Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Edith Piaf und der Komponist aus Würzburg – Teil 3

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem neuen Buch von Roland Flade, „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“: 

Flucht vor den Nazis

Glanzbergs Flucht ging weiter, diesmal über Nizza, Marseille und Antibes – immer in Angst vor der drohenden Deportation. In Marseille, das in der freien Zone lag, hatte er eine schicksalhafte Begegnung mit einen berühmten Sänger: „Komischerweise kam ich an der Côte d’Azur in Kontakt mit Tino Rossi. Als unbekannter Ausländer kam man ja damals mit den berühmten Stars sonst nicht in Berührung. Ich musste mir ein korsisches Kostüm anziehen, um ihn zu begleiten.“

Wie durch ein Wunder überlebte er mit Hilfe seiner Musikerfreunde, allen voran Tino Rossi und Edith Piaf, mit der er zeitweise eine stürmische Liaison hatte. Sie organisierte sein Versteck am Mittelmeer im Schloss einer Gräfin und rettete ihm so das Leben. Damals schrieb er sein erstes großes Chanson für sie, das später unter dem Titel „Padam … Padam“ zu einem Welterfolg wurde.

„Chanson für Edith“

Die Würzburger Journalistin Astrid Freyeisen, die für den Bayerischen Rundfunk in München arbeitet, hat 2003 die Geschichte Norbert Glanzbergs in ihrem Buch „Chanson für Edith“ erzählt. Inzwischen ist es unter dem Titel „Chanson pour Piaf“ auch auf Französisch erschienen.

Rückkehr nach Deutschland

Nach der Befreiung kehrte Glanzberg nach Paris zurück. Er tourte mit Tino Rossi durch die Welt, tingelte auf Luxuslinern und war schließlich erneut als Filmkomponist erfolgreich; Chansons wie „Moi je m’en fous“ und „Les grands boulevards“ für Yves Montand entstanden, außerdem über 30 Kompositionen für Filme wie „Die Braut ist zu schön“ mit der jungen Brigitte Bardot oder „Der Kurier des Zaren“ mit Curd Jürgens. Glanzberg schrieb Hits wie „Chariot“, mit dem Petula Clark 1962 berühmt wurde, und für die Piaf „Mon manège a moi“ und „Au bal de la chance“. Die beiden blieben bis zu ihrem Tod 1963 in Kontakt.

Hier singt Yves Montand „Les grands boulevards“:

Dauer-Weihnachtshit in Frankreich

Norbert Glanzbergs Lied „Nöel c’est l’amour“ entwickelte sich in Frankreich zum Dauer-Weihnachtshit. In dieser Aufnahme wird es von einem Warschauer Chor gesungen:

Wiedersehen mit Freudentränen

Völlig überraschend war es schon lange vorher zu einer Wiederbegegnung mit dem Würzburger Jugendfreund Kurt Frank gekommen, der nach Göteborg emigriert war. Frank: „Durch den Krieg wussten wir nichts mehr voneinander. Ungefähr im Jahre 1952 sah ich eine Annonce in der Zeitung für ein Konzert von Tino Rossi. Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich las: ‚Begleitung Norbert Glanzberg mit Orchester’. Der Augenblick des Wiedersehens in Göteborg war unbeschreiblich – die Tränen flossen und flossen. Nach dem Konzert veranstaltete Tino Rossi eine große Wiedersehensfeier für uns in einem großen Restaurant.“

Schon 1947 hatte Glanzberg, ebenfalls im Rahmen einer Tournee mit Tino Rossi, den gleichfalls aus Würzburg nach Schweden ausgewanderten ehemaligen Weinhändler Hans Stern getroffen. Auf einer Straße in Stockholm entstand ein Erinnerungsfoto. Norbert Glanzberg steht rechts.

