Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Edith Piaf und der Komponist aus Würzburg – Teil 2

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem neuen Buch von Roland Flade, „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“: 

Norbert Glanzberg: frech und erfolgreich!

„Das war frech von mir, aber ich war 18 Jahre alt“, sagte Glanzberg später. „Oppenheim ist hinterher zu mir gekommen, hat mir Komplimente gemacht und gesagt, ich könne mir was wünschen. Ich habe geantwortet: Ich will dirigieren.“ Als eine Grippewelle das halbe Ensemble lahmlegte, kam Norberts Chance. Er durfte das Dirigat bei einer neuen Oper von Hugo Wolf übernehmen. Das tat er so überzeugend, dass man ihn anschließend auch für „Peer Gynt“, „Das Weihnachtsmärchen“ und „Rumpelstilzchen“ ans Pult ließ.

 

Die historische Ansichtskarte aus der Sammlung von Willi Dürrnagel zeigt das alte Würzburger Stadttheater. Es stand nicht an der Stelle des heutigen Mainfranken Theaters sondern am Eck Theaterstraße/Spiegelstraße, da wo sich heute ein Reisebüro befindet.

Nationalsozialistischer Widerstand in Würzburg

Als Intendant Paul Smolny im Frühjahr 1929 das Berliner Skandalstück „Dreigroschenoper“ aufführen wollte, war Norbert Glanzberg, immer noch 18 Jahre alt, als musikalischer Leiter vorgesehen. Das Projekt musste dann freilich gestoppt werden, weil der klerikale und der erwachende nationalsozialistische Widerstand in Würzburg zu groß war.

Angesichts der beginnenden Weltwirtschaftskrise beschloss der Würzburger Stadtrat im Jahr 1929, Oper, Operette und philharmonische Konzerte abzubauen. Das Musiktheater wurde geschlossen. Dies nahm der Unterhaltungsunternehmer Jakob Strauß zum Anlass, mit dem Central-Theater in der Eichhornstraße ein eigenes weltstädtisches Haus für Musikaufführungen zu errichten. Strauß betrieb dort bereits das Kleinkunstlokal C.C. und ein Hotel.

Entlassungswelle am Stadttheater

Von der Entlassungswelle am Stadttheater war auch Norbert Glanzberg betroffen. Hans Oppenheim vermittelte seinen Musterschüler ans Stadttheater Aachen, wo Ilse Frank, Tochter der kunstsinnigen Glanzberg-Fördererin Sonja Frank, als Schauspielerin engagiert war. Nach einem kurzen Aufenthalt in Aachen landete er durch einen glücklichen Zufall in Berlin. Seine aus Würzburg stammende Freundin, eine Tänzerin, bewarb sich 1930 in Berlin im berühmten Admiralspalast für eine neue Revuebearbeitung der „Csardasfürstin“ mit Hans Albers. Am Klavier begleitete sie beim Vortanzen Norbert Glanzberg.

Und dann geschah das Überraschende: Komponist Emmerich Kálmán und der Chef des Admiralspalastes, Hermann Haller, waren interessiert an der Darbietung – allerdings nicht an jener der Tänzerin sondern an der des Pianisten. Sie engagierten Glanzberg vom Fleck weg als zweiten Kapellmeister. In Berlin wohnte er mit Ilse Franks Bruder Kurt zusammen, der sich als sein älterer Bruder betrachtete. Etwa zehn Tage lang dirigierte Kálmán die „Czardasfürstin“ selbst, danach übernahm Norbert Glanzberg,

„Ich spürte schon damals: Es roch nach etwas.“

Dessen Karriere nahm nun Fahrt auf. Die UFA beschäftigte ihn als Komponisten für die Komödie „Der falsche Ehemann“, Billy Wilders letztem deutschen Film. Glanzberg schrieb die Filmmusik und das Lied „Hasch mich“, interpretiert von den Comedian Harmonists. Es wurde zu einem der größten Schlager der Berliner Saison 1931.

Auf diesem Video ist ein Ausschnitt aus dem Film „Der falsche Ehemann“ mit dem Auftritt der Comedian Harmonists zu sehen:

Immer wieder stand Norbert Glanzbergs Vater vor dem Würzburger „Lu-Li“-Kino, wo der Name des Sohnes neben dem der Stars stand. Kurt Frank erlebte, wie Norbert mit 5000 Mark nach Hause kam und ihn bat, die Summe für ihn zu verwahren, da er nicht mit Geld umgehen konnte. „Aber“, sagte Norbert Glanzberg später, „Ich spürte schon damals: Es roch nach etwas.“

Flucht vor den Nazis nach Paris

Von der Filmzeitung der Nazis in einem Hetzartikel persönlich angegriffen, floh er im Sommer 1933 nach Paris, wo er sich zunächst als Verkäufer durchschlug, wie er Roger Willemsen berichtete: „Ich versuchte, in der Gegend der Börse Büromaterial zu verkaufen, aber ich hatte kein Talent.“ Jahrelang bekämpfte er danach seinen Hunger mit schlecht bezahlten Engagements als Pianist in zweifelhaften Kneipen und in Django Reinhards Band.

Eines Tages spielte er mit Reinhardt für eine unbekannte, winzige Sängerin. „Sie musste ihre Stimme mit einem Megaphon verstärken und sammelte ihr Geld in einem Blechteller ein“, erzählte er später. „Django lachte mich aus und sagte mir, dass ich als boche, als deutsches Sauerkraut, sie ohnehin nicht verstehen würde. Das war meine erste Begegnung mit Edith Piaf.“

Rettung während der „Kristallnacht“

In Würzburg erlebten unterdessen seine Eltern in ihrer Wohnung in der Wolfhartsgasse den Novemberpogrom von 1938. Bei einem Besuch in Würzburg berichtete Glanzberg 1998, wie ausgerechnet ein im Hause wohnender SA-Mann sie vor den Nazis schützte indem er vorgab, die Glanzbergs seien nicht zu Hause. Kurz darauf wanderten die Eltern zu ihrer Tochter in die USA aus.

In diesem Video schildert Norbert Glanzberg die Rettung seiner Eltern während der sogenannten „Kristallnacht“:

In Frankreich landete Glanzberg Filmhits wie „Sans penser“ für die Chansonnière Lys Gauty. Geld sah er allerdings keines: „Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis ein musikalisches Werk oder ein Chanson Tantiemen abwirft. Und als die Tantiemen endlich da waren, waren leider auch die Deutschen schon da und ich habe nie etwas davon gesehen.“ Inzwischen war es zudem verboten, Werke von jüdischen Komponisten oder Autoren aufzuführen und er musste seine Kompositionen unter falschem Namen verkaufen.

Teil 3: Flucht vor den Nazis

Wie Norbert Glanzbergs Flucht in Angst vor einer drohenden Deportation weiter geht und was für eine schicksalhafte Begegnung er macht, erfahrt Ihr im 3. Teil des Gastbeitrags „Edith Piaf und der Komponist aus Würzburg“ aus dem neuen Buch von Roland Flade, „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“, das im Verlag der Main-Post erschienen ist304 Seiten, 138 Fotos, davon viele in Farbe, 14.95 Euro.

Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“ postet Roland Flade zudem regelmäßig historische Augenzeugenberichte und Artikel zu geschichtlichen Themen.

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