Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Edith Piaf und der Komponist aus Würzburg – Teil 1

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem neuen Buch von Roland Flade, „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“: 

Pianist, Dirigent und Komponist Norbert Glanzberg

Die hochemotionale Veranstaltung am 14. März 1998 in der Würzburger Musikhochschule wird niemand, der dabei war, jemals vergessen: Der 87-jährige Pianist, Dirigent und Komponist Norbert Glanzberg war aus Frankreich, wo er dem Holocaust entkommen war, für ein triumphales Konzert in seine frühere Heimatstadt zurückgekehrt. Es war Edith Piaf, die ihn vor den Nazis in einem Schloss am Mittelmeer versteckte. Ohne sie hätte er den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt.

 

„Jiddische Suite“

In diesem Video verfolgt Norbert Glanzberg die Proben für die von ihm komponierte „Jiddische Suite“ für zwei Klaviere. Auszüge aus der „Jiddischen Suite“ wurden auch beim Konzert in der Musikhochschule vorgetragen.

Wolfhartsgasse – Wohnviertel für viele Juden

Norbert Glanzberg kam am 12. Oktober 1910 in der galizischen Stadt Rohytyn, die heute in der Ukraine liegt, zur Welt. Die Familie wanderte nach Würzburg aus, als Norbert ein Jahr alt war. 1914 wurde hier die Schwester Liesel geboren. Der Vater Samuel arbeitete als Vertreter der Schweinfurter Weinhandlung Mohrenwitz und musste als Sanitätssoldat der österreichisch-ungarischen Armee in den Ersten Weltkrieg ziehen.

Die Familie war arm und wohnte in der Wolfhartsgasse in einem Viertel, in dem sich viele minderbemittelte Juden, die oft ebenfalls aus Polen stammten, niedergelassen hatten. Das Foto der Wolfhartsgasse aus der Sammlung der Geschichtswerkstatt entstand vor der Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945.

„Mama, warum weint die Musik, warum lacht die Musik?“

„Als ich ein Jahr alt war, kam ich nach Würzburg und wusste gar nicht, was Polen ist“, sagte Glanzberg kurz vor seinem Tod im Gespräch mit dem Schriftsteller Roger Willemsen. „Meine Eltern waren polnisch und ich hatte einen polnischen Pass.“ Die sogenannten Ostjuden – meist Polen, zum kleineren Teil Russen – bildeten eine eigene, wenn auch nicht homogene Gruppe in der jüdischen Gemeinde; sie stellten etwa zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung, die 1910 2514 Personen umfasste.

Die Mutter Malka, die als Näherin die Familie im Krieg über Wasser hielt, nahm den Jungen gelegentlich in Stummfilme mit, die im „Lu-Li“-Kino in der Domstraße liefen und die ein kleines Orchester begleitete. „Mama, warum weint die Musik, warum lacht die Musik?“ fragte er sie. Schon damals faszinierte ihn die Möglichkeit, mit Instrumenten Gefühle auszudrücken.

Ein musikalisches Wunderkind

Norbert war, wie sich bald herausstellte, ein musikalisches Wunderkind. Geschickt spielte er bereits als Dreijähriger auf der Mundharmonika. Eine wichtige Förderin des Knaben wurde Sonja Frank, die aus Wilna stammende Ehefrau des in Buttenhausen geborenen Hermann Frank. Beide betrieben in der Theaterstraße die Firma Meyer & Lißmann, das führende Damenmodehaus Würzburgs; die Familie gehörte zum wohlhabenden jüdischen Establishment der Stadt.

Sonja Frank war im Vorstand des jüdischen Kindergartens aktiv, den zahlreiche Kinder aus ärmeren Familien besuchten. Eines Tages fiel ihr der Mundharmonika spielende Norbert auf; sie beschloss, ihm eine Karriere als Musiker zu ermöglichen und übernahm später teilweise die Kosten seiner Ausbildung am Würzburger Konservatorium.

