Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Liebeserklärung einer Exil-Würzburgerin

Ein Gastbeitrag von Johanna

Johanna ist gebürtige Würzburgerin und lebt seit 7 Jahren in Berlin. Dieses Jahr hat sie die Sommermonate aber in Würzburg verbracht. Warum? Das schreibt sie hier.

Würzburg. Eine Liebeserklärung

Jedes Mal, wenn ich im Zug sitze und die Ansage ertönt „in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Würzburg“, dann stehe ich ganz schnell auf. Dann klemme ich mir meinen total hippen Berliner Jutebeutel unter die Arme, den ich schon vor zig Jahren zum Leidwesen meiner Mutter als neue Schultasche ins Grünewald-Gymnasium ausführte. Damals stand noch HaWeGe drauf (kein Hipster-Wort, sondern ein Supermarkt, kennen viele vielleicht nicht mehr, das ist heute der Tegut.) Dann hiefe ich den schweren Koffer in den Flur. Da kann man nämlich besser aus dem Fenster sehen, während der Zug einfährt in die Stadt. Erst über den Südbahnhof und dann geht’s langsam gen Innenstadt. Jedes Mal liebe ich das. Wenn die kleinen Häuser nach und nach auftauchen, wenn die Weinberge in der Abendsonne leuchten. Und jedes Mal kriege ich Gänsehaut. Auch noch nach sieben Jahren.

Endlich steige ich aus und laufe vorbei an den netten Beamten in grün durch diesen fürchterlichen, hässlichsten Bahnhof aller Zeiten nach draußen. Trotzdem ist es der beste Bahnhof der Welt. Weil er mich nach Hause bringt.

Ein altes Klavier in der Pampa

Zugegeben: auch der Bahnhofsvorplatz ist nicht viel hübscher. Da ändert auch die malerische Kulisse der Weinberge nicht viel dran. Genauso unschön wie die Kaiserstraße. Bei mir heißt sie Durchgangsstraße. Irgendwie versucht sie das schnuckelige Flair aus der Juliuspromenade noch mitzunehmen, aber auf halber Strecke gen Bahnhof gibt sie sich erschöpft geschlagen. Ist auch okay so. Ich mag diese Unperfektheit in der ansonsten ziemlich makellosen Innenstadt.

Wenn ich da bin, dann gehe ich erstmal so viel spazieren wie ich kann. Durch die Felder hinter der Uni bis nach Randersacker. Wo ein altes Klavier mitten in der Pampa steht. Und eine kleine Kapelle. Man kann in die Weite sehen. So sehr. Das gibt’s in Berlin nicht. Man kann so weit blicken wie man möchte, man kann singend und lachend und weinend über die Felder rennen und ist dabei allein. Man muss dafür nicht weit fahren. Nur ein paar Minuten sich aufs Rad schwingen, das muss man. Und dann kann man sich einfach unter die blauen und grünen Weintrauben legen und in den Himmel gucken.

Ich laufe durch die Weinberge in der Sonne und durch die Straßen wenn es dunkel wird. Am liebsten mit Musik im Ohr. Dann sauge ich das alles in mich auf. Die kleinen lieben Gassen, die man alle kennt. Jede einzelne. Es gibt keine Ecke, an der man sich
verloren fühlt oder nicht mehr weiß, wie man nach Hause kommt weil man drei kleine rote Gläser zu viel aufm Kutter hatte. Oder fünf. Dann läuft man eben. Geht schon. Ist ja nicht weit.

„Weil keine Stadt so leuchtet wie du“

Am schönsten ist es natürlich an der Festung und am Mainkai. Oder nein, an der Steinburg. Und an der alten Mainbrücke. Am Graf-Luckner-Weiher und am Hubland. Im Lusamgärtchen und im Café Kult. Ach, ich weiß es nicht. Ich liebe dich besonders im Herbst. Weil keine Stadt so leuchtet wie du es tust. Wenn alles tiefrot ist und goldgelb inmitten von Weinbergen und Mainschleifen. Wenn die vielen abertausend kleinen Kirchtürme das Licht zurück spielen, während man auf der Festungsflimmernwiese sitzt und runter guckt, ins Bilderbuch.

Am besten ist sowieso das gute Wetter. Das weiß man erst zu schätzen wenn man es mal nicht mehr hat. Ständig scheint die Sonne und es regnet fast nie. Wirklich: unverschämt nie. Und wenn es mal grau ist, sieht man immer noch Wolkenkonturen und kriegt ein bisschen Licht ab, weil die Häuser nicht so hoch sind. Wenn es dann doch mal regnet, hält das meist nicht lange an. Binnen Sekunden braut sich alles zusammen, es donnert und regnet herab und verzieht sich dann wieder, als wäre kein Tropfen je vom Himmel gefallen.

„Ganz spontan – schön ist das.“

Wenn es Abend wird, trifft man alle möglichen bekannten Gesichter. Zufällig. Das ist ganz schön fantastisch, solche Zufälle gibt’s in Berlin eher selten weil es dafür zu groß ist. Man sagt zum Beispiel: Heute sind wir am alten Kranen, komm doch noch dazu wer Lust hat. Ganz spontan. Schön ist das. Dann zieht man weiter zum Rene und trifft wieder Leute, die man kennt. Man weiß, was Sache ist, man hat den Überblick. Wenn es eine Demo gibt, kriegt das jeder mit und wenn es Debatten um neue Einkaufszentren, das Mozartgymnasium oder die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber gibt, weiß man schnell wer welche Meinung vertritt und wie man selbst dazu steht und an wen man sich wenden kann.

Man weiß hier eben meist, womit man es zu tun hat. So findet man zum Beispiel nur eine Bodenstation und nicht tausend der Gleichen. Das ist etwas Besonderes. Hier gibt es nur ein Studio, eine Ulla und eine Uschi.

So, jetzt hab ich aber keine Zeit mehr. Ich muss mir nun sofort einen Zug buchen. Das ist ja so nicht zum Aushalten. In 500 Kilometern bin ich da. Bis gleich, liebes Würzburg. Du bleibst die Einzige, zu der ich immer wieder zurückkehren werde.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an:redaktion@wuerzburgerleben.de.

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