Besuch in der Heimat

1957 besuchte Kurt Frank seinen Freund Glanzberg in Paris: „Vom Teilerlös für seinen Hit ‚Padam … Padam’ hatte er ein Kino gekauft, in dem er alte klassische Filme spielen ließ. Typisch für Norbert war, dass er 1975 ohne Voranmeldung plötzlich in Göteborg auftauchte. Natürlich hatten wir auch da einander bis tief in die Nacht hinein viel zu erzählen.“ Im Jahr zuvor hatte Glanzberg mit seinem 14-jährigen Sohn Serge auch Würzburg besucht.

Glanzbergs Kreativität beschränkte sich nicht auf Chansons und Filmmusiken; seine „Jiddische Suite“, ein von Isaac B. Singer inspiriertes Werk für zwei Klaviere, wurde in Jerusalem anlässlich der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag des Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit entstand dieses Video:

In der Tradition des romantischen Kunstliedes komponierte er die Musik zur Anthologie „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ mit Gedichten von Widerstandskämpfern und Naziopfern. Gisela May sang diese „Holocaust-Lieder“ 1991 in Berlin, Hanna Schygulla 1998 beim denkwürdigen Konzert in Würzburg.

In dieser Aufnahme wird eines der „Holocaust-Lieder“ von Coline Hardelauf gesungen, am Klavier begleitet von Patricia Martin:

Atemlose Spannung in Würzburg

Ganz zum Schluss des fast dreistündigen Würzburg Konzertabends, in dessen Zentrum die „Jiddische Suite“ und die „Holocaust-Lieder“ standen, trug Hanna Schygulla dann doch noch eines seiner mitreißenden Chansons vor und holte den Komponisten auf die Bühne. Norbert Glanzberg setzte sich ans Klavier und spielte in die atemlose Spannung hinein „Padam … Padam“.

Er hätte viel mehr leisten können, wenn es nicht zu dem gekommen wäre, was kam, sinnierte Glanzberg am nächsten Tag vor Journalisten. Doch er klagte nicht an. Stattdessen berichtete er von Menschen, die ihn und die Familie während des Nazi-Terrors geschützt hatten. „Etwas wiederzufinden, was mir auch einmal gehörte, wo ich hingehörte, war natürlich sehr bewegend“, sagte er später im Gespräch mit Roger Willemsen. „Ich wurde mit wunderbarer Wärme von Würzburgern, die ich gar nicht kannte, aufgenommen. Es war wirklich sehr berührend, wohltuend, und das hat mich ein bisschen – nicht vergessen, aber übertünchen – lassen, was wirklich geschehen ist.“

Gedenktafel zu Ehren des Würzburger Komponisten

Norbert Glanzberg starb am 25. Februar 2001. Zwei Jahre zuvor hatten die Würzburger Domsingknaben sein Weihnachtslied „Nöel c’est l’amour“ gesungen; Bischof Paul-Werner Scheele hatte mit ihm Klavier gespielt. Im Mai 2004 wurde in Anwesenheit von Glanzbergs Sohn Serge eine Gedenktafel am Haus Wolfhartsgasse 6 enthüllt.

Jakob Strauß, der Erbauer des Central-Theaters, floh, da er wie Glanzberg Jude war, mittellos in die USA, wo er sich im Bundesstaat New Jersey eine neue Existenz als Hotelier aufbaute. Mehrmals kehrte er nach dem Krieg nach Würzburg zurück, doch seine Pläne, das C.C. und das Central-Theater wieder aufzubauen, ließen sich nicht verwirklichen. Er starb 1956 in den USA.

Kurt Franks Schwester Ilse, die Schauspielerin, wurde im September 1942 mit ihrem Mann und ihrer vierjährigen Tochter in Riga ermordet. Norbert Glanzbergs Klassenkameradin Judith Sirkus nahm sich 1943 das Leben.

„Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“

Wir entnahmen den Artikel dem neuen Buch von Roland Flade „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“, das im Verlag der Main-Post erschienen ist. 304 Seiten, 138 Fotos, davon viele in Farbe, 14.95 Euro.

Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“ postet Roland Flade zudem regelmäßig historische Augenzeugenberichte und Artikel zu geschichtlichen Themen.

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