Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Auswanderer: Von Würzburg nach Berlin

Bei dem folgenden Interview handelt es sich um einen Gastbeitrag von Daniel und Andi:

Vom Kinderpfleger zum Alleinunterhalter

Andreas Piel, vor kurzem gerade 30 geworden, ist vor einem halben Jahr nach Kreuzberg gezogen, nachdem er die letzten vier Jahre am Prenzlauer Berg gewohnt hat. In den ersten Jahren in Berlin hat er zudem in Neukölln und Friedrichshain und auch kurz in Charlottenburg gewohnt. „Ich bin also schon etwas herumgekommen in meiner Wahlheimat.“ Momentan arbeitet er als Alleinunterhalter in einem kleinen Café am Prenzlauer Berg. In Bayern hat er eine Ausbildung zum Kinderpfleger gemacht, ist aber sofort in die Gastronomie gewechselt und hat vom Pizzabäcker, über Küchenhilfe, Barjobs, Teamkoordinator in einem Eisladen schon alles mögliche gemacht – was in dieser Branche eben so anfällt. Im Interview verrät er, was Würzburg von Berlin unterscheidet und wie er seine Heimatstadt heute sieht.

Würzburg erleben: Wann hast du die „Nachbarschaft“ verlassen und warum?

Andreas Piel: Nach Berlin gezogen bin ich im Frühjahr 2008, praktisch zeitgleich mit meinem damals engsten Freundeskreis. Zwei, drei Leute haben den Anfang gemacht, ich war ein paar Mal zu Besuch und bin recht schnell dem Lockruf und dem besonderen Charme der Bundeshauptstadt erlegen, eigentliches Ziel war das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg zu machen. So ist es nicht gekommen, geblieben bin ich trotzdem. Für mich war relativ schnell klar, dass es kein Zurück gibt, auch wenn ich der Liebe wegen zwischendurch wieder ein Jahr in Würzburg gelebt habe.

Würzburg erleben: Was empfindest du nach all den Jahren, wenn du heute nach Würzburg kommst und wie oft bist du im Jahr denn hier?

Andreas Piel: Würzburg ist für mich natürlich Heimat, meine Familie lebt hier, eine handvoll Freunde habe ich auch noch in Würzburg und ein paar ehemalige Arbeitskollegen, mit denen ich mich gerne zum Essen treffe. Von diesen Punkten abgesehen ist Berlin nach sieben Jahren mindestens meine zweite Heimat geworden. Mein Lebensmittelpunkt liegt natürlich absolut in Berlin und die Heimatbesuche werden immer weniger. Weihnachten habe ich es bis jetzt noch immer nach Würzburg geschafft. Das Weindorf ist noch so ein Pflichttermin, ansonsten fahre ich überwiegend zu Familienfeiern nach Würzburg oder wenn ich auf der Durchreise bin. Plus/minus drei bis viermal bin ich etwa im Jahr in Würzburg. Schön finde ich es in Würzburg aber auf jeden Fall, natürlich die Festung, Main oder einfach mal bei einem Stadtbummel.

Würzburg erleben: Was macht deinen neuen Wohnort attraktiver als Würzburg und was ist der große Unterschied?

Andreas Piel: Ja, was macht Berlin attraktiver als Würzburg – ca 3.5 Millionen Menschen mehr als in Würzburg. Berlin ist eine Metropole, ein Melting Pot, ein „place to be“ für ganz Europa und die halbe Welt, die Sprachenvielfalt, ca 3,5 Millionen verschiedene Arten von Menschen, unbegrenzte Ausgeh- und Freizeitmöglichkeiten, Kreuzberg und neukölln, die mitunter größte Bar-, Restaurant-, Streetfood-, Café-, Club- und Konzertszene Europas, das Ungezwungene, die Weltoffenheit, die kulturellen Möglichkeiten, leben und leben lassen, der ganz besondere und eigene Lebensstil, der im Süden so nur schwer möglich ist, das ganz eigene Stadtbild, das ungezwungene. manchmal hat man das Gefühl, hier arbeitet niemand – die Cafés sind immer voll. Die Spätis, Bier, Tabak und Essen, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, wunderschöne Frauen, wohin man schaut und die tausend anderen Dinge, die ich vergessen habe aufzuzählen.

