Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Social Media: „Verlernen wir, wie man nach Namen frägt?“

Ein Gastbeitrag von Ruth Hümmer-Hutzel 

Viel „Zuviel“ und doch viel „Zuwenig“ – die Generation der Fremde in der Nähe

Ich sitze an meinem Schreibtisch, möchte mich gerade konzentrieren, Max Webers Abhandlung über „soziale Gebilde“ zu folgen, da dreht mein Nachbar die Art von Musik auf, die meiner Konzentration nicht gerade förderlich ist. In diesem Moment frage ich mich schon, ob die Privatsphäre des Anderen denn auch Teil meiner Privatsphäre sein muss. Ich kann nicht immer selbst das Maß an Kommunikation bestimmen, das mich umgibt. Das schränkt mich ein und nimmt mir einen Teil meiner Freiheit. Ähnlich ist es mit den Beziehungen, in denen ich lebe und die Freundschaften, die ich ständig gegen andere Freundschaften austausche.

Die digitalen Medien helfen uns, Beziehungen einzugehen und längst eingeschlafene Freundschaften wach zu küssen. Ist diese neue Art der Kontaktknüpfung ein nicht mehr wegzudenkendes Zeichen der Zeit oder das Ergebnis einer besorgniserregenden Entwicklung? Kommunizieren heißt: jemanden etw. mitteilen, mit jemandem sprechen, aber auch jemanden an etwas teilhaben lassen. Lieber Nachbar, du musst mich nicht dazu nötigen, deine Lieblingsmusik zu hören! Manchmal wollen wir nicht „kommunizieren“, müssen es aber, als Opfer infolge einer weit entwickelten Massentechnologie.

Internet – „Symbol für optimierte Kommunikation“

Beziehungen leben von zwischenmenschlicher Kommunikation. Das Internet gilt als „Symbol für optimierte Kommunikation“ (Debatin) und andererseits als ethische Herausforderung, die der Medienethik neuen Diskussionsstoff liefert. Etymologisch betrachtet sind soziale Beziehungen Interaktionen, die zwischen Personen oder zwischen Personen und Gruppen bestehen können. Sie lassen sich hinsichtlich ihrer Dauer (kurzzeitig vs. überdauernd), ihrer Inhalte (Attraktivität, Aggression, Machtverteilung), ihrer Konsequenzen (minimal vs. maximal), ihrer Intensität (hohes vs. geringes Ausmaß), ihrem Verpflichtungsgrad (freiwillig vs. unfreiwillig) und der Anzahl an Betroffenen (zwei oder mehr) unterscheiden.

Diese Differenzierungsmöglichkeiten zeigen uns an, dass zwischenmenschliche Abläufe hochkomplex sind und stets äußeren Einflüssen unterliegen. Daher ist es offensichtlich, dass sich die Beziehungen der Menschen untereinander verändern müssen, wenn sich unsere Umwelt verändert, wenn uns neue Möglichkeiten zur Interaktion – wie derzeit über Facebook oder WhatsApp – geboten werden.

„Ein Blick sagt mehr als tausend Worte“

Auch das Sprichwort „Ein Blick sagt mehr als tausend Worte“ ist wichtiger denn je in einer Gesellschaft, deren Mitglieder aus Zeitgründen lieber rasch eine WhatsApp-Nachricht verfassen als sich Zeit für eine persönliche Begegnung zu nehmen. Es kommt zu einer Trennlinie zwischen medienvermittelter (Massen-)Kommunikation und unmittelbarer Kommunikation des Gesprächs (face to face). Daher ermöglicht digitale Kommunikation nicht nur die Aufhebung von Grenzen, sondern trennt Menschen zugleich voneinander. Während die technische Entwicklung beschleunigt wird, verlieren unsere kommunikativen Fähigkeiten an Substanz und unsere sprachliche Ausdruckskraft verschlechtert sich: Abkürzungen sollen mal schnell verdeutlichen, dass man jemanden lieb hat; Smileys werden genutzt als Stellvertreter um zu sagen, dass man sich auf jemanden freut; SMS, die ihrem Namen nach „short“ (kurz) sind, verkürzen auch unsere Kompetenz, einen grammatikalisch korrekten Satz zu verfassen.

Die Beziehung zu den Menschen, die in meiner Nähe leben, kann ich aktiv mitgestalten. Ich kann Distanz schaffen oder sie durch eine Einladung zum Abendessen reduzieren. Ich kann ein soziales Netz knüpfen und selbst entscheiden, wie dicht dieses sein soll, wie gut es gearbeitet ist.

Was ist das für ein Netz, das wir „sozial“ nennen?

An der englischen Sprache ist gut erkennbar, dass unterschiedliche Arten von Netzen möglich sind: ein Fischernetz (net), Vernetzung im Business (network), ein U-Bahn-Netz (system), ein Netz (web), oder das Internet (the Net). Aber was ist das für ein Netz, das wir „sozial“ nennen? Wann bezeichne ich meinen Nachbarn als Nachbar? Wie weit darf er von mir entfernt sein? Ein soziales Netz, das ist ein mehr oder weniger großes Agglomerat an Beziehungen, in die ich eingebunden bin. Es sollte mir nützlich und ein stabiler Untergrund für mich und für meinen „socius“ (Gefährte, Freund) sein. Aber es gibt oft Situationen, wo es diese Anforderungen nicht erfüllt, wo sichtbar wird, dass ein soziales Netz überlebenswichtig ist.

Im amerikanischen Englisch gibt es die Redewendung „to fall through the cracks“ (= aus dem sozialen Netz herausfallen). Es ist wahrhaftig ein „crack“ (Riss) im Leben, wenn man daraus hinausfällt. Für manche ist es das schon, wenn sie aus dem „social network“, sprich Internet und Facebook, herausfallen, sobald sie keinen Internetzugang haben. Wer süchtig nach diesen sozialen Netzwerken ist, wird dann schnell unruhig, depressiv und verzweifelt. Unser deutsches Sprichwort „jemandem ins Netz gehen“ ist eine Anspielung darauf, dass ein Netz auch eine Falle sein kann. Dies ist der Fall, wenn Menschen nicht mehr wissen, ob ein Netz dicht ist oder löchrig, d.h. wenn man nicht mehr fähig ist, zu erkennen, wer ein Freund ist und damit das Netz stabilisiert, oder wer es beschädigt.

Wir leben in einer Zeit, in dem es von allem viel, manchmal sogar ein großes Maß an „Zuviel“ gibt. Wenn Maren Würfel von der Universität Erfurt sagt: „Schon immer in der Geschichte der Medien haben Neue Medien den Menschen Angst gemacht.“, dann macht sich in mir die Angst breit, dass die Beziehungen unter Menschen immer mechanischer und unpersönlicher werden, dass wir unser Leben verkomplizieren und vergessen, wie man andere Menschen nach ihrem Namen fragt.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an:redaktion@wuerzburgerleben.de.

- ANZEIGE -

Kommentare zum Artikel

Kommentare zum Artikel

AUCH INTERESSANT