die soziokulturelle Herkunft der Täter im Vordergrund. Die daraus zu ziehenden Konsequenzen werde hitzig diskutiert und selten überhaupt mal die Frage gestellt, ob denn der geschlossene Zusammenhang zwischen Tat und ethnologischer Zugehörigkeit überhaupt schlüssig ist. Das Paradoxe daran, die öffentliche Debatte wird als Beweis der bisherigen Zurückhaltung von Fakten angesehen. Zum Vergleich fristen Meldungen von rassistisch motivierten Hetzjagden und brennende Flüchtlingsheime ihr Dasein nur als Randnotiz. Alles wie gehabt. Die Neunziger grüßen nicht mehr, Sie sind längst wieder eingezogen und haben das Gebäude besetzt. Und ja es geht noch polemischer! Vielleicht haben wir uns seit dem NSU am rechten Terror einfach nur schon sattgesehen.

Kein Zusammenhang zwischen Herkunft und Kriminalitätsrate

Zum Kern. Bei einem mehrheitlichen Anteil der verübten Straftaten der Silvesternacht handelte es sich um Raubdelikte, bei denen die sexualisierte Gewalt im Sinne des “Antanztricks“ angewandt wurde. Dieser Blickwinkel wird gern vernachlässigt. Dies schmälert jedoch weder die Schuld der Angreifer noch das Leid der Opfer. Sieht man die Religionszugehörigkeit und den Kulturkreis hier als Handlungsmotivation hinsichtlich eines konservativen Frauenbildes und im Sinne des größeren Ganzen, müsste man konkreterweise auch die gesellschaftliche Verantwortung im Bezug auf krimineller Abschottung durch soziale Ausgrenzung beleuchten. Doch dies passt vielen einfach nicht ins Argumentationsschema. Es ist nicht so schön Schwarz-Weiß. Laut dem Innenministerium besteht statistisch gesehen weder ein Zusammenhang zwischen Zuwanderung und einer gesteigerten Kriminalitätsrate noch einem Anstieg der Anzahl von Sexualdelikten in Deutschland. Die Taten der Silvesternacht sind nicht zu tolerieren und gehören ausnahmslos aufgeklärt und dementsprechend bestraft. Nur, betrachtet man die Ereignisse isoliert und besteht dennoch weiterhin darauf, dass die Glaubensrichtung der ausschlaggebende Faktor der Taten war, schmälert man nur die Eigenverantwortlichkeit der Beschuldigten für ihr Handeln. Gleichzeitig stellt man Millionen von Menschen unter Generalverdacht.

Die “Ingroup/Outgroup“Theorie

Einen interessanten psychologischen Aspekt sollte man hier dennoch nicht außer Acht lassen. Der Mensch neigt zum Schubladendenken. Die “Ingroup/Outgroup“ Theorie. Zusammengefasst: Wer nicht Teil der Gruppe ist, derer sich ein Individuum zugehörig fühlt, dem schreibt man automatisch negativere Eigenschaften als den Menschen der eigenen Gruppe zu. Um als fremd gekennzeichnet zu werden, dienen Äußerlichkeiten, aber es genügen auch kulturelle Unterschiede wie Religionszugehörigkeit. Diese Theorie beschreibt die Grundlage aller Vorurteile. Es ist ein irrationales Ratingsystem. Doch mit zunehmender Komplexität der Sachverhalte, die unsere Welt beschreiben, stoßen solche Denkmuster schnell an ihre Grenzen. Was ist heute schon noch eine homogene Gruppe? Das Christentum? Ob man jetzt katholisch oder evangelisch ist, Muslim oder Jude, jeder hat eine eigene Auffassung zu den Grundsätzen der betreffenden Religion. Nicht jeder Christ ist gegen Homosexualität oder Abtreibung. Die Rollenverteilung der Geschlechter in der Bibel ist eher konservativ, doch für viele Christen nicht mehr akzeptabel. Glaube ist immer mit der individuellen Moral verbunden und kann nicht als allgemeingültig angesehen werden. Oder besteht unsere homogene Gruppe etwa aus der deutschen Staatsangehörigkeit? Geschichtlich gesehen war die Entstehung von Nationalstaaten und dem damit verbundenen Zugehörigkeitsgefühl auf eben jene, dem Streben nach Macht geschuldet. Natürlich gab es bei deren Entstehung kulturelle Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel der Sprache, aber der deutschsprachige Raum an sich stellt ja auch keine gesonderte Einheit dar. Man denke nur an Schweiz und Österreich. Grenzen sind im Grunde willkürlich. Übrig gebliebene Frontlinien. Wie viele unserer Befürchtungen nur ein reines Gedankenkonstrukt.

Angst der schlechteste Ratgeber

Zusammenfassend lässt sich nur sagen, es handelt sich um ein sehr komplexes Themengebiet, bei dem es fast unmöglich scheint die volle Bandbreite abzudecken und bei dem auch schnell Mal die Gefühle mit einem durchgehen können. Doch wenn man sich in dieser Debatte schon von Emotionen leiten lässt, dann sollte es wohl eher Mitgefühl als Angst sein. Mitgefühl für die Opfer der Sexualdelikte. Und vor dem Hintergrund des Generalverdachts, auch Mitgefühl mit den Hunderttausenden Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat durch Tod und Zerstörung vertrieben worden sind und nichts aber auch gar nichts mit der Kölner Bande zu tun haben. Angst war schon immer der schlechteste Ratgeber.

Über den Autor

Florian Suchanek ist ein ehemaliger Lehramtsstudent in Würzburg. Er kommt ursprünglich aus der Oberpfalz und war bisher in verschiedensten Ausprägungen politisch aktiv, wie zum Beispiel dem Aufbau eines Netzwerkes gegen Rechtsextremismus in seiner Heimatstadt. Zurzeit lebt er in Thüringen und orientiert sich beruflich um in Richtung redaktioneller Arbeit bei Print- und Onlinemedien.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an:redaktion@wuerzburgerleben.de.

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