Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Kaum Ausbildungspätze für niedrigere Schulabschlüsse

Interview mit Björn Wortmann (Berufsbildungsexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes Unterfranken)

„Die Abschottung vieler Ausbildungsberufe für Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen muss beendet werden“

Das System der dualen Berufsausbildung schrumpft: Mit 8081 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen stellt sich die Ausbildungssituation in Unterfranken auf konstant niedrigem Niveau dar. Im Jahr 2014 wurden fast 400 Ausbildungsverträge weniger geschlossen als im Jahr 2013. Die Quote der Ausbildungsbetriebe in Bayern liegt mit 28 Prozent auf dem tiefsten Wert seit 2000. Laut einem Report des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) bildet lediglich „etwas mehr als ein Drittel“ der Ausbildungsbetriebe Jugendliche mit Hauptschulabschluss aus.

Das sind nur rund sieben Prozent der Betriebe in Deutschland. Noch immer gibt es mehrere hundert Jugendliche in Unterfranken, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Trotz robuster Konjunktur, günstiger Demographie und unbesetzten Ausbildungsplätzen ist im Jahr 2014 die Zahl der jungen Menschen im Übergangsbereich sogar leicht gestiegen. Wir sprachen mit Björn Wortmann, Berufsbildungsexperte des DGB Unterfranken über die Situation von jungen Menschen auf dem Ausbildungsstellenmarkt.

Wie stellt sich der Ausbildungsmarkt in Unterfranken dar?

Björn Wortmann: Es ist schwierig pauschale Aussagen zu Unterfranken zu treffen. Insgesamt ist die Zahl der Bewerber rückläufig. Dennoch münden noch immer zu wenige Jugendliche in eine duale Ausbildung ein. Nur rund 60 Prozent der Bewerber beginnen in Unterfranken eine duale Ausbildung. Wir haben festgestellt, dass sich der Ausbildungsstellenmarkt in Aschaffenburg deutlich von dem Schweinfurter oder dem Würzburger unterscheidet. Während sich die Angebot-Nachfrage-Situation in Würzburg und Schweinfurt allmählich entspannt, ist die Situation in Aschaffenburg weiterhin sehr angespannt. Ein Beispiel: In Aschaffenburg gibt es über 600 Bewerber mehr als angebotene Ausbildungsplätze. Darüber hinaus wurden von den Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr über 100 Ausbildungsplätze weniger angeboten.

Wer kann eine duale Ausbildung beginnen?

Björn Wortmann: Der Schulabschluss des Jugendlichen spielt nach dem Berufsbildungsgesetz bei der Aufnahme einer Ausbildung keine Rolle. Es gibt keine formalen Zugangshürden auf dem Weg in eine betriebliche Ausbildung, auch Jugendliche ohne Schulabschluss können theoretisch eine Ausbildung beginnen. Die Realität zeigt aber, dass immer mehr Jugendliche in der dualen Bildung eine Studienberechtigung haben und weniger Jugendliche einen Mittelschulabschluss.

Können Sie das konkretisieren? Kann von einer Akademisierung einer ganzen Generation gesprochen werden?

Björn Wortmann: Wir nehmen Veränderungen wahr. Obwohl es weniger Bewerber für eine duale Ausbildung gibt, verfestigt sich der Trend hin zu mindestens einem Mittleren Abschluss bzw. zur Studienberechtigung. Fast ein Drittel aller Azubis in Industrie und Handel hat mittlerweile eine Studienberechtigung. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Zahl der Jugendlichen mit Mittelschulabschluss im dualen System ist rückläufig. Man könnte meinen, die sinkende Zahl habe einzig mit dem demografischen Wandel zu tun. Dieser Zusammenhang greift zu kurz. 44 Prozent der Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben und im Übergangssystem feststecken, haben einen Mittelschulabschluss. Es drohen immer mehr Jugendliche, die maximal einen Mittelschulabschluss haben, abgehängt zu werden.

Findet ein Verdrängungswettbewerb zu Lasten der Jugendlichen mit Mittelschulabschluss statt bzw. geben die Unternehmen in ihren Auswahlverfahren zu wenig Jugendlichen mit Mittelschulabschluss eine Chance?

Björn Wortmann: Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat die IHK Lehrstellenbörse untersucht und festgestellt, dass nur rund 40 Prozent der angebotenen Ausbildungsplätzen Jugendlichen mit Mittelschulabschluss offen stehen. Das heißt, 60 Prozent werden von vorne herein ausgeschlossen und müssen ihre Bewerbungsunterlagen erst gar nicht versenden. Jugendliche ohne Schulabschluss haben praktisch keine Chance. Betriebe müssen ihr Einstellungsverhalten ändern: Die Betriebe dürfen bei der Auswahl der Auszubildenden keine Bestenauslese mehr betreiben. Die faktische Abschottung vieler Ausbildungsberufe für Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen muss beendet werden.

Gibt es Branchenunterschiede?

Björn Wortmann: Es fällt besonders auf, dass viele Unternehmen in der Hotel- und Gastronomiebranche, die seit Jahren über massive Besetzungsprobleme klagen, Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss von ihrem Auswahlverfahren ausschließen. So stehen bei den Hotelfachkräften 60 Prozent der Ausbildungsplatzangebote dieser Zielgruppe nicht offen.

Was bedeutet das für die Jugendlichen?

Björn Wortmann: Für viele Jugendliche bleiben von vorneherein Türen verschlossen und Wege versperrt. Das können wir uns in der Debatte um Fachkräftesicherung und Zukunftsperspektiven für Jugendliche nicht leisten. Viele Unternehmen machen es sich zu einfach, wenn sie Jugendlichen mangelnde Ausbildungsreife unterstellen und weniger Ausbildungsplätze anbieten. Untersuchungen zeigen, dass viele Unternehmen, die Jugendliche mit einem Mittelschulabschluss eingestellt haben, durchaus zufrieden sind. Deswegen appelliere ich an die Arbeitgeber: Lasst keinen Jugendlichen zurück, sondern gebt ihnen eine Chance! Jugendliche, die einen besonderen Unterstützungsbedarf benötigen, können diesen erhalten und sollten diesen auch einfordern.

Wie kann eine derartige Unterstützung aussehen?

Björn Wortmann: Der Unterstützungsbedarf sollte sich an der Biografie der Jugendlichen orientieren. Je nach Anforderung und Lebenslauf können Angebote wie Nachhilfe in bestimmten Unterrichtsfächern, aber auch sozialpädagogische Betreuung  unterbreitet werden. Jugendliche mit Förderbedarf und Betriebe brauchen mehr Unterstützung. Die ausbildungsbegleitenden Hilfen müssen weiterentwickelt und ausgebaut werden. Hier gibt es in der Allianz für Aus- und Weiterbildung wichtige Weichenstellungen. So haben sich die Allianz-Partner darauf verständigt, dass der Personenkreis für ausbildungsbegleitende Hilfen ausgedehnt und die assistierte Ausbildung als neues integratives Förderinstrument angeboten wird.

Dieser Artikel beruht auf einer Presseinformation des Deutschen Gewerkschaftsbundes Unterfranken.

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