Halt einfach die ganzen Vorzüge einer Großstadt, wobei Berlin sich da im Vergleich zu anderen deutschen Städten meiner Meinung nach nochmal abhebt. Berlins Eigenheiten mag nicht jeder, manchem ist es zu schmutzig, manchem vielleicht auch zu cool. Ich muss aber sagen, ich bin schon „deeply in love“ mit meiner Perle an der Spree! Wenn man es schafft, sich von der „Berlinblase“ nicht verschlucken zu lassen, kann ich mir keine bessere Stadt vorstellen. Glaubt mir vielleicht jetzt nicht jeder, Berlin ist aber die grünste Großstadt Europas – Parks ohne Ende. Was der große Unterschied ist zu Würzburg – einige der gerade aufgezählten Punkte und der Winter ist schon echt brutal hier– Eispanzer auf den Straßen, derber Wind, S–Bahn–Chaos, oft genug wird an der -20 Grad–Grenze gekratzt. Sonne scheint’s hier im Winter auch nicht zu geben. Das ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Aber es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Würzburg erleben:  Könntest du dir vorstellen eines Tages wieder in die „Nachbarschaft“ zu ziehen?

Andreas Piel: Ehrlich gesagt kann ich mir gerade nicht vorstellen, Berlin wieder zu verlassen. Aber man soll ja niemals nie sagen. Ob es dann unbedingt Würzburg wird, weiß ich nicht. Ich glaube das urbane Lebensgefühl würde mir zu sehr fehlen und Kinder kann man hier in Berlin auch super aufwachsen lassen, keine Frage. Trotzdem bin ich immer gerne in Würzburg. Ich muss aber sagen, dass mittlerweile stärkere Glücksgefühle in mir aufsteigen, wenn ich Berlins Stadttore entere. Stand heute: In Berlin werde ich alt.

Würzburg erleben: Was fehlt dem Würzburger an sich verglichen mit dem Hauptstädter?

Andreas Piel: Puh, schwere Frage. Der Franke und der Berliner sind von ihrer leicht mürrischen Grundstimmung gar nicht so verschieden. Was mir an mir selbst aufgefallen ist – ich bilde mir immer weniger Urteile über andere menschen und akzeptiere und respektiere andere Einstellungen zum Leben viel mehr – Rechtsextremismus und andere sehr unschöne dinge ausgenommen. Das hat mich Berlin auf jeden Fall gelehrt. Der gemeine Franke an sich könnte teilweise mehr über den Tellerrand schauen und sollte vielleicht etwas mehr vor der eigenen Haustüre kehren und sich nicht so sehr damit beschäftigen, was der Nachbar, Freund, Arbeitskollege so mit seinem Leben anfängt – bezogen auf so ziemlich alles! „just my two cents“. Wobei ich da viele, viele junge Würzburger rausnehmen kann. Ist halt ́ne Studentenstadt und zumindest einige von denen sind da die Susnahme von der Regel.

Würzburg erleben: Wie viel Hipstertum steckt in einem nach sieben Jahren Berlin?

Andreas Piel: Schöne Frage! Da mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Was soll ich sagen, der Kelch ist nicht an mir vorbeigegangen. ich habe schon einen Hang zu den schönen Dingen, stehe voll auf third wave coffee und verbringe für mein Leben gerne den ganzen Tag in den vielen tollen Cafés, die es hier gibt. Ich wohne direkt neben der Markthalle 9, dem Hipster Epizentrum schlechthin (5.000 Menschen strömen alleine zum Streetfood Tag jeden Donnerstag in die Halle) nur ein Macbook besitze ich nicht. Meinem Kleidungsstil sieht man es vielleicht auch etwas an, auch wenn es nicht so krasse Blüten trägt, wie bei so manch anderem meiner Mitbürger.

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