Der Weg zum Eliteschüler

Nachdem er vier Jahre lang die jüdische Volksschule besucht hatte, wechselte Norbert auf das Realgymnasium, das heutige Siebold-Gymnasium. Ein Foto zeigt ihn im Schuljahr 1924/25 mit seinen Klassenkameraden, unter denen sich sieben weitere jüdische Buben und Mädchen befanden – beredtes Zeichen für das Bestreben jüdischer Eltern, ihren Kindern durch Bildung eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Norbert ist der Junge hinten rechts, der mit verschränkten Armen vor der Regenrinne steht. Das zweite Kind aus der ostjüdischen Gruppe ist die 1911 geborene Judith Sirkus, deren Familie aus Tarnopol in Galizien (heute Ternopil, Ukraine) stammte. Sie steht in der dritten Reihe in der Mitte und ist an ihren Locken zu erkennen.

Judiths Vater Albert Sirkus vertrat die Ostjuden im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde; er betrieb das „Schuhhaus zur Rehhecke“. Zeitgenossen schildern ihn als kultivierten Mann, der sich in der deutschen Philosophie auskannte und gerne über Nietzsche und Schopenhauer diskutierte. Seine Tochter bestand das Abitur und begann danach ein Medizinstudium.

Schulabbruch und erste Auftritte

Norbert dagegen war ein schlechter Schüler, dessen Leistungen weit unter seinen Möglichkeiten blieben. Viel mehr interessierte ihn der Unterricht in der Klavierschule. Eines Tages hörte Hermann Zilcher, Direktor des Staatskonservatoriums, den 14-Jährigen einige seiner eigenen Kompositionen spielen. Er bescheinigte ihm Talent, lud ihn ein, Kurse am Konservatorium zu besuchen und nahm ihn schließlich in den Kreis seiner Eliteschüler auf. Mit 16 Jahren verließ Norbert gegen den Rat der Eltern das Gymnasium. Erste Auftritte mit anderen Konservatoriumsschülern brachten ihm gute Kritiken ein.

Auch die Bühne faszinierte den jungen Glanzberg, der auf diesem Foto als junger Pianist zu sehen ist. In den zwanziger Jahren bot das Stadttheater gelegentlich avantgardistische Stücke, Bühnenbilder, die vom Bauhaus geprägt waren, und modernes Musiktheater. Dafür verantwortlich war unter anderem der jüdische Kapellmeister Hans Oppenheim, der später nach England emigrierte.

Ohne Gehalt aber dafür am Klavier

Das Theater hatte es sich damals auch zur Aufgabe gemacht, junge Talente zu fördern. Norbert Glanzbergs Begabung war so offensichtlich, dass er schon als knapp 18-Jähriger einen Vertrag mit dem Theater abschloss. Er war nun Kapellmeister-Volontär und Solo-Repetitor, zwar ohne „Gehalt oder sonstige Entschädigung“, aber das war Norbert, der weiter bei seinen Eltern im Haus Wolfhartsgasse 6 lebte, gleichgültig. Er würde mit den Sängern die Rollen einstudieren und wohl auch gelegentlich Klavier spielen dürfen!

Tatsächlich wurde er schon bald als Pianist in „Intermezzo“ von Richard Strauss eingesetzt – es war schwere, weil moderne Musik. Eine besonders dramatische Situation in seiner Karriere – und einen entscheidenden Dreh- und Angelpunkt – beschreibt Astrid Freyeisen in ihrer Glanzberg-Biographie „Chanson für Edith“: Als „Intermezzo“ anlief, saß Norbert bestens vorbereitet am Klavier. Ganz in der Nähe stand Kapellmeister Oppenheim am Pult; er holte aus und zertrümmerte mit seinem Dirigentenstab versehentlich Glanzbergs Klavierlampe. Dieser konnte zwar keine Noten mehr sehen, gab dem entsetzten Dirigenten aber ein Zeichen, trotzdem weiterzuspielen – den ganzen ersten Akt lang, der eine Stunde dauerte.

Teil 2: Fortsetzung von Norberts Erfolgsgeschichte

Wie Norbert Glanzberg seine Chance nutzt als eine Grippewelle das halbe Ensemble lahmlegt und seine Karriere trotz des wachsenden nationalsozialistischen Widerstandes fortsetzt, erfahrt Ihr im 2. Teil des Gastbeitrags „Edith Piaf und der Komponist aus Würzburg“ aus dem neuen Buch von Roland Flade, „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“, das im Verlag der Main-Post erschienen ist. 304 Seiten, 138 Fotos, davon viele in Farbe, 14.95 Euro.

Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“ postet Roland Flade zudem regelmäßig historische Augenzeugenberichte und Artikel zu geschichtlichen Themen